Frank Elstner 1981 bei der allerersten „Wetten, dass . . ?“-Sendung Foto: dpa

„Wetten, dass . . ?“ ein TV-Dinosaurier, ein Überbleibsel aus Zeiten, als man möglichst für ein breites Publikum Programm machen musste. Heute geht Fernsehen anders.

Stuttgart/Nürnberg - Das Bühnenbild sieht aus wie Tetris. Die Musik klingt nach Disco. Ein Mann will die Zahl Pi bis auf hundert Stellen nach dem Komma aufsagen, ein anderer ein Eisen mit Muskelkraft zum Glühen bringen. Engelbert singt die Schnulze „The Last Waltz“. Barbara ­Valentin bekommt ihren persönlichen Zigarettenanzünder spendiert. Ted liegt mal wieder richtig. Curd Jürgens rutscht ­staunend auf der speckig-braunen Kunstledercouch hin und her, und Frank Elstner überzieht 43 Minuten.

Als am 14. Februar 1981 das erste Mal im ZDF „Wetten, dass . . ?“ auf Sendung geht, ist die Fernsehwelt noch in Ordnung. Diese besteht aus drei Programmen, kennt noch so etwas wie Sendeschluss. Und TV-Shows am Samstagabend sind ein Familienritual, ein Gemeinschaft stiftendes Ereignis. Am Montag danach sind Frank Elstners Wetten auf dem Schulhof ebenso Gesprächsthema wie in der Betriebskantine oder am Stammtisch. Da erinnert man sich gegenseitig daran, wie toll das war, als Hans Oßner in dieser neuen Show namens „Wetten, dass . . ?“ ganz tief Luft holt und eine Wärmflasche so doll aufpustet, bis sie platzt.

33 Jahre später genügt es nicht mehr, dicke Backen zu machen. Schuld am Ende dieses Dinosauriers der TV-Unterhaltung ist nicht der glücklose Markus Lanz, nicht der Vorwurf der Schleichwerbung, nicht der Unfall von Samuel Koch im Dezember 2010 und nicht die Castingshow-Konkurrenz. Schuld am Ende von „Wetten, dass . . ?“ ist, dass Fernsehen heute nicht mehr zum Ereignis taugt, dass die Medienrealität im Jahr 2014 eine ganz andere ist als die im Jahr 1981.

Einst waren Samstagabendshows wie ­Hans-Joachim Kulenkampffs „Einer wird gewinnen“ (1964–1987), Rudi Carrells „Am laufenden Band“ (1974–1979), Peter Frankenfelds „Musik ist Trumpf“ (1975–1978) oder Joachim Fuchsbergers „Auf Los geht’s los“ (1977–1986) Publikumsmagnete. Bis zu 23 Millionen schauten zu Elstner-Zeiten „Wetten, dass . . ?“ Heute schalten bei Lanz gerade mal 5,4 Millionen ein. Jede „Sportschau“-Ausgabe hat mehr Zuschauer. Kein Wunder also, dass das Aus die meisten Deutschen kalt lässt: Laut einer Forsa-Umfrage, die der „Stern“ in Auftrag gegeben hat, sagen 87 Prozent der Befragten, dass sie die Show nicht vermissen werden.

Das letzte Fernseh-Lagerfeuer ist der "Tatort"

Garanten für hohe Einschaltquoten sind heute neben Sportspektakeln wie der Fußball-WM nur noch die „Tatort“-Folgen. Die Jury des Grimme-Preises, der wichtigsten TV-Auszeichnung Deutschlands, hat den „Tatort“ daher auch zum „letzten Fernseh-Lagerfeuer“ ernannt, weil dieser generationsübergreifend Zuschauer gemeinsam vor den TV-Apparat lockt. Während Krimis als der kleinste gemeinsam Nenner taugen, passen überlange Showungetüme wie „Wetten, dass . . ?“ nicht in die schöne neue, ungeduldige Unterhaltungswelt. Das 21. Jahrhundert ist das Zeitalter der mobilen Abspielgeräte und der kleinen Formen, der Videohäppchen für den kleinen TV-Appetit zwischendurch.

Das Internet hat nicht nur die Aufmerksamkeitsspanne drastisch verkürzt. Es überflutet einen auch mit so vielen Promi-Videoschnipseln, dass ein Gastauftritt von Robbie Williams oder Miley Cyrus nicht reicht, um einen Teenie dazu zu bringen, mal vom eigenen Smartphone aufzublicken.

Am besten funktionieren heute noch die TV-Shows, die menschliche Abgründe auftun und zum Fremdschämen einladen („Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“, „Deutschland sucht den Superstar“) oder in denen es darum geht, dass Menschen wie du und ich Millionengewinne winken („Wer wird Millionär?“, „Schlag den Raab“). Shows, denen gemeinsam ist, dass sie in kleinen mal mehr, mal weniger appetitlichen Häppchen serviert werden können.

An einem ausufernden Showkonzept wie „Wetten, dass . . ?“ festzuhalten hieße, die veränderte Medienwirklichkeit im 21. Jahrhundert zu ignorieren. In Zeiten, in denen jedes Telefon Fernseher sein kann, jeder also sein eigenes Abspielgerät hat, will auch jeder sein eigenes Programm machen. Die sogenannten Digital Natives, also die Generation, die mit der digitalen Unterhaltungstechnologie groß geworden ist, lassen sich nicht mehr vorschreiben, wann und wo sie ihre Lieblingsserien, ihre Lieblingsfilme, ihre Lieblingssendungen gucken dürfen.

Fernsehen im Jahr 2014 ist kein Gemeinschaftserlebnis mehr. Während auf dem TV-Apparat die „Sportschau“ läuft, die Papa eingeschaltet hat, holt Mama auf dem Notebook die letzte „Report“-Sendung nach, das Töchterchen klickt sich auf ihrem Handy durch You-Tube-Comedyclips, und der Sohnemann schaut heimlich auf seinem Tablet die neueste Folge von „The Walking Dead“.

Das herkömmliche Fernsehen hat ausgedient

Einst waren die großen Unterhaltungsshows das Aushängeschild der Sender, die Markenartikel, mit denen sie ihr Profil schärften, mit denen sie ihre Qualitätsstandards definierten, mit denen sie ihr Kerngeschäft machten. Heute haben vor allem TV-Serien diese Funktion.

Am beliebsten sind laut einer Statista-Umfrage in Deutschland die Serien „The Big Bang Theory“, „How I Met Your Mother“ und „Two And A Half Man“ – Comedyformate, bei denen jede Folge nur 20 Minuten dauert, die Woche für Woche mehrere Millionen Zuschauer haben. Hinzu kommen noch all jene, die diese Sitcoms zeitversetzt als Videoaufnahme oder online sehen.

Denn das junge Publikum lässt sich nicht mehr vorschreiben, wann und wo es seine Lieblingsserien gucken darf. Und wenn man sich mal vor den TV-Apparat setzt, wird nebenher am Handy getwittert, gechattet oder gebloggt. Und spätestens seit in diesem Jahr der Internetsender Netflix auch in Deutschland ins TV-Geschäft eingestiegen ist, wurde deutlich: Nicht nur die herkömmlichen Großshows haben ausgedient, sondern auch die herkömmlichen Sender, die bloß Programm nach Vorschrift machen.

„Wetten, dass . . ?“ ist das Überbleibsel aus einer Zeit, als das Fernsehprogramm Verhandlungssache war, als Familien mit nur einem TV-Gerät im Haus einen gemeinsamen Nenner finden mussten. Heute schaut jeder, was er will – und wann er will. Möglich machen das die Online-Angebote der Fernsehsender, mit denen man sich an mobilen Geräten sein eigenes Fernsehprogramm zusammenstellen kann. Im Jahr 2014 muss man sich zum Glück nicht mehr mit Konsens-TV begnügen. Die Fernsehshow, auf die sich alle einigen können, hat ausgedient.

Ebenso die Einschaltquote. Weil diese die geänderten Sehgewohnheiten, die vielfältigen Möglichkeiten der Mediennutzung nicht berücksichtigt, wird sie als Messinstrument fragwürdig – und sie lähmt die Kreativität. Denn was ist eigentlich so toll daran, wenn alle dasselbe schauen? Das Beste an der Medienwirklichkeit des 21. Jahrhunderts ist, dass sie bunter und vielfältiger ist als je zuvor, dass jeder sein eigenes Programm bekommt, dass alle Nischen besetzt sind. Dass nicht mehr alle das Gleiche schauen, ist kein Problem, sondern eine Chance. Und wer am Samstagabend etwas mit der ganzen Familie unternehmen will, für den sollte sowieso fernsehen nicht die erste Wahl sein.

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