Im Gasthof Rose, der heute Taverna bei Mariola und Nico heißt, stand der erste Fernseher von Nellmersbach. Foto: Gottfried Stoppel/ Foto:  

Mit seinem Kinderbuch „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ wurde Werner Holzwarth weltberühmt. Auch er selbst hat als Kind in Nellmersbach und Winnenden Ausgrenzung erlebt.

Bis zum Gartenzaun verfolgten die anderen Dorfbuben ihn manchmal. Frotzelten, lachten. „Morga gibt’s da Ranza voll!“ Weil er anders war als sie, ruhiger, oft in sich gekehrt. Weil er Mutters Söhnchen war und Bluejeans von Tante Ottilie aus Amerika trug – und keine Strumpfhalter und kurzen Lederhosen wie sie. Aber hinterm Gartenzaun, das Elternhaus im Rücken, schlug Werner Holzwarth zurück, zumindest mit Worten. „Ihr Bauraseggl!“, schrie er dann. Genutzt hat es nichts: „Ich passte nicht dazu.“

 

70 Jahre später steht Werner Holzwarth in der Bahnhofsstraße im Dorfzentrum von Nellmersbach und sieht sich um. Der Gartenzaun liegt gleich um die Biegung. Aber es ist überhaupt ein guter Standort, um von hier aus seine Kindheit zu durchmessen, Achsen zu ziehen in die Erinnerung an die ländliche Welt der 50er Jahre.

Der erste Fernseher stand im Gasthaus Rose

Zum Beispiel an das Gasthaus Rose, das heute Taverna bei Mariola & Nico heißt. Der erste Röhrenapparat von Nellmersbach stand im Gastraum, eine Schau! 1952 nahm der Vater den fünfjährigen Bub zur Übertragung des Springreiter-Finales der Olympischen Sommerspiele mit. Eine Sinalco gab es für das Kind und zwei Salzstangen. Fritz Tiedemann, der das Reiten noch in der SA-Reichsreiterführerschule gelernt hatte, holte auf dem Holsteiner Meteor die Bronzemedaille für sein Land.

Gleich gegenüber der Rose steht auch noch der Stall. Ein prächtiger Zuchtbulle war hier zu Hause. Einträchtig beobachteten die Kinder des Dorfes sein brachiales Liebesspiel mit den Kuhdamen, die ihm zugeführt wurden. Ein Stück weiter die Bahnhofstraße hinauf, wo diese sich mit der B 14 Richtung Winnenden kreuzt, lagen die Buben manchmal auf der Fahrbahn, das Ohr am Asphalt, um zu hören, wann das nächste Auto kommt – so selten war das der Fall.

Sein Buch verkaufte sich viereinhalb Millionen mal

Werner Holzwarth, 76 Jahre alt, lebt heute in Frankfurt. Er war schon erfolgreicher Werber und Professor für Visuelle Kommunikation. Aber bekannt ist er vor allem als Kinderbuchautor. Sein „Kleiner Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ ist ein Bestseller. Bis heute verkaufte sich das Buch viereinhalb Millionen Mal, wurde in 43 Sprachen übersetzt. Rund 30 weitere Bücher hat Werner Holzwarth geschrieben, er scheint noch lange nicht fertig.

Es sind die Randfiguren, die seine Geschichten bevölkern. Nicht die Löwen und Adler dieser Welt, sondern die Maulwürfe, Frösche und Käfer, die mit den kleinen Beschwernissen ihres Alltags kämpfen. Denen der gemeine Metzgershund Hans-Heinrich auf den Kopf macht, die anecken, weil sie zu schüchtern sind, Danke zu sagen, die sich klein fühlen, weil sie am Waldboden herumkrabbeln, die gern anders wären. Werner Holzwarths Bücher sind oft klassische Heldenreisen, auf denen die Kleinen über sich selbst hinauswachsen und über die Großen auch. Und wenn es doch mal ein Gockel zur Hauptfigur schafft, dann zeigt Werner Holzwarth ihn als tragischen Sonnenkönig. Ja, es könne schon sein, dass sich in seinen Büchern auch Kindheitserfahrungen spiegeln, sagt der Autor.

Werner Holzwarth wird 1947 geboren. Vater Alwin stammt aus einer Bäckersfamilie in Nellmersbach. Aus dem Zweiten Weltkrieg, in dem er als Gebirgsjäger kämpft, kommt der Mann 1946 gezeichnet nach Hause. Müde und still– so erlebt der Sohn ihn oft. Trotzdem schafft sich der Vater als Versicherungskaufmann bei der Allianz in der Stuttgarter Silberburgstraße hoch. Kommt sechs Tage die Woche erst spät am Abend zurück.

Die Großeltern Maier hatten ein Café in Winnenden

Für seine Frau Maria wird der einzige Sohn Werner umso wichtiger. Als Geschäftsleutetochter aus der „Großstadt“ Winnenden passt auch sie nicht so recht in die bäuerliche Gemeinschaft von Nellmersbach. Ihre Eltern betreiben ein Café mit Fremdenzimmern, einen Kiosk, eine Nutria- und Hühnerzucht, bauen ein stattliches Haus im Schwarzwaldstil am Rande der Stadt. Maria Holzwarth ist Hausfrau und hat oft Migräne. Wie so eine feine Dame, finden die Bauersfrauen. „Jetzt fährt se scho wiedr nach Wennada“, heißt es, wenn sie den Sohn vorn ins Fahrradkörble packt, weil es sie zu ihrer Familie drängt.

Wenn Werner Holzwarth über seine Kindheit spricht, dann ist da immer eine Dialektik. Aus der gefühlten Ferne zu seinem Vater in Kindertagen wird eine späte Nähe, als sie älter werden. Die Ausgrenzung der Dorfbuben festigt die enge Freundschaft zu seinem Winnender Cousin. Die Stunden am Spielfeldrand des TSV Nellmersbach münden in eine glühende Liebe zum VfB Stuttgart. Und die Fluchten von Mutter und Sohn mit dem Rad über die Äcker nach Winnenden schenken ihm seinen Kindheitsgeruch: jener von abgeernteten Feldern, auf die nach einem heißen Tag der Sommerregen fällt. Werner Holzwarths Biografie erzählt von dem Zwiespalt, der Heimat immer auch ist, vielleicht sein muss.

Lehrer aus der Nazi-Zeit

1959 ziehen Mutter, Vater und Kind von Nellmersbach nach Winnenden. Hinter dem Haus der Großeltern, ein Stück den Hang hoch, bauen sie ihr eigenes. Auf dem Progymnasium, das der Teenager nun besucht, unterrichten noch Lehrer aus dem Dritten Reich. Müpft er auf, zieht ihn der Rektor am Haarbüschel über dem Ohr, wo die Haut besonders empfindlich ist.

Das künstlerisch-sprachliche Talent, das in dem Jungen schlummern muss, will keiner wecken, im Gegenteil: „Des kannsch’ du net“, sind die Fräulein überzeugt, die Musik und Kunst unterrichten. Es ist eine „bleierne Zeit“. Nach der zehnten Klasse sagt Werner Holzwarth zu seinem Vater: „Ich mach, was du willsch, aber ich geh net weiter auf die Schule!“ – „Gut, dann machsch eine Lehre beim Kärcher“, sagt der. Und so passiert es dann auch.

Schmusen auf dem Haselstein

Aber in der Berufsschulzeit, so beschreibt es der Autor, „geht plötzlich etwas auf“. Zwar interessiert ihn in der Lehre zum Industriekaufmann nur die Werbeabteilung, weil da die offensten Leute arbeiten, aber er lebt jetzt ohnehin für den Feierabend. Im Erdgeschoss des Elternhauses darf er sich einen Partyraum einrichten. Auf alten Sesseln und Matratzen wird geraucht, Wermut getrunken und geschmust. Auf dem Plattenspieler drehen sich die Kinks, die Yardbirds und der Soul von Otis Redding. „Bei mir war immer die Hölle los“, sagt Werner Holzwarth.

Im Fiat von Freund Walter brausen sie nachts nach Cannstatt zum Currywurstessen oder in die Stuttgarter Altstadt, wenn dort ihr Lebensgefühl-Song „Eve of Destruction“ läuft. Oft fahren sie auf den Haselstein zum alten Steinbruch. Irgendeiner hat immer Musik, eine Zwei-Liter-Flasche Silberadler und eine Decke dabei. Mit seiner ersten Liebe Irene aus Backnang sitzt er auf dem Fingerle-Felsen eng umschlungen. Der Blick geht nach Breuningsweiler, Hanweiler, über die Weinberge des Remstals – und vielleicht schon darüber hinaus.

Er schämt sich für sein Schwäbisch

Nach der Ausbildung zieht es Werner Holzwarth 1968 nach Berlin, auch, weil er so den Wehrdienst umgehen kann. Vier Wochen redet er dort kein Wort, weil er sich für sein Schwäbisch schämt, dann kann er Hochdeutsch. Er studiert an der Hochschule der Künste, lernt Grafik, Druck und Werbung. Er entwickelt Kampagnen für Lufthansa, Levi’s, Schwarzkopf, American Express. Der Vater ist stolz und sagt es so: „Du verdiensch’ jetzt mehr als ich!“

Später zieht Werner Holzwarth nach Frankfurt, gründet seine eigene Agentur und verkauft sie wieder, die Bauhaus-Universität Weimar beruft ihn zum Professor. Er heiratet zweimal, wird Vater dreier Söhne. 1989 erscheint das Maulwurf-Buch. Der Rest sind seine Geschichten.