Andreas Strunk (rechts) empfindet die Einladung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ins Schloss Bellevue als Krönung seiner Karriere. Foto: privat

Andreas Strunk beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Konzepten gegen Obdachlosigkeit. Auch der Bundespräsident schätzt die Expertise des Wernauers. Im Schloss Bellevue diskutierten beide über Strunks Thesen.

Der 11. September ist der Tag der Wohnungslosen. Bundespräsident Frank Walter Steinmeier, der selbst über ein Thema zur Obdachlosigkeit promoviert hat, lud aus diesem Anlass dieses Jahr Betroffene und Experten zu einem Gesprächsforum ins Schloss Bellevue ein. Unter ihnen war Andreas Strunk, der seit 1995 in Wernau lebt. Der emeritierte Professor gilt als versierter Experte auf dem Gebiet.

 

Seit Jahrzehnten dem Thema verbunden

Ist es nicht ein Traum, zu seinem Herzensthema an höchster Stelle im Staat gehört zu werden? Andreas Strunk empfindet das so, zumal das Gespräch in freundlicher Atmosphäre und konstruktiv verlaufen sei, wie er berichtet. Er sei dem Bundespräsidenten und weiteren maßgeblichen Bundespolitikern direkt gegenübergesessen und habe seine Thesen vortragen können. „Es war richtig gut“, sagt er. Die Politiker hätten aufmerksam zugehört und Steinmeier habe einen von Strunks Kerngedanken direkt aufgegriffen: nämlich, dass eine gezielte lokale Planung des Sozialraums zielführender ist als einzelne Modellprojekte für Wohnungslose. Diese Strategie der Normalisierung vertritt der 79-Jährige seit Jahrzehnten. Für ihn war das Gespräch damit auch „in gewisser Weise die Krönung meiner Karriere“.

Dabei hat Strunk ein bewegtes Berufsleben hinter sich. Er hat zahlreiche Projekte begleitet, Vereine gegründet, Organisationen und Aufsichtsräten angehört, Publikationen veröffentlicht, Bücher und Zeitschriften herausgegeben und Ausstellungen mitinitiiert. Sein Archiv zu Themen der Wohnungslosenhilfe hat er kürzlich dem Stuttgarter Stadtarchiv überlassen, das eigens dazu im Oktober eine Tagung veranstaltet.

In den 70er-Jahren Leiter des Stuttgarter Obdachlosenasyls

Innovative Ansätze haben ihn immer besonders interessiert. Er studierte zunächst Psychologie und Theologie, wechselte dann zur Architektur. Wobei für ihn, auch unterm Einfluss der 68er, immer der sozialplanerische Ansatz im Mittelpunkt stand: Es sollte nicht um die Ästhetik von Gebäuden gehen, sondern darum, wie Menschen wohnen möchten. In diesem Sinn hat er später auch zum Doktor der Philologie promoviert.

1977, nach einem am Ende des Studiums durchgeführten Projekt für die Stuttgarter Sozialverwaltung, wurde er zum Leiter des dortigen Städtischen Obdachlosenasyls. Und praktizierte schon damals einen Ansatz, der in den vergangenen Jahren unter dem Schlagwort „Housing first“ wieder sehr populär geworden ist. Er besagt, dass wohnungslose Menschen vor allen anderen Hilfen ein eigenes Dach über dem Kopf brauchen. Denn das ist die oberste Voraussetzung, um ein normales Leben zu können.

So wurde der Verein Ambulante Hilfe Stuttgart, 1977 unter dem Vorsitz von Andreas Strunk gegründet, schon früh selbst aktiv im Wohnungsbau. Er besitzt heute mehr als 150 Wohnungen. Aber, räumt Strunk ein, das sei bei den Organisationen der Wohnungslosenhilfe „immer noch die Ausnahme“. Trotzdem hält er die Normalisierungsstrategie – heute würde man vielleicht von Inklusion sprechen – für richtig. Im Bereich der Altenhilfe hat sich der Gedanke, „die Assistenzleistungen in die eigene Wohnung reinzuorganisieren“, besser durchgesetzt: Das geschieht heute auf breiter Basis.

Austausch mit Betroffenen

Konzepte zu entwickeln, in der Praxis zu erproben und zu evaluieren, das war kennzeichnend für den weiteren Weg des Sozialplaners. Er führte Projekte am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, einer Frankfurter Denkfabrik, durch, stellte einen Jugendhilfeträger in Bremen neu auf, erhielt zusammen mit einer Rechtsanwältin einen Förderpreis für ein Projekt mit jungen Haftentlassenen. Er gründete Vereine im Bereich Jugend- und Obdachlosenhilfe, unter anderem mit Studierenden zusammen den Verein Wohnnetz oder in Wernau den Ökumenischen Verein für Soziale Aufgaben.

Egal, was er gerade machte: Zentral sei für ihn stets der Austausch mit den Betroffenen gewesen. „Ich mache nur dann eine gute Planung, wenn ich sehr genau weiß, was die Klienten wollen. Und wenn ich das nicht weiß, muss ich sie befragen“, sagt Strunk. So sind aus seiner Arbeit heraus auch Freundschaften entstanden; einige ehemals Wohnungslose begleitet Strunk seit Jahrzehnten.

Sechs Jahre an der Hochschule Esslingen gelehrt

Bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2007 war er sechs Jahre lang an der Hochschule für Sozialwesen in Esslingen tätig – mit Unterbrechung, weil er zwischendrin in der Wohnungswirtschaft arbeitete. Ein Seitenwechsel? Auch davor hatte der kreative Denker keine Scheu. Er wollte herausfinden, ob sich die Privatisierung von Mietwohnungen positiv auf die Entwicklung von Quartieren auswirkt. „Ein sehr umstrittener Ansatz“, sagt er. Sein Fazit: Unter bestimmten Bedingungen kann es funktionieren. Auch hier gelte: ausprobieren und Erfahrung sammeln.

Andreas Strunks Positionen

Priorität
Der allgemeine Wohnungsmarkt „meidet“ bestimmte Personengruppen. Sie haben, unabhängig von ihrer Person, so gut wie keine Chance, eine Wohnung zu bekommen. Gleichzeitig ist es oberster Wunsch aller Wohnungslosen, vor allen anderen Hilfen, eine Wohnung zu bekommen. Das muss ohne Wenn und Aber geschehen. Weitere, begleitende und individuelle Unterstützung folgt im Anschluss. Auch für wohnungslose Menschen gilt der Inklusionsgrundsatz der Behindertencharta der Vereinten Nationen.

Bauen
Die Wohnungslosenhilfe muss selbst Wohnungen bauen und damit zu einem Akteur des „Normalmarkts“ werden. Im Idealfall bekommt sie dabei Unterstützung durch die öffentliche Hand, etwa so (nach dem Stuttgarter Modell): Die Kommune stellt günstige Grundstücke zur Verfügung, ein Wohlfahrtsverband gewährt Eigenkapitalergänzungsmittel, das Land gibt Fördermittel aus einem Wohnungslosen-Programm dazu. Zusätzlich wirft der Träger aus der Wohnungslosenhilfe Spenden ein.