Die Region will Fans aus dem Ausland umgarnen, die zur Fußball-EM nach Stuttgart kommen, um sie als Fachkräfte in die Region zu locken. Kann diese Rechnung aufgehen?
Von einer echten Stadion-Atmosphäre zu sprechen wäre vielleicht etwas übertrieben. Aber selten ist es in den vergangenen Jahren in einer Sitzung des Wirtschaftsausschusses der Region derart hoch hergegangen wie am Mittwoch.
Im Mittelpunkt stand die Frage: Soll die Region – wie das die FDP beantragt hat – 120 000 Euro für eine Kampagne in die Hand nehmen, um im Rahmen der Fußball-Europameisterschaft Fachkräfte für die Region zu gewinnen. Den Fans aus Belgien, Dänemark, Schottland, Ungarn und Slowenien soll die Region als Lebens- und Arbeitsraum nähergebracht werden. Die EM als Jobbörse also – die Idee erscheint verlockend. Der FDP-Regionalrat Hartfrid Wolff war überzeugt: „Diese Chance dürfen wir uns nicht entgehen lassen.“
Fußball schauen, Bier trinken?
Doch die Fragen, ob ins Stadion strömende Fans eigentlich „nur Fußball schauen und Bier trinken“ wollen, wie ein Sprecher es überspitzt formulierte, oder ob sie ganz nebenbei auch ein Auge für die Bemühungen der Region zur Behebung des Fachkräftemangels rund um Stuttgart haben könnten, spalteten das Gremium. Auch über die Frage, ob 120 000 Euro nicht viel zu wenig Geld ist, um im Megaprojekt EM überhaupt wahrgenommen zu werden, wurde heftig gestritten.
Michael Kaiser, dem neuen Chef der regionalen Wirtschaftsförderung, fiel die undankbare Aufgabe zu, die von seinen Mitarbeitern eilends gesammelten Vorschläge zu präsentieren. Allerdings räumte Kaiser gleich offen ein, dass die Möglichkeiten der Region, an zentralen Stellen in der Stadt für sich zu werben, begrenzt sind.
Sondergebiete ums Stadion und die Fanzone in der Innenstadt
Denn während der EM gibt es rund um alle Austragungsorte Zonen, in denen lediglich von der Uefa zugelassene Partner werben und kommunizieren dürfen. Diese Plätze sind schon lange vergeben, zudem wären aus Sicht der Uefa 120 000 Euro bestenfalls Peanuts. Aber selbst in der Fanzone in der Innenstadt, die den Schloss-, Markt-, Karls- und Schillerplatz umfasst, gelten besondere Regeln: Hier dürfen nur vier lokale Förderer, die allesamt schon benannt sind, bestimmte Themen bewerben.
Von den drei Alternativ-Modellen für eine laut Kaiser „kleine Kampagne“ komme aus Sicht der Wirtschaftsförderung letztlich nur eine infrage: Den Fans soll auf ihrem Weg von Hotels, aber auch am Flughafen und im Hauptbahnhof sowie entlang der – dann hoffentlich nicht gesperrten – S-Bahn-Stammstrecke über die dortigen digitalen Werbeflächen, den sogenannten Citylights, der Arbeits- und Lebensort Stuttgart nähergebracht werden. Spontan Interessierte sollen dann über einen QR-Code auf die Angebotsseite der Region geleitet werden.
Erfolgsaussichten sind nur schwer zu beziffern
Zudem sollen Fans über die Geodaten und die Spracheinstellungen ihrer Handys identifiziert und direkt über ihr Mobiltelefon in sozialen Medien oder im Browser angesprochen werden. Das könne sowohl während als auch nach der Rückkehr ins Heimatland erfolgen, wenn die Gäste die Eindrücke aus Stuttgart in Ruhe verarbeiten können. Allerdings räumte Kaiser auch ein, dass die Erfolgsaussichten nur schwer zu beziffern sind, da es „sich in jedem Fall um ein zeitlich sehr kleines Ansprachefenster bei einer geringen Grundgesamtheit in einer ablenkungsstarken Phase“ handele.
Angesichts der offenen Fragen haben es manche Befürworter der Aktion, die letztlich bei Enthaltungen von Freien Wählern und SPD und drei Gegenstimmen der Linken beschlossen wurde, sicher erfreut zur Kenntnis genommen, dass der tatsächliche Erfolg der Maßnahme kaum in Zahlen zu fassen sein wird. So wird man auch nach der EM darüber spekulieren können, ob die Werbeaktion ein Erfolg war – oder ob man das Geld nicht doch anders hätte investieren sollen.