Gerade wenn Pflegebedürftige alleine leben, können die Tage lang werden. Wir haben eine Ehrenamtliche der Evangelischen Gesellschaft bei ihrem Besuch einer Seniorin begleitet – und auch mit einer Helferin für den Haushalt gesprochen.
Hanni David hat es sich mit einer Kaffeetasse in der Hand in ihrem großen, verstellbaren Sessel gemütlich gemacht. Morgens um 6 Uhr war der Pflegedienst schon bei ihr, um der 84-Jährigen die Thrombosestrümpfe anzuziehen. Der war aber auch ziemlich schnell wieder weg. Nun, um kurz nach 10 Uhr, ist Zeit für einen längeren Plausch. Denn „Günni“ ist da. So ruft Hanni David Güner Cilo.
Zweimal die Woche kommt die Ehrenamtliche aus dem Helferkreis der Stuttgarter Evangelischen Gesellschaft (Eva) für zwei bis drei Stunden zu Hanni David nach Hause. Üblicherweise trinken die beiden erst mal eine Tasse Kaffee und reden. Zum Beispiel darüber, wie das war, als Hanni David als 20-Jährige allein aus Thüringen nach Stuttgart kam, wo sie niemanden kannte. Güner Cilo findet das „ganz schön mutig“. Oder sie reden über die wilde Kindheit im Osten. Hatten sie ihre Pflichten erfüllt, durften die sechs Geschwister springen. Am liebsten lief die junge (wie auch die alte) Hanni barfuß herum. Die Mutter erlaubte es, der Vater nicht. Als sie zehn war, kehrte der aus der Gefangenschaft zurück. Er war ein strenger Vater – aber auch ein „sehr liebevoller Großvater“.
Hanni Davids positiver Blick auf die Welt wirke ansteckend
Güner Cilo ist eine gute Zuhörerin. Und Hanni David hört sie besonders gerne zu. „Ich weiß gar nicht, wem die Besuche besser tun: ihr oder mir“, sagt die 44-Jährige, die vor rund einem Jahr dieses Ehrenamt für sich entdeckt hat. Hanni David sehe immer das Gute, auch in schweren Zeiten. Ihre positive Art sei einfach ansteckend. Die 84-Jährige ist ihre dritte Klientin. Cilo ist schon mit einer demenzerkrankten, sportlichen Frau laufen gegangen, bis diese in ein Heim musste. Außerdem besucht sie einen schwer kranken Afghanen, hilft ihm beim Deutschlernen.
Zu Hanni David kommt Güner Cilo erst seit April, auch wenn es so wirkt, als kennten sie sich länger. Wenn sie nicht Kaffee trinken, gehen sie spazieren oder einkaufen. Cilo kommt mit zum Arzt und bringt Hanni David zur Gymnastik. Manchmal machen sie auch Ungewöhnliches: wie ein Picknick auf dem Waldboden. „Das macht sie mit und am Ende hilft sie mir auf“, freut sich Hanni David.
Gerade in der Coronazeit können die Tage alleine lang werden
Nach einem Krankenhausaufenthalt im März war klar gewesen, dass der ambulante Pflegedienst nicht ausreicht. Die jüngere Tochter telefonierte viel und landete schließlich bei der Eva. So kam „Günni“ zu Hanni – und das sollte sich für alle als „absoluter Glücksfall“ herausstellen, wie alle Beteiligten betonen. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt Hanni David. Seit elf Jahren ist sie Witwe. Und gerade in der Coronazeit könnten die Tage lang werden. Deshalb sei sie froh über den Helferkreis. Ein Angebot, das vor allem „große Entlastung für Angehörige bietet“, wie Sabine Walczak von der Eva sagt, die den Dienst mitkoordiniert.
Auch andere Dienste bieten vergleichbare Unterstützungsleistungen an, in der Landeshauptstadt sind es mehr als anderswo. Wobei die Nachfrage hoch ist. Bezeichnungen und Profil unterscheiden sich: Es gibt Alltagshelfer, Nachbarschaftshelfer und Seniorenbegleiter sowie ehrenamtliche Besuchsdienste. Bei einigen Diensten ist die Hauswirtschaft mit drin. Bei ehrenamtlichen Angeboten, zu dem der Helferkreis zählt, nicht. Hier geht es vor allem um Begegnung.
„Unterstützungsleistungen für zu Hause sind ein Stützpfeiler“, sagt Julia Lichtenstein vom Pflegestützpunkt der Stadt Stuttgart. „Das kommt in jedem Beratungsgespräch zur Sprache“, sagt die Pflegeberaterin. Angehörige riefen bei ihnen zum Beispiel an, dass die Mutter schlecht esse oder trinke. Sie wünschten, dass jemand bei den Mahlzeiten dabei ist. Was besonders oft zur Sprache komme: dass Hilfe im Haushalt benötigt werde, die man über die Pflegekasse finanzieren kann. Hier bestehe gerade ein Mangel. „In Baden-Württemberg haben wir ein Riesenproblem mit der Hauswirtschaft“, sagt auch der Leiter des Kompetenzcenters Pflege bei der AOK, Achim Abele. In der Pandemie sei leider viel Personal verloren gegangen.
Das Profil der Dienste unterscheidet sich
Martina Kraus ist zum Beispiel solch eine begehrte Nachbarschaftshelferin, die sich vor allem um den Haushalt kümmert. Seit rund 13 Jahren geht sie zu Seniorinnen und Senioren nach Hause, seit rund drei Jahren im Auftrag der Stuttgarter Arbeiterwohlfahrt (Awo). „Meine Kunden sind ganz arg lieb“, sagt die 59-Jährige, deren jüngste Klientin nur vier Jahre älter ist als sie selbst.
Einen Besuch pro Tag macht sie, kommt für zwei Stunden zu den alten Menschen. Sie saugt und wischt nicht nur, sondern begleitet auch zum Arzt, übernimmt Besorgungen und hat vor allem eins: ein offenes Ohr. „Viele haben das Bedürfnis zu reden“, sagt die Stuttgarterin. Sie liebe es, unterschiedliche Menschen kennenzulernen. Es komme in der Regel viel zurück und wenn es ein „Danke, dass Sie da waren“ sei. Manche Klienten hätten allerdings auch utopische Vorstellungen, wie viel in zwei Stunden in der Woche zu leisten sei. Dann passt es vielleicht nicht.
Die beiden Frauen drehen noch eine Runde
Zurück nach Feuerbach in Hanni Davids Wohnung. Auch die Seniorin benötigt Hilfe im Haushalt. Sie hat Glück: Ihr ambulanter Pflegedienst schickt alle zwei Wochen eine Helferin, auch die Töchter unterstützen viel. Finanziert wird die Haushaltshilfe über den Entlastungsbetrag, auf den die Seniorin als Pflegebedürftige Anspruch hat. Güner Cilo wiederum erhält, wie im Helferkreis üblich, als Ehrenamtliche eine Aufwandsentschädigung. Finanzieren können Angehörige diese ebenfalls über Leistungen der Pflegekasse.
Es ist kurz vor 12 Uhr – die Kaffeebecher sind schon lange leer. „Magst du vielleicht noch eine Runde drehen?“, fragt Güner Cilo. Wenig später sind die beiden schon draußen unterwegs. Hanni David geht am Rollator, Güner Cilo ist an ihrer Seite. 40 Jahre trennen die Frau mit den grauen Haaren und die Frau mit Kopftuch – aber ansonsten nicht viel.
Wie kann man die Hilfe im Alltag finanzieren?
Entlastungsbetrag
Bei der Finanzierung von Unterstützungsleistungen für zu Hause kommt es auf den Pflegegrad an. Auf den Entlastungsbetrag von 125 Euro haben alle Personen mit Pflegegrad Anspruch. Allerdings kann man die 125 Euro in Baden-Württemberg – im Gegensatz zu anderen Bundesländern – nur für zertifizierte Dienste einsetzen. Vorteil: Die Mitarbeitenden der zertifizierten Dienste sind auch geschult.
Ausnahme
Eine Ausnahme gibt es, darauf weist Achim Abele von der AOK hin: Menschen mit Pflegegrad 1 können pandemiebedingt den Entlastungsbetrag noch bis Ende des Jahres wegen akuter Versorgungsengpässe auch für nicht zertifizierte Helfer einsetzen.
Verhinderungspflege
Personen mit höherem Pflegegrad haben Anspruch auf Verhinderungspflege und können dieses Budget mit Geld aus der Kurzzeitpflege aufstocken. So kommt man auf bis zu 2418 Euro, die man flexibel einsetzen kann – auch für zertifizierte oder nicht zertifizierte Alltagshelfer.
Tipp
Im Pflege-Navigator der AOK kann man nach Postleitzahl (auch) Dienste für Unterstützungsleistungen finden – und zwar hier. Was nicht heißt, dass diese freie Plätze haben. Ein Anruf beim Pflegestützpunkt vor Ort lohnt natürlich ebenfalls.