Sorgerecht Streit um Kinder immer heftiger

Von Jürgen Bock 

Nach der Trennung der Eltern beginnt oft das Gezerre um den Nachwuchs. Foto: Fotolia
Nach der Trennung der Eltern beginnt oft das Gezerre um den Nachwuchs. Foto: Fotolia

Rund 200.000 Kinder müssen jedes Jahr in Deutschland die Trennung ihrer Eltern verkraften. Der Streit um den Nachwuchs wird immer häufiger mit allen Mitteln geführt.

Rund 200.000 Kinder müssen jedes Jahr in Deutschland die Trennung ihrer Eltern verkraften. Der Streit um den Nachwuchs wird immer häufiger mit allen Mitteln geführt.

Stuttgart - Es ist wie Krieg. Einer, bei dem es nur Verlierer gibt. Bei dem die Beteiligten vergessen zu haben scheinen, dass sie einmal keine Gegner gewesen sind. Sondern eine Familie. Doch das scheint lange her. Unendlich lange. Jetzt geht es nur noch darum, Recht zu haben. Sich durchzusetzen. Und welches größere Druckmittel könnte es am Ende einer Beziehung geben als die Kinder.

Als Elke Busch (alle Namen geändert) vor einigen Jahren ihren Partner kennen lernt, scheint alles in bester Ordnung. Bald wird sie schwanger. An diesem Donnerstag trifft sie ihn vor Gericht. Es muss entscheiden, wie der weitere Umgang des gemeinsamen Sohnes Sandro mit dem Vater geregelt wird. Dazwischen liegen Strafanzeigen, Besuche beim Jugendamt, gegenseitige Beschuldigungen und dutzende ­Beteiligte. Wenn die ­Betroffenen die Geschichte erzählen, könnte man meinen, es sei nicht dieselbe.

„Schon während der Schwangerschaft hat mein Partner mich geschlagen“, sagt Elke Busch. Auch den Sohn habe er später vor Zeugen getreten. Nach der Trennung habe er sich ihrem Haus behördlich angeordnet wochenlang nicht nähern dürfen, erzählt sie und zeigt eine entsprechende Verfügung und Arztatteste. Der laut Polizei mehrfach wegen Gewaltdelikten vorbestrafte Mann habe sie am Telefon terrorisiert, immer wieder gesagt, dass er das Kind nicht wolle und sogar schriftlich angeboten, gegen die Zahlung von mehreren Tausend Euro auf die Vaterschaft am gemeinsamen Söhnchen zu verzichten. Trotz dieser Vorgeschichte habe ein Gericht den begleiteten Umgang mit dem Vater angeordnet. Weil es besser sei fürs Kind.

„Er hat Angst vor ihm und schreit danach nachts wie am Spieß“

Seither sehen sich Sandro und sein Vater unter Aufsicht alle paar Wochen. Die Folgen sind laut der Mutter verheerend: „Er hat Angst vor ihm und schreit danach nachts wie am Spieß.“ Inzwischen habe das Kind einen Tinnitus als psychische Folge, werde immer wieder aggressiv und sei in Behandlung beim Psychotherapeuten. Stehe der nächste Termin bevor, weigere sich der Kleine, aus dem Auto auszusteigen. Er sei sogar schon von der zuständigen Umgangspflegerin bei seinem leiblichen Vater eingeschlossen worden, damit er nicht fliehen könne. Das bestätigt auch der neue Partner der jungen Frau und erwägt eine Anzeige.

„Die beiden irren sich sehr“, sagt dagegen die Umgangspflegerin und empfiehlt dem Gericht weitere Treffen. Ein Umgangspfleger wird auf Anordnung des Gerichts bestellt, wenn von familiären Problemen auszugehen ist. Sandro wolle zum Vater und habe überhaupt keine Probleme, sagt sie. Dieser Meinung ist auch der leibliche Vater selbst. „Elke hat Hirngespinste“, behauptet er. Gewalt sei nie im Spiel gewesen. „Sandro mag mich und das sieht sie. Ihre größte Angst ist, dass er sich an mich gewöhnen könnte.“ Er müsse jedes Mal um den Umgang kämpfen, obwohl ein Gericht ihn angeordnet habe. Es sei unfassbar, was sich abspiele. „Und das Schlimmste daran ist: Der Kleine bekommt den ganzen Krieg zwischen uns mit.“

Zwei Versionen derselben Geschichte. Das zuständige Jugendamt äußert sich nicht zu dem Fall. Sicher ist nur: Ein vierjähriger Junge bleibt dabei auf der Strecke.

Damit ist er nicht allein. 2012 haben sich in Deutschland allein über 179.000 Ehepaare scheiden lassen. 143.000 Kinder mussten diesen Schlag verkraften. Schätzungen gehen davon aus, dass inklusive aller anderen Trennungen rund 200.000 Jungen und Mädchen pro Jahr miterleben müssen, dass Mutter und Vater nicht mehr miteinander leben wollen. Etwa 90 Prozent der Kinder bleiben danach bei der Mutter.

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