Von Frank M. von BergerBitter ist das Leben, aber bitterer noch

Von Frank M. von Berger

Bitter ist das Leben, aber bitterer noch ist Löwenzahn. Das weiß der Gartenfreund, dessen Rasen von diesem Wildkraut besiedelt wird. Die ausdauernde, krautige Pflanze scheint anfangs recht harmlos - im Frühjahr zeigt sich an der Erdoberfläche nur eine bescheidene Rosette mit den charakteristischen, am Rand gezähnten Blättern. Dann aber hat die Pflanze meist schon ihre Pfahlwurzel bis in eine Tiefe von einem Meter und mehr in den Boden gerammt. Wer jetzt zaghaft zupft, um das Unkraut auszumerzen, hat den Löwenzahn unterschätzt: Die Pflanze treibt schon bald darauf munter wieder aus. Und das nicht nur mit einer neuen Blattrosette, sondern gleich mit vielen.

Statt sich zu ärgern, kann man aus der Not eine Tugend machen und den Feind einfach aufessen. Wie bitte? Das Zeug soll schmecken? Ja, tut es. Sogar richtig gut. Es kommt nur darauf an, was man damit macht. Löwenzahn, botanisch Taraxacum officinale, ist ein Wildgemüse, das man besonders im Frühjahr genießen kann, bevor sich die dottergelben Körbchenblüten zeigen. Die erscheinen in der Regel von April bis Mai.

Wiesen leuchten plötzlich in fröhlichem Gelb, bevor sich die Samen entwickeln und millionenfach wie kleine Fallschirme durch die Gegend segeln. Kinder freuen sich noch heute über diese Pusteblumen, obwohl das in Zeiten medialer Rundumbespaßung und exzessivem Videospiel fast archaisch anmutet.

Wie seine Verwandten, der zarte Kopfsalat und die etwas derbere Endivie, gehört Löwenzahn zu den Korbblütlern (Asteraceae). Mit ihnen hat er auch gemeinsam, dass er roh am besten schmeckt. Junge Löwenzahnblätter kann man entweder solo oder gemischt mit anderen Blattsalaten essen. Besonders gut sind sie in einem schwäbischen Kartoffelsalat. Einen Nachteil haben sie allerdings: Sie schmecken relativ bitter.

Es gibt eine Methode, wie man die Bitterstoffe eindämmen kann. Das Zauberwort heißt Bleichen. Das kann durch Zusammenbinden der Blätter geschehen, wie es auch beim Chicorée gemacht wird. Bequemer ist es, einen umgedrehten Blumentopf oder eine andere Abdeckung auf die Blattrosette zu setzen. Durch den Lichtmangel sprießt der Neuaustrieb in vornehmer Blässe, und die Blätter verlieren einen Großteil ihrer Bitterstoffe. Derart gebleichten Löwenzahn sollte man allerdings bald verzehren, da er rasch wieder ergrünt, sobald er ins Licht kommt.

Löwenzahn schmeckt nicht nur gut, er ist auch gesund. Neben Inulin und reichlich Kalium enthält die Pflanze viel Ascorbinsäure, die auch unter dem Namen Vitamin C bekannt ist. Weitere Inhaltsstoffe wie Cholin, Gerbstoffe, Saponine, Harze und nicht zuletzt der Rest der verbleibenden Bitterstoffe wirken sich positiv auf den Stoffwechsel und den gesamten Organismus aus. Der Verzehr von Löwenzahn regt die Magen- und Gallensäfte an und fördert die Ausscheidung von Giftstoffen über Leber und Niere. Das ist nach einem langen Winter voller Diätsünden nicht das Schlechteste.

Allerdings geht das Ausscheiden mit reichlicher Harnproduktion einher. Das hat dem Löwenzahn im Volksmund auch den wenig schmeichelhaften Namen "Bettsaicher" oder "Seichkraut" eingebracht. Die Franzosen, die übrigens wie auch die Italiener traditionell recht emsige Löwenzahnvertilger sind, nennen ihn "Pissenlit", was drastisch ausdrückt, dass man nach dem Verzehr zum Bettnässer wird. So schlimm muss es aber nicht kommen, wenn man sich auf den gelegentlichen Verzehr beschränkt und nicht gleich eine Frühjahrskur mit dem Kraut bestreitet. Wer übrigens Bedenken hat, wild gesammelten Löwenzahn zu verspeisen, weil Dünger, Pestizide oder die Hinterlassenschaften von Haustieren den Genuss schmälern könnten, der kann die Pflanze auch im Gemüsegarten anbauen. Es gibt großblättrige Sorten, die extra für die Beetkultur gezüchtet wurden. Die Blüten der Pflanze sind ebenfalls essbar und können als Dekoration verwendet werden.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: