Der Dehoga hält wenig von einer stufenweisen Öffnung: Restaurants, Hotels und Kneipen sollten gleichzeitig öffnen – und zwar bundesweit einheitlich. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Weniger Infektionen, mehr Hoffnung: Alle freuen sich über sinkende Inzidenzzahlen – doch was soll daraus folgen? Die Erwartungen in Gastronomie, Handel und Handwerk sind unterschiedlich und überraschend.

Stuttgart - Die 7-Tage-Inzidenz in Baden-Württemberg sinkt langsam – aber stetig. Am Donnerstag lag die Messzahl zur Bewertung der Infektionsentwicklung im Land bei 66,9 – und damit nicht mehr weit von der magischen 50er-Grenze entfernt, die laut Politik unterschritten werden muss, um über Lockerungen entscheiden zu können.

 

Vorsicht trifft auf Ungeduld

Rund um Stuttgart ist die Situation sogar noch erfreulicher: Die Kreise Böblingen (33,9), Rems-Murr (39,3) und Göppingen (46,5) liegen bereits unter dem Grenzwert, Ludwigsburg vermeldete eine Inzidenz von 50,4. Lediglich die Landeshauptstadt selber mit einer Inzidenz von 65,6 und der Kreis Esslingen mit 73,6 bewegen sich noch im kritischen Bereich.

Diese Entwicklung könnte Begehrlichkeiten wecken, so würde man meinen. Doch eine Nachfrage in der Gastronomie und im Hotelgewerbe, im Handwerk und im Handel zeigt, dass die Erwartungen höchst unterschiedlich sind.

Gastronomen sind vorsichtig

„Bei uns scharren alle mit den Hufen. Alle sind auf dem Sprung – und alle sind gut vorbereitet“, sagt Fritz Engelhardt, der baden-württembergische Vorsitzende des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga). Das heiße aber nicht, dass die Dehoga-Mitglieder eine sofortige Öffnung der Betriebe fordern würden: „Wir sind der festen Überzeugung, dass es dieses Mal anders laufen muss als beim ersten Shutdown“, fasst Engelhardt das Ergebnis eine Videokonferenz mit allen Kreisstellen zusammen.

Lesen Sie hier, wie der Verband im Oktober über den Lockdown sprach

Eine stufenweise Öffnung einzelner Betriebe lehne der Dehoga ab. Engelhardt: „Wenn man Hotels öffnet, dann sollten alle Häuser gleichzeitig geöffnet werden – und in den Hotels sollten dann auch alle Bereiche, also auch Wellness-Oasen zugänglich sein. Wir befürworten da ganz eindeutig eine bundesweit einheitliche Lösung.“, sagt er.

Das gelte auch für die Gastronomie. Eine Unterscheidung zwischen gehobener Speisegastronomie und Eckkneipe dürfe es nicht geben. Engelhardt plädiert dafür, lieber noch ein oder zwei Wochen länger zu warten – um dann guten Gewissens einen Neustart wagen zu können. „Einen dritten Shutdown müssen wir mit allen Mitteln verhindern“, sagt er. Hotels und Gastronomen hätten im vergangenen Jahr bewiesen, dass sie Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln umsetzen können. Gerade die Gastronomie habe „unheimliche Summen“ investiert, um die Corona-Vorgaben umzusetzen.

Händler sehnen sich nach Gewissheit

Auch der Handel sei mit seinen Hygienekonzepten bestens vorbereitet, sagt Sven Hahn, der Citymanager von Stuttgart, der sich „natürlich“ eine möglichst schnelle und verantwortungsbewusste Öffnung der Geschäfte wünscht. Und der zugleich mahnt, keinem Trugschluss aufzusitzen: Zu glauben, wenn der Lockdown vorbei ist, ist alles wieder gut, sei falsch. Wenn beispielsweise nicht alle Betriebe gleichermaßen öffnen dürften, könnte es schwierig werden, wenn den Rückkehrern die Frequenz fehle. „Die Rahmenbedingen müssen passen, damit das kein Schuss in den Ofen wird“, sagt Hahn.

Sein Kollege aus Ludwigsburg, Markus Fischer, wünscht sich denn auch am sehnlichsten einen offiziellen Plan, mit dem man arbeiten kann. Die Händler müssten wissen, ob sie Ware bestellen, Termine vergeben und Mitarbeiter aus der Kurzarbeit holen können – oder auch nicht. „Die Ungewissheit, wie es weiter geht ist schlimmer als die Schließung selbst.“

Das Handwerk will mehr Tempo

Eine Perspektive ist auch für Thomas Hoefeling das wichtigste. Und wie diese auszusehen hat, ist für den Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart keine Frage: Es braucht mehr Tempo. „Wir setzen sehr auf das nächste Treffen in Berlin.“ Ginge es nach Hoefeling und seinen baden-württembergischen Kammerkollegen, dürften die Handwerksbetriebe und Bildungseinrichtungen in der Region Stuttgart rasch wieder öffnen.

In einer eigenen Exitstrategie schlagen die Interessenvertreter vor, dass alle Gewerke im Handwerk uneingeschränkt ihre Dienste anbieten, wenn die Inzidenz im fraglichen Landkreis unter 100 liegt. Damit sind explizit auch die sogenannten körpernahen Dienstleistungen wie Friseure und Kosmetiker gemeint. Voraussetzung sei natürlich ein behördlich abgestimmtes Hygienekonzept. „Uns ist wichtig, dass die Betriebe wirtschaften können“, sagt Hoefeling, der durchaus das Risiko sieht, dass nach einer Lockerung ein erneuter Lockdown folgen könnte. „Das Risiko haben wir“, sagt der Hauptgeschäftsführer. Aber man könne momentan nur von Woche zu Woche schauen.

Abzuwarten, bis alle Impfwilligen geimpft sind, sei keine Alternative. Wenn die Geschäfte bis Ende September geschlossen blieben, sagt Thomas Hoefeling, gebe es mutmaßlich nicht mehr viele Friseure und Kosmetikstudios, die dann wieder öffnen könnten.