Einst wurde an diesem Wehr Elektrizität aus Wasserkraft gewonnen. Von ehemals fünf Wehren auf Wendlinger Markung ist nur dieses eine übrig geblieben. Foto: Michael Steinert

Strom aus erneuerbaren Energien und ein artgerechter Lebensraum für Fische – passt das zusammen? Die Stadt Wendlingen will das wissen und staut deshalb am Wehr probeweise das Flüsschen.

Wendlingen - Im Frühjahr soll in Wendlingen die Lauter beim Wehr auf Höhe des Wohngebiets Lauterpark gestaut werden. Die Stadt will mit diesem Versuch testen, wie sich der mögliche Bau eines kleinen Wasserkraftwerks auf die Lebewesen in dem Flüsschen auswirkt. Bei den Fischern und im Landratsamt gibt es Bedenken, dass eine solche Anlage negative Folgen für die Gewässerökologie haben könnte.

Schon früher ist in Wendlingen an dieser Stelle Strom aus Wasserkraft erzeugt worden. Seit einigen Jahren gibt es in der Stadt Überlegungen, an diese Tradition der regenerativen Stromerzeugung wieder anzuknüpfen. Dazu hat die Stadtverwaltung auch ein Wirtschaftlichkeitsgutachten erstellen lassen. Das beauftragte Büro hat beim Bau eines kleinen Kraftwerks für rund 710 000 Euro eine Jahresstromerzeugung von 310 000 Kilowatt ausgerechnet. Das wäre ausreichend, um 77 Vier-Personen-Haushalte mit Strom zu versorgen.

Sinkt der Wasserspiegel hinter dem Wehr bedenklich?

Die Frage, die sich nun die Stadtverwaltung und der Wendlinger Gemeinderat stellen, lautet: Ist die Stromproduktion unter Einsatz von Wasserkraft am Wehr möglich, ohne dass darunter die Fische und andere Lebewesen im Wasser leiden? Darauf soll der Testlauf an der Lauter eine Antwort geben.

Der Versuch ist laut dem Wendlinger Bürgermeister Steffen Weigel mit geringem Aufwand möglich. Das Wehr ist noch insoweit intakt, dass die Lauter wie geplant circa 80 Zentimeter hoch aufgestaut werden kann. Experten des Regierungspräsidiums Stuttgart werden den Stauversuch begleiten und die Ergebnisse dokumentieren. Durch das Aufstauen könnte der Wasserspiegel hinter dem Wehr gerade während niederschlagsärmeren Zeiten zu sehr sinken. Das ist die Hauptsorge von Fischern in Wendlingen. In diesem Fall, so die Bedenken, würde sich das Wasser so stark erwärmen, dass die Temperatur für Fische zu hoch würde. Infolge einer langsameren Fließgeschwindigkeit werden zudem Ablagerungen von weiterem Geröll befürchtet.

Aufstiegshilfe für Fische ist Pflichtaufgabe

Im Gemeinderat herrschen bei dem Thema derzeit unterschiedliche Meinungen vor. Der Wasserkraftnutzung gegenüber positiv eingestellt sind grundsätzlich die Fraktionen von SPD und Grünen. Die CDU hingegen sieht das Vorhaben skeptisch. Die Fraktion hat sich bereits für den Bau einer rauen Rampe ohne Kraftwerk ausgesprochen.

Denn ob am Ende die Stadt in die Wasserkraftnutzung einsteigt oder nicht, in jedem Fall muss Wendlingen am Wehr eine Fischaufstiegshilfe bauen lassen, um für die Durchgängigkeit der Lauter zu sorgen. So schreibt es die Wasserrahmenrichtline der Europäischen Union (EU) vor. Unter anderem mit dieser Maßnahme soll das übergeordnete Ziel der EU erreicht werden, einen „guten ökologischen Zustand“ von Fließgewässern zu schaffen.

Stromproduktion an der Lauter hat lange Tradition

Von einst fünf Wehren ist auf Wendlinger Markung nur noch dieses eine übrig geblieben. Die vier anderen existieren nicht mehr. Die Nutzung der Lauter zur Stromproduktion hat eine lange Tradition und geht zurück auf die Anfänge der Industrialisierung in der Gegend.

In einigen Anrainerkommunen wird heute immer noch Strom aus Wasserkraft erzeugt. Weiter flussaufwärts steht in Dettingen das Wasserkraftwerk Berger. Die Turbinen in dem Industriedenkmal produzieren schon seit 100 Jahren Lauter-Strom. Auch in Owen setzt man auf Wasserkraft. Und in Kirchheim speist ein Betreiber jährlich rund 500 000 Kilowattstunden ins Stromnetz ein.

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