Wendelgard von Staden in ihrem Haus in Enzweihingen Foto: Simon Granville

Die 98-jährige Wendelgard von Staden hat viel erlebt. Sie traf US-Präsidenten, sie war als Diplomatin in Brüssel, ihr Onkel war einer der Hauptangeklagten in den Nürnberger Prozessen. Und auf dem Hofgut ihrer Eltern errichtete die SS damals das KZ Wiesengrund.

Freilich war es eine Umstellung, schließlich ist es ein gewaltiger Unterschied, ob man mit amerikanischen Präsidenten plaudert und mit internationalen Delegationen beim Dinner sitzt – oder ob man von Wäldern und Feldern, Traktoren und dem Duft von Dung umgeben ist. Wendelgard von Staden war in der weiten Welt zu Hause, in Washington, Brüssel und Bonn. Und nun: Enzweihingen, zwitschernde Vögel und eine Menge Bäume, die es beim letzten großen Sturm umgefegt hat.

 

Als Wendelgard von Staden vor vielen Jahren erfuhr, dass sie die einzige Erbin des Leinfelder Hofs ihres Onkels ist, sagte sie dem weltläufigen Leben von heute auf morgen Adieu, packte die Koffer und ihren Mann – und kehrte nicht nur in die alte Heimat zurück, sondern auch an einen Schauplatz dunkler deutscher Geschichte. Denn auf dem Hofgut ihrer Eltern in Kleinglattbach, einem Stadtteil von Vaihingen an der Enz, errichtete die SS während des Nationalsozialismus das Konzentrationslager Wiesengrund. 2000 Menschen kamen hier ums Leben. Und die 98-Jährige ist die letzte Zeitzeugin, die mitbekam, was hier passierte – und wie ihre Mutter versuchte, den Menschen im KZ zumindest im Kleinen zu helfen.

Gutsherrin in Gummistiefeln

All das ist lang her – und Wendelgard von Staden will die alten Geschichten eigentlich nicht schon wieder erzählen, schließlich steckt sie gerade mitten in der Bundesrepublik fest. Bei solch langem Leben kommen schließlich viele Kapitel zusammen, und die schreibt die muntere ältere Dame derzeit auf. Immer wieder holt sie vom Dachboden weitere Kartons und Schachteln mit alten Notizen und Fotos, Aufnahmen, die sie oftmals zwischen Persönlichkeiten der Weltgeschichte zeigen. Hier schüttelt sie Ronald Reagan die Hand, dort durchschreitet sie in Bonn mit forschem Schritt den Park des Bundeskanzleramts.

Vielleicht, meint Wendelgard von Staden, sei es ja interessant, all das aufzuschreiben – und natürlich ist es das, schließlich hat nicht jeder solch ein erlebnisreiches Leben hinter sich, das zugleich ein Gutmaß deutscher Geschichte spiegelt. Und da Wendelgard von Staden um keinen munteren Spruch verlegen ist, kann man fast sicher sein, dass eine kurzweilige Lektüre herauskommen wird – wenn sie etwa erzählt, wie ihr das Familienerbe im Schwabenland plötzlich „wie eine Tomate auf den Kopf gefallen ist“ und sie als neue Gutsherrin Gummistiefel anzog, die Ärmel hochkrempelte und die heruntergekommenen Gebäude auf dem Hof wieder herrichtete. Heute werden sie als Wohnungen vermietet und ist der Grund verpachtet.

Eigentlich hätte sie selbst das Land bestellen sollen – so wollten es zumindest ihre Eltern. Also begann Hildegard nach dem Abitur zunächst ein landwirtschaftliches Studium in Hohenheim, wechselte dann aber doch an die Universität Tübingen und studierte als eine der ersten Frauen Nationalökonomie. Die junge Frau war bei vielem, was sie tat, eine der ersten und kam 1947 als eine der ersten Stipendiatinnen nach Paris an die École libre de science politique. Sie gehörte auch zu einer der ersten jungen Deutschen, die nach dem Krieg nach Kalifornien eingeladen wurden. Zwei Monate reiste sie mit einer kleinen Gruppe fast ohne Geld durch Amerika. Und da ihr danach „nix anderes einfiel“, machte Wendelgard von Staden die Aufnahmeprüfung für den Dienst im Auswärtigen Amt und begann schon bald als Attachée in Bern – dem ersten weiblichen.

Es war nur eine von vielen Stationen im Leben von Wendelgard von Staden, die durch die Welt gekommen und entsprechend auch oft umgezogen ist. In Brüssel lernte sie ihren späteren Mann kennen, der wie sie für das Auswärtige Amt tätig war. So heiratete sie schließlich „als Diplomatin einen Diplomaten“. Eine Diplomatenehe war allerdings nicht im Protokoll vorgesehen, deshalb musste einer von beiden den Dienst quittieren. „Das war natürlich ich“, erzählt sie. Bereut hat sie es nicht, schließlich wollten sie eine Familie gründen.

„The wife of Soundso“

Die Kinder wuchsen in Washington auf. Es waren aufregende Jahre. „Wir haben vier Präsidenten erlebt“, erzählt Wendelgard von Staden – Nixon, Ford, Carter, Reagan. Sie sei fortan zwar nur noch „the wife of Soundso“ gewesen, war aber als solche trotzdem weiterhin auf dem politischen und diplomatischen Parkett unterwegs inmitten einer internationalen Community. Als Deutsche wurde sie immer wieder gefragt, was sie während des Dritten Reiches gemacht habe. Und eines Tages, sie waren gerade im Urlaub und die Kinder liefen draußen auf dem See Schlittschuh, setzte sich Wendelgard von Staden an die Schreibmaschine und schrieb auf, wie es damals war auf dem Hofgut ihrer Eltern in Kleinglattbach.

„Plötzlich fiel mir alles wieder ein“, erzählt sie. In einem Schwung schrieb sie auf 300 Seiten, wie das Dorf nach 1933 „organisiert“ wurde, wie sich die HJ-Gruppen im „Heim“ trafen und wie auch sie aufgeregt und begeistert war, als 1937 „der Führer“ nach Stuttgart kam und man ihn selbstverständlich reden hören wollte. Sie hielt aber auch fest, was sie eigentlich nicht hätten wissen dürfen: wie das Land der Eltern von der SS enteignet und das KZ Wiesengrund errichtet wurde.

Nur weil die Familie weiterhin einen Weg durch das Sperrgebiet benutzen durfte, bekam ihre Mutter Irmgard von Neurath mit, was dort passierte. Sie verfolgte, wie Baracken entstanden, Zäune, Wachtürme, und ahnte, dass es sich um eine Art „Sonderlager“ handeln muss.

Als ihr Hof schließlich Stroh und Bohnen in das Lager liefern sollte, forderte die Mutter hierzu Arbeitskräfte aus dem Lager an. Es kam „ein Zug schwankender, dürrer Gestalten, kahlgeschoren und mit grünlichen Gesichtern“, schreibt Wendelgard von Staden. Die Menschen waren zu schwach, um die schweren Strohballen zu bewegen. Die Mutter kochte für die Hungernden, versuchte sie fortan heimlich zu unterstützen und ihnen zum Beispiel Käse und Aspirin ins Lager mitzugeben. Sie muss eine mutige, selbstbewusste Frau gewesen sein – und erklärte den Wachen sehr bestimmt, dass bei ihr auf dem Feld nicht geschlagen werde.

Verheerende Zustände im Lager

An die vielen Menschen, die hier starben, erinnert seit 2005 die KZ-Gedenkstätte Vaihingen/Enz des „SS-Kranken- und Erholungslagers“, wie es offiziell hieß, auch wenn sich hier niemand um den gesundheitlichen Zustand der Insassen scherte. Die Zustände waren verheerend, und die Ärzte kümmerten sich leidlich um die Menschen. Als die Mutter versuchte, sich mit einem der Lagerärzte zu verbünden, wiegelte der ab.

Als Wendelgard von Staden all das in Washington aufs Papier brachte, wollte sie es sich eigentlich nur „von der Seele schreiben, was aber nur bedingt geklappt hat“. Sie legte die 300 Seiten beiseite und widmete sich wieder ihrem Leben in Washington als „the wife of Soundso“ – bis eines Tages Marion Gräfin Dönhoff bei ihnen auf dem Sofa saß und fragte, was sie denn eigentlich so mache.

So nahmen die Dinge ihren Lauf. Nachdem die bekannte Publizistin in dem Manuskript geblättert hatte, stopfte sie es kurzerhand in ihre große Tasche, und von Staden war überzeugt: „Das sehe ich nie wieder!“ Aber im Gegenteil: Schon bald rief ein Verleger an, den sie beim nächsten Besuch in Deutschland traf – und der der störrischen Autorin so viel Kirschwasser einflößte, bis sie den Vertrag zur Veröffentlichung schließlich unterschrieb.

Seither wurde das Buch „Nacht über dem Tal: Eine Jugend in Deutschland“ mehrfach aufgelegt. Auch in den USA stieß die englische Übersetzung auf großes Interesse. Bis heute, mehr als vierzig Jahre später, wird Wendelgard von Staden immer noch in Schulen und zu Vorträgen eingeladen, „weil ich die letzte Zeitzeugin bin, die das hier noch gesehen hat“.

Bei diesen Terminen stellt sie allerdings immer wieder fest, dass die meisten jungen Menschen heute kaum noch wissen, was damals genau passiert ist. Also erzählt sie ihnen, wie es in der Hitlerjugend war und woran sie damals glaubten, wie sie marschierten und welche Lieder sie sangen – die meisten Texte kann sie bis heute auswendig. Sie weiß auch noch genau um die damals beschworenen Schlagworte Treue, Stetigkeit und Einsatz fürs Vaterland. „Wir hatten ein Ideal, das uns in die Irre führte“, sagt sie.

Seitdem ihr Mann 2014 starb, lebt Wendelgard von Staden allein in der Villa, die mit all den Büchern und Gemälden ein altmodischer, herrschaftlicher Hauch durchzieht. Man kann sich vorstellen, wie hier schon frühere Generationen den Tee auf der schönen Terrasse vor dem großen Wohnzimmerfenster schlürften. Heute schaut man direkt auf die monströse Brücke, die sich auf riesigen Pfeilern quer durchs Panorama zieht.

Onkel Konstantin, der Reichsprotektor in Böhmen und Mähren

Auf dem Speicher hat Wendelgard von Staden kürzlich ein Gästebuch gefunden, in das sich die Franzosen eingetragen haben, die hier nach Kriegsende ihren Onkel verhafteten. Konstantin Freiherr von Neurath spielte eine unrühmliche Rolle im Nationalsozialismus. Er war seit 1932 Reichsminister des Äußeren, wollte das Amt nach der Machtergreifung der Nazis aber nicht abgeben und blieb bis 1938 Minister. 1939 wurde er Reichsprotektor im besetzen Böhmen und Mähren und war bei den Nürnberger Prozessen einer der Hauptangeklagten. Er wurde zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt, aber 1955 vorzeitig entlassen. Kontakt hatte die Familie nicht mehr zu ihm.

Die Habe des Onkels umgibt Wendelgard von Staden aber bis heute. Als das Herrenhaus des Onkels 1960 gesprengt wurde, brachte man das Mobiliar in ihr heutiges Wohnhaus, das einen Steinwurf entfernt lag. Die vielen Bücher und Bilder, Möbel und anderen Erbstücke sind wie eine Reise durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Wendelgard von Staden steckt dagegen gerade mitten in den 1980er Jahren und schreibt über die Rückkehr der Familie nach Deutschland. In Bonn stellte sie alsbald fest – das musste sie feststellen –, dass Frauen hier „keine große Rolle spielten“. Also organisierte die patente Weltenbummlerin Treffen für die Gattinnen der Politiker und Diplomaten – von Mildred Scheel bis Hannelore „Loki“ Schmidt. 1985 wagte die internationale Truppe eine aufregende Reise in die DDR. An der Grenze wurden sie über Stunden festgehalten, bis Wendelgard von Staden den Herren Grenzbeamten kräftig die Leviten las – und sie fünf Minuten später die Ausweise zurückhatten und passieren durften.