Matthias Kästner will Kleinbauern in Portugal helfen. Foto: Zoya Damaskina

Die frische Ware von portugiesischen Kleinbauern kommt an im Fellbacher Weltladen. Die Orange verströmt einen Duft nach Orange – und nichts anderem.

Fellbach - Die Orange verströmt einen Duft nach Orange – und nichts anderem. „Man spürt beim Anfassen, dass sie nur trocken abgebürstet wurde und die Schale nicht behandelt wurde“, sagt Annegret Frey-Kächler. Natürlich schmecke man, dass sie frisch geerntet sei. Die kaufmännische Geschäftsführerin des Fellbacher Weltladens ist überzeugt vom Obst und Gemüse, das ihr Team von der Winnender Initiative Pois bezieht.

Daher war das Fellbacher Geschäft auch der erste Weltladen, der die Pois-Produkte verkaufte

Und sie sind offenbar nicht alleine. Vielen Kunden geht es so. „Unbehandeltes Obst und Gemüse kommt bei den Kunden an“, sagt Annegret Frey-Kächler. Das Sortiment wurde in den vergangenen Wochen „deutlich ausgeweitet“, stellt sie fest – und zählt auf, was es an Vitamin-reichem gibt im Fellbacher Weltladen. Von Orangen, Grapefruit und Zitronen, Pfirsichen und Nektarinen, Avocados und Kiwis über Paprika, Tomaten und Gurken bis zur Azoren-Ananas reicht die Palette.

„Das sind keine Flug-Ananas, sondern sie werden per Schiff nach Portugal transportiert und von dort nach Winnenden gebracht“, berichtet sie – und schwärmt vom Gemüse und Obst, das so produziert wird, dass es zum Konzept und zum Selbstverständnis des Weltladens passe.

Daher war das Fellbacher Geschäft auch der erste Weltladen, der die Pois-Produkte verkaufte, erzählt Annegret Frey-Kächler. Die Kooperation hat sich nun in Corona-Zeiten besonders bewährt. Der Fellbacher Weltladen musste den Verkauf von Handwerksprodukten oder Kleidung während des Shut-Downs stilllegen. „Wir durften nur Lebensmittel verkaufen“, berichtet die kaufmännische Geschäftsführerin. Auch die Selbstbedienung beim Gemüse und Obst musste aufgrund der Pandemieauflagen aufgegeben. Stattdessen wurde ein Bereich am Eingang für den Obstverkauf geschaffen, die hygienischen Vorgaben umgesetzt und die Bedienung durch Mitarbeiter eingeführt. Da passte das größere Sortiment natürlich gut.

Die Läden hatten coronabedingt nicht geschlossen, weil sie zur Lebensmittelbranche zählen

Und das soll wohl nun auch so bleiben. „Es hat sich etabliert, ich denke, wir bleiben dabei“, sagt Annegret Frey-Kächler. Der Ansatz der Winnender Initiative Pois von Matthias Kästner ist es, kleinbäuerliche Strukturen in Portugal zu unterstützen, indem beim Direktimport faire Preise bezahlt werden, damit die Erzeuger von ihren Produkten auch leben können. Die Corona-Krise hat die Nachfrage nach unbehandelten und nachhaltig erzeugten Produkten kräftig steigen lassen. „Im Mai haben wir doppelt so viel Ware ausgeliefert im Vergleich zum Vorjahr“, berichtet Matthias Kästner.

Sein Kerngeschäft ist nicht die Belieferung von Weltläden, sondern der Verkauf in den Pois-Filialen in Stuttgart und am Stammsitz in Winnenden sowie die Auslieferung an Abholstellen im Südwesten. Die Läden hatten coronabedingt nicht geschlossen, weil sie zur Lebensmittelbranche zählen. Aber normalerweise ist Kästner mit seinen Produkten auch auf Märkten präsent und beliefert Gastronomen mit Obst, Gemüse und Manufakturwaren. „Dieser Anteil ist durch Corona weggebrochen“, sagt Kästner. „Da mussten wir kreativ werden und netzwerken“, sagt er. Etwas, das er vor Corona auch schon getan hat. Mit seinem Team, das 21 Mitarbeiter umfasst, hat er neue Ideen umgesetzt.

Zweieinhalb Monate seien in Portugal wegen der Corona-Krise die Bauernmärkte geschlossen gewesen

Eine Idee ist das „Pois-Taxi“. Das fuhr vor Ostern das erste Mal los, die zweite Runde war am Mittwoch vor Pfingsten, um frische Ware direkt zum Kunden zu bringen. Mit dem Sprinter klapperte das Team Stuttgart, Esslingen und auch Fellbach ab. 20 Kunden waren es bei der ersten Runde in Fellbach, zehn bei der zweiten. Es braucht wohl noch etwas Anlaufzeit. Aber das „Pois-Taxi“ soll weiterrollen, einmal im Monat. Kästner ist mit Portugal verbunden, war noch Anfang März auf einer Messe in Lissabon. Und weiß um die Schwierigkeiten, mit denen die Kleinbauern dort kämpfen. Zweieinhalb Monate seien in Portugal wegen der Corona-Krise die Bauernmärkte geschlossen gewesen. „Das bedeutet ein ganz großes Vermarktungsproblem bei den kleinbäuerlichen Strukturen“, sagt er. Das unterstreicht auch Annegret Frey-Kächler: „Viele Bauern hätten keine Möglichkeit, ihre Produkte zu verkaufen, wenn Pois diese nicht abnehmen würde.“ Auch das sei ein Grund für den Weltladen gewesen, mehr Ware anzubieten. Pois arbeitet, so Kästner, inzwischen mit 123 Bauern und Erzeugern zusammen.

Wer auf der Internetseite stöbert, erfährt die Geschichte des Projekts, das als Ein-Mann-Abenteuer mit viel Idealismus angefangen hat. Als bloßen Obst- und Gemüsehändler will Kästner sich nicht verstanden wissen. Er möchte mit dem Obst eine Idee transportieren. „Ich hoffe, dass die Menschen, was ihre Ernährung angeht, etwas umdenken“, sagt er. Und er hoffe, dass Portugal die Krise nutze und sich etwas unabhängiger vom Tourismus mache. Die Krise sei auch eine Chance, kreativ zu werden. „Man darf nie stehen bleiben“, sagt er. Der Fellbacher Weltladen sei dafür ein gutes Beispiel. „Schon sehr früh ist das Ehepaar Bauer auf mich zugekommen für eine Kooperation“, erzählt er. Sein Fazit: „Der Weltladen ist Fellbach ist einer, der immer wieder Neues probiert und dadurch spannend bleibt.“

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