Zwei Short Stirling Maschinen der Royal Air Force im Einsatz. Foto: Getty Images

Im Zweiten Weltkrieg bauten die Nazis bei der Hölderlinstadt Lauffen am Neckar eine aufwendige Scheinanlage, um britische Bomber vom 40 Kilometer entfernten Stuttgart fernzuhalten. Doch die Wahrheit scheint noch grausamer.

Stuttgart - Lauffen am Neckar ist die Geburtsstadt von Friedrich Hölderlin. Deshalb wurde in der mittlerweile 12 000 Menschen starken Gemeinde bei Heilbronn auch annähernd alles nach Hölderlin benannt: Apotheke, Gymnasium, Realschule, Hauptschule, Kindergarten, Buchhandlung – alles heißt hier „Hölderlin“, alles zu Ehren des berühmtesten Lauffeners seit 1770. Selbst der Wein – Lauffen ist die zweitgrößte Weinbaugemeinde Württembergs – muss da zurückstecken.

 

Von Brasilien ist in Lauffen selten die Rede. Auf dem „Großen Feld“ zwischen Lauffen, Hausen, Nordheim und Talheim errichtete das Luftgaukommando VII der Nazis im Frühjahr 1940 eine aufwendige Täuschungsstätte: „Brasilien“, ihr Tarnname, und es war im Zweiten Weltkrieg die größte Scheinanlage von rund 30, die es in der Region gab.

Eine Täuschung auf elf Quadratkilometern

Ziel der insgesamt grob elf Quadratkilometer großen Anlage war, britische Bomber von Stuttgart wegzulocken beziehungsweise die Piloten glauben zu machen, Stuttgart läge hier bei Lauffen auf dem Acker. Die britischen Kampfflieger sollten dort und nicht auf bewohntem Gebiet ihre Bomben abwerfen. Begünstigt wurde die Lage in Lauffen durch die örtliche Neckarschleife, die der von Bad Cannstatt ähnlich sieht – zumindest aus 4000 Meter Flughöhe und bei Nacht.

Denn um Verluste zu vermeiden, flog die Royal Air Force bereits ab 1939 nur noch Nachteinsätze. Bomberpiloten waren zu dieser Zeit noch ohne Radar unterwegs und konnten sich allenfalls an geografischen Formen, Flüssen und eben Lichtern orientieren.

Ein Sperrgebiet, tagsüber versteckt

Tagsüber unter Strohmatten versteckt, errichtete das Luftgaukommando VII bei Nacht auf über 40 unzusammenhängenden Flurstücken die Illusion einer belebten Stadt: Auf den Ackern und Feldern wurde ein Netz aus Lampen installiert, Flakstellungen errichtet und eine aus Leinwand und Sperrholz gefertigte Attrappe des Stuttgarter Hauptbahnhofs hochgezogen – 30 Meter breit mit einem vielleicht zehn Meter hohen Bahnhofsturm. Die Elektronik der Anlage war vom Verband Deutscher Elektrotechniker (VDE) abgenommen worden. Nur vereinzelt durften Landwirte das Sperrgebiet betreten, um ihre Felder zu bestellen.

Bei nächtlichem „Einflug von feindlichen Verbänden“ wurde die Anlage hell erleuchtet, um die Aufmerksamkeit der Flieger zu gewinnen, sie wie Mücken zum Licht zu locken. Sogar Kontaktblitze der Stromabnehmer von Straßenbahnen wurden nachempfunden. Wenn die Bomber näher kamen, wurde das Licht gedimmt, damit der Schwindel nicht allzu ersichtlich werden konnte. Flaks feuerten; und in mit brennbaren Materialien aus Sträuchern, Öl und Raffinerieabfällen gefüllten Backsteintrögen wurde Feuer entzündet.

Das sollte den Piloten symbolisieren, hier hätten bereits Bomben eingeschlagen, hier wird verteidigt, es brennt, man hat das richtige Ziel angesteuert. Dann: Bombenabwurf auf unbewohntem Terrain, weder Sach- noch Personenschaden zu befürchten. So die Theorie und die größtenteils durch Zeitzeugen und Militärdokumente verifizierte Geschichte.

Es ging um die Fläche

„Es ging nicht um die Bahnhofsattrappe, sondern um die Fläche“, sagt Hobbyhistoriker Norbert Prothmann von der Forschungsgruppe Untertage, der wissenschaftlich zum Thema geforscht hat. „Jede Bombe, die dort irgendwo im Feld herunterging, war eine, die ihr eigentliches Ziel verfehlte“, erklärt er. „Nicht selten hatten sich Piloten mehr als 150 Kilometer von ihrer Route entfernt.“

Aus den „The Bomber Command War Diaries“, einer Auflistung aller Bombereinsätze der Royal Air Force im Zweiten Weltkrieg, geht hervor: Die Bomben, die um Lauffen detonierten, waren nicht nur für Stuttgart, sondern auch für Frankfurt, Karlsruhe, Ulm, Augsburg, Mannheim oder Nürnberg bestimmt – Lauffen und die Umgebung als unfreiwillige Zielscheibe des Südwestens.

Nach offiziellen Darstellungen gab es im Zweiten Weltkrieg 37 Luftangriffe auf das Gebiet um Lauffen. Von diesen fanden 19 in der Zeit statt, in der die Scheinanlage existierte – Bietigheim, ungefähr 17 Kilometer entfernt, erlebte in der Zeit keinen einzigen Luftangriff. Die Bomben auf Lauffen und die umliegenden Ortschaften sieht Prothmann in direktem Zusammenhang mit der Scheinanlage, sollte die doch den Eindruck erwecken, Teil einer weitläufigen Stadt zu sein. 1943 wurde die Anlage abgebaut, die Flugnavigation war besser geworden.

Streit über den Nutzen der Anlage

Ein kleiner Streit ist in den vergangenen Jahren über den Nutzen der Nazi-Anlage entbrannt. Der Hobbyhistoriker Günter Keller aus dem benachbarten Ort Hausen forschte wie Prothmann, die Künstlergruppe SOUP und das Museum am Klosterhof in Lauffen, die dem Thema 2011 eine Ausstellung widmeten, ebenfalls zu „Brasilien“.

In seinem Buch „Die Scheinanlage ‚Stuttgarter Bahnhof‘“ kam Keller zu dem Schluss: alles zwar sehr spektakulär, aber nicht annähernd nützlich. Bomben seien lediglich irgendwo auf dem Feld „abgeladen“ worden, weil die Piloten ihr eigentliches Ziel nicht gefunden hatten und nicht mit der explosiven Fracht umkehren wollten. Die Scheinanlage sei in Wahrheit ein Flop gewesen – mehr „Legendenbildung“ und „eine gute Geschichte“ als Fakten.

Keller selbst wird derweil vorgehalten, militärische und technische Rahmenbedingungen bei seinen Recherchen außer Acht gelassen zu haben. Beweisen konnte Keller indes, dass ein Foto, das mutmaßlich die Scheinanlage zeigen sollte, eigentlich die Martin-Luther-Kirche in Heilbronn-Sontheim zeigt.

Erst 1958 folgte die Entschuldigung

In Stuttgart war bereits 1941 bekannt, was in Lauffen passierte. Doch erst 1958 entschuldigte sich der damalige OB Arnulf Klett per Brief bei den Bürgern von Lauffen, dass sie im Zweiten Weltkrieg sinngemäß „den Kopf für Stuttgart“ hinhalten mussten. Norbert Prothmann sagt: „Wesentlich mehr Bürgermeister hätten diesen Brief unterzeichnen müssen. Denn die Bomben waren nicht ausschließlich für Stuttgart bestimmt.“ Das Ölgemälde, das Klett der Stadt Lauffen schenkte, ist seit Jahren nicht mehr auffindbar. Verschüttgegangen.

Ähnliches gilt für das große Bild von „Brasilien“. Die Zeitzeugen sind mittlerweile größtenteils gestorben oder waren damals kleine Kinder, die Erinnerungen sind verschwommen. Dokumente sind kaum noch einsehbar, wurden nach dem Krieg teils vernichtet und noch vorhandene eventuell von den Nazis „geschönt“.

Dass „Brasilien“ in Lauffen heute keine übergeordnete Rolle spielt, liegt am 13. April 1944, irgendwann gegen Nachmittag: Zehn Minuten, ein brennendes Dorf, 108 Verletzte und 56 Tote – es war der schwerste Bombenangriff, den Lauffen im Zweiten Weltkrieg hinnehmen musste. Die Scheinanlage war längst abgebaut. Vermutlich hatte der Angriff wieder nicht Lauffen gegolten.