Wenn Frauen gründen, dann wollen sie oft Alltagsprobleme lösen – im Bild eine Kita. Foto: dpa

Der Anteil der Frauen, die den Sprung in die Selbstständigkeit wagen, ist hoch. Doch viele tun dies im Nebenerwerb. Nur wenige setzen auf das Geld von Risikokapital-Gesellschaften.

Stuttgart - Die Treffen der Start-up-Szene sind vor allem eines – Männerveranstaltungen. Frauen sind dort kaum vertreten. Das hat einen einfachen Grund: Es gibt nur wenige in der Szene. Damit ist nicht gesagt, dass Frauen den Sprung in die Selbstständigkeit nicht wagen. Ganz im Gegenteil. Knapp 31 Prozent der Unternehmen, die 2016 in Baden-Württemberg gegründet wurden, haben eine Frau an der Spitze, hat das Statistische Landesamt in Stuttgart ausgerechnet. Die Förderbank KfW kommt sogar auf einen deutlich höheren Anteil. Eine Gründung ist eben nicht immer auch ein Start-up.

Gerade mal bei 14,6 Prozent der Start-ups, die 2016 gegründet wurden, hat eine Frau das Sagen, geht aus dem „Start-up-Monitor 2017“ hervor. Am höchsten ist der Anteil dabei in Berlin, wo 16,2 Prozent der Start-ups von Frauen gegründet wurden, Hamburg und München sind Schlusslicht (jeweils 10,5 Prozent). Die Regionen Stuttgart und Karlsruhe kommen auf 13,3 Prozent. Doch was unterscheidet Start-ups von klassischen Gründungen? Ein neuer Blumenladen oder ein Architekturbüro ist eine Gründung, aber kein Start-up, grenzen Experten ab. Bei Start-ups geht es um neue, risikoreiche Geschäftsmodelle, dort wird von einer schnellen Expansion geträumt, und dort wird viel Geld von Venture-Capital-Gesellschaften (VC), also Wagniskapital-Gesellschaften, eingesammelt. Apropos VC-Gesellschaften: Dort ist der Männeranteil sogar noch höher als bei den Start-ups. Bei mageren vier Prozent liegt der Anteil der Investorinnen, sagt Peter Lennartz, Partner bei der Stuttgarter Unternehmensberatung EY. Eine ernüchternde Erkenntnis.

Frau löst das praktische Problem

Experten sind sich einig: Es liegt nicht an den Ideen, dass Frauen bei Start-ups nur eine Nebenrolle einnehmen. Frauen gründen eben anders. „Eine Gründerin denkt weniger an eine schnelle Expansion, als vielmehr daran, ein praktisches Problem, das sie aus dem Alltag kennt, zu lösen“, sagt Lennartz. Zu ihren Themen gehören Ernährung, Kinderbetreuung, Mode oder Gesundheit. Eine Frau hat ein Problem mit der Kita – und geht ihren eigenen Weg. Oder sie hat Schmerzen – und entwickelt eine Gesundheits-App. Oder sie kann in ihren High Heels nicht laufen – und entwirft mit entsprechender Unterstützung formschöne Pumps. Sie startet dabei häufig im Nebenerwerb und testet so, ob ihre Idee trägt. Und der Mann? – Der will vor allem Geld verdienen, erläutert Lennartz einen der Geschlechterunterschiede.

„Frauen identifizieren sich mit ihrer Idee, und das führt nicht zuletzt dazu, dass sie sich intensiv mit der Gründung beschäftigen“, erklärt Iris Kronenbitter von der Initiative für Existenzgründungen und Unternehmensnachfolge im Stuttgarter Wirtschaftsministerium (Ifex). Sie stellten sehr realistische Planungen auf, sie steckten sich ihre Ziele so, dass sie auch erreichbar seien, und sie hätten meist einen Plan B für den Notfall in der Schublade. Wer all dies berücksichtige, schaffe eben nur eine Wachstumsrate im einstelligen Bereich – was keinen Investor anlocke. VC-Gesellschaften bevorzugen die aggressivere Vorgehensweise, also die männliche Variante.

Visionen sind bei Investoren gefragt

Investoren wollen Visionen hören, ihnen geht es um rasantes Wachstum, um Marketingideen, die den Bekanntheitsgrad und damit den Wert des jungen Unternehmens in die Höhe schnellen lassen. Dafür sind sie bereit, viel Geld zu investieren. Um welche Summen es sich dabei handelt, zeigt eine Untersuchung von EY: Im vergangenen Jahr hätten deutsche Start-ups bei insgesamt 507 Finanzierungsrunden die Rekordsumme von 4,3 (Vorjahr: 2,3) Milliarden Euro eingesammelt. „Ein Gründer fragt eher nach fünf Millionen und nicht nach 500 000 Euro“, erläutert Nathalie Mielke von der Unternehmensberatung EY: Investoren gehen demnach davon aus, dass Wachstum erst mal hohe Investitionssummen erfordert – ein Gründer, der bei Finanzierungsrunden bescheiden auftritt, dessen Vision trauen sie nicht so recht, so Mielke. Und genau das würden Frauen tun – sich bescheiden. Sie gingen risikobewusst an die Finanzierung heran. Sie wollten von Banken unabhängig sein und arbeiteten meist mit Eigenkapital, so Kronenbitter. Unterstützt würden sie von der Familie, von Freunden und Bekannten. Die Folge: langsames, aber nachhaltiges Wachstum.

Langweilig, denkt sich da wohl so manche VC-Gesellschaft, die aufs Tempo drückt. Für sie steht nach drei bis fünf Jahren der Exit an. Dann will sie möglichst gewinnbringend ihre Anteile veräußern. Oder die nächste Runde finanzieren. Das Scheitern von Projekten gehört wie selbstverständlich zu einem solch risikoreichen Tempo. Die Folge: Neun von zehn Start-ups scheitern, schätzt Kronenbitter. Frauen dagegen seien – was die Überlebenschancen ihrer Unternehmen betrifft – deutlich erfolgreicher als Männer, fügt sie hinzu. Kronenbitter: „Man würde der Frau die Kompetenz absprechen, wenn es nicht funktioniert. Die Gesellschaft misst noch immer mit zweierlei Maß.“ Auch Lennartz kennt die alte Rollenverteilung.

Die gläserne Decke und ihre Bedeutung

Aber es gibt sie, die Frauen in der Start-up-Szene. Sie haben zuvor Erfahrung bei Internetfirmen, Unternehmensberatungen oder in der Industrie gesammelt und wagen dann den Sprung. Dabei spielt auch die gläserne Decke eine Rolle, also die häufig gemachte Erfahrung, dass karrierewillige Frauen über eine bestimmte Hierarchiestufe in Unternehmen immer noch nicht hinauskommen. Untersuchungen haben ergeben, dass sich ein Drittel von ihnen dann für die Selbstständigkeit entscheidet.

Doch die Zahl der von Frauen gegründeten Start-ups wird steigen, davon ist Mielke überzeugt. Dies hat nicht zuletzt mit Projekten wie die Female Future Force des Start-ups Edition F zu, das natürlich von zwei Frauen gegründet wurde. Dort werden junge Frauen gegen eine Jahresgebühr gecoacht – und so auf künftige Herausforderungen vorbereitet. Dort geht es auch um Vernetzung. Männliche Coaches werden eingebunden. Offensichtlich will man nichts dem Zufall überlassen.

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