Die Weinlese ist schon fast vorbei für dieses Jahr. Nicht nur wegen des Schädlings sind die Wengerter gefordert. Erste Sorten sind bereits in Fässern. Die Zwischenbilanz: nicht ganz so viel Menge, aber gute Qualität – unter bestimmten Bedingungen.
Die schlechte Nachricht: Die Kirschessigfliege hat bei roten Sorten einiges an Schaden angerichtet. Vor allem den Trollinger hat in einigen Lagen im Remstal der 2014 eingewanderte Schädling heftig angestochen. Teils mussten ganze Rebflächen heruntergeschnitten werden oder kaputte Beeren bleiben hängen. Einen solche Trollinger-Totalausfall verzeichnet etwa die Stadt Winnenden auf ihrem Stadtwengert im Hertmannsweiler Himmelreich. Insgesamt berichten die Wengerter über eine extrem schnelle und arbeitsintensive Weinlese 2023, die nach nur drei Wochen bereits zu Ende geht. Eine Ernte, die letztlich zwar keine herausragenden Mengen bietet, dafür aber gute Qualität – dort, wo sauber sortiert und selektiert wurde.
Es ist eine extrem schnelle Lese
„Es ist beeindruckend, wie schnell wir lesen, so schnell waren wir noch nie“, sagt in Fellbach der Vorstandsvorsitzende der Weingärtnergenossenschaft Tom Seibold. Wie im vergangenen Jahr sei der Lesestart am 12. September gewesen. „Damals ging es aber bis 20. Oktober, jetzt zeichnet sich ab, dass wir zum Fellbacher Herbst fertig sind.“ Die Reife der verschiedenen Sorten sei sehr eng beieinander. Und die Kirschessigfliege sei ein Unsicherheitsfaktor in der Planung. Aber, sagt Seibold: „Bisher sind wir immer gut damit klar gekommen.“
In diesem Jahr habe es tatsächlich einen stärkeren Befall gegeben. „Wir mussten schneller ernten, um die Situation unter Kontrolle zu halten.“ Damit verbunden sei natürlich ein erhöhter Aufwand.
Letztlich sei trotz Lesegeschwindigkeit und Schädling der Zustand der Trauben, die in die Keller kamen, bisher top gewesen. „Es ist eine gute Qualität, ein guter, grundsolider Jahrgang mit Ausgewogenheit und einer guten Säurestruktur“, so Seibolds Zwischenfazit wenige Tage vor Leseende: „Wir haben gute Weine im 2023er Jahrgang, das werden tolle Weine, die Spaß machen.“ Die Menge sei in Fellbach leicht unterdurchschnittlich, da hätten sich die Weinbaugenossen „ein bissle mehr erhofft oder gewünscht“.
Es musste viel aussortiert werden
In Schnait war am Donnerstag der Korber Weinmacher Aaron Schwegler mit der Rieslinglese beschäftigt. „Noch eineinhalb bis zwei Lesetage, dann sind wir durch“, berichtet er. „Es war ein herausforderndes Jahr“, nimmt er in der Zwischenbilanz etwas Anlauf. Lange Trockenheit, dann heftiger Regen und jetzt „ein Herbst, der uns alles abverlangt“. Man habe parzellenweise festlegen müssen, wann der richtige Zeitpunkt für welche Sorte ist: „Ein heißer Ritt“, sagt Schwegler. Dazu einer, bei dem es immer wieder hieß: „Sortieren, sortieren.“ Nun gelte es alles dafür zu tun, dass aus dem mehrmals sortierten Material auch Topweine werden. „Wir waren schneller als die Kirschessigfliege“, sagt er zum leidigen Problem mit der invasiven Art. Sorgfältige Arbeit sei trotzdem auch dort vonnöten gewesen, wo sich die „normale“ Essigfliege etwa in aufgeplatzten Beeren breit gemacht habe.
„Praktisch alle Trauben waren gleichzeitig reif“
Die Menge sei letztlich schon etwas mies, sagt in Remshalden Sylvie Häfner-Hutt, denn man habe bei dieser Lese massiv aussortieren müssen. „Die Kirschessigfliege ist da, wer für sich etwas anderes behauptet, sagt nicht die ganze Wahrheit.“ Die entsprechende Aussortierung habe sie etwa beim Trollinger so um die 30 Prozent der Ernte gekostet. Aber: „Das was wir im Keller haben, ist wirklich gut.“ Angesichts der kurzen zur Verfügung stehenden Lesezeit sei die Geschwindigkeit, mit der gearbeitet werden musste, krass gewesen. „Eigentlich mussten wir oft an allen Stellen gleichzeitig sein, praktisch alle Trauben waren gleichzeitig reif, die Reihenfolge der Lese komplett durcheinander.“ Immerhin habe das Wetter jetzt in den Lesewochen gut mitgemacht. Die Geradstettener Wengerterin erwartet vom Jahrgang 23 gehaltvollere Weine als sonst. „Das wird spannend.“ Die roten Sorten hätten intensiv Farbstoff, „die sind fast Schwarz“. Das verspreche Gerbstoff und Tannin. Was draus wird, werde sich aber wie immer erst in der Flasche zeigen.
Gute Qualitäten im Keller
„Wir haben das Meiste hinter uns“, sagt auch Christian Escher aus Schwaikheim. So etwa zweieinhalb Lesetage bleiben – Stand Mittwoch – in den quer durchs Remstal verstreuten Weinbergen des Weinguts noch. „Wir mussten viel sortieren und selektieren“ berichtet auch er. Andererseits habe das Haus Escher bereits viele gute Qualitäten im Keller. Er erwartet „vollmundige Weine“ aus dem aktuellen Jahrgang, „des passt scho“. Klar habe es einige Herausforderungen gegeben in diesem klimatisch ungewöhnlichen Jahr mit sehr flottem Finale. Vor allem in einigen starkwüchsigen Lagen habe der eine oder andere durchaus mit Fäulnis zu kämpfen gehabt. „Wir haben am 18. September den Trollinger geholt, das ist brutal früh.“ Die Entscheidung sei allerdings absolut richtig gewesen in der aktuellen Situation.
Christian Escher erwartet unter anderem sehr filigrane, frische und nicht zu voluminöse Weißweine. Im roten Bereich setzt er auf Weine mit Körper und Kraft. „Der heiße September hat da den Zucker noch mal schnell ansteigen lassen.“ Der erste Rotwein sei, auch das zählt zum ungewöhnlichen Jahr 2023, im Escherkeller jetzt bereits im Fass.