Der Weinbauverband Württemberg rechnet mit einem Verlust von bis zu 2000 Hektar Rebfläche – weil sich die Arbeit oft nicht mehr rechnet. Auch im Remstal wird der Aderlass spürbar
Die Abwärtsspirale im Weinbau beginnt sich immer schneller zu drehen. Durch den steigenden Kostendruck bei der Arbeit im Weinberg und die vielerorts schlechten Auszahlungserlöse denken immer mehr Betriebe in Württemberg übers Aufhören nach. Zwar gibt es nach wie vor auch Weingüter, die dank ihre Reben existieren können. Doch oft funktioniert das Geschäftsmodell nur durch Zusatz-Standbeine wie Tourismus oder Besen-Gastronomie.
Nur wenige Weingüter sind namhaft genug, mit dem Verkauf ihrer Produkte gutes Geld zu verdienen. „Wir müssen inzwischen deutlich weniger als noch vor ein paar Jahren über eine Betriebsnachfolge informieren. Das Thema bei den Beratungen lautet oft nur noch: Wie kommt man aus dem Weinbau raus?“, bekannte Hermann Morast bei der Bezirksversammlung der Remstal-Wengerter in der Kelter der Fellbacher Weingärtner. Der Durchschnittserlös pro Liter sei in den vergangenen drei Jahrzehnten inflationsbereinigt um einen Cent gesunken – während die Kosten um ein Drittel in die Höhe gingen.
Der Weinbauverband rechnet mit dem Verlust von annähernd 2000 Hektar
Laut dem Geschäftsführer des Weinbauverbands Württemberg droht durch die schlechte wirtschaftliche Lage ein massiver Rückgang der Rebfläche. Immer weniger Betriebe würden im Vollerwerbs-Weinbau ihre Zukunft sehen. Intern wird für Württemberg bis zum Ende des Jahrzehntes mit einem Verlust von annähernd 2000 Hektar gerechnet – das wären fast 20 Prozent der bisher bewirtschafteten Flächen. Und: Gerade bei den nicht nur landschaftsprägenden, sondern auch fürs touristische Image wichtigen Steillagen, etwa im Neckartal, wird es immer unwahrscheinlicher, dass jemand mit Blick auf die schlechten Verkaufserlöse dauerhaft den Buckel krumm machen will. Brach fallende Weinberge in der Steillage will inzwischen kaum noch jemand haben, allenfalls bei der Chance auf Maschineneinsatz findet sich beim Generationswechsel noch ein Nachfolger.
Dass das Klischee vom eifrig durch seine in reiner Handarbeit bewirtschafteten Rebterrassen springenden Weingärtner überholt ist, belegt auch ein Vorstoß des Waiblinger Landratsamts. Für diesen Mittwoch hat der Rems-Murr-Kreis zu einem Runden Tisch zum Thema Weinberg-Brachen eingeladen. Bei dem Treffen geht es laut Weinbauberater Philipp Mayer auch um die Frage, was mit nicht länger gepflegten Rebflächen zu tun ist – mit Blick auf die gerade im vergangenen Jahr kaum in den Griff zu bekommenden Pilzkrankheiten Peronospora und Mehltau ein ernsthaftes Problem.
Selbst der Bezirksvorsitzende streicht als Vollerwerbsbetrieb die Segel
Bestes Beispiel für den Aderlass bei den Vollerwerbsbetrieben ist Christian Schaal. Der 35-jährige aus Beutelsbach, vor zehn Jahren erstmals als Bezirksvorsitzender fürs Remstal gewählt, hat sein Amt jetzt mit Ablauf der zweiten Wahlperiode niedergelegt. Grund ist, dass er und seine Familie den hauptberuflichen Weinbau wegen der „desaströsen Situation“ jetzt aufgegeben haben – und nur noch als Feierabend-Wengerter nach ihren Reben sehen. Nachfolger wird Christoph Schwegler aus Endersbach, 55 Jahre alt und als einziger Kandidat auch einstimmig gewählt.