Dass Wein aus Steillagen am Neckar keinen Gewinn bringt, ist mittlerweile bekannt. Jetzt schlägt das Landratsamt Ludwigsburg jedoch Alarm: Auch mit flachen Lagen verdienen Winzer kein Geld mehr. Die Branche sucht die Ursachen auch bei sich selbst.
Vor zehn Jahren hat Alexander Eisele das Weingut seiner Familie übernommen, zehn Hektar in idyllischer Lage am Rande von Hessigheim. 25 Prozent der Fläche ist aufwendig gepflegte, terrassierte Steillage – der Stolz der Familie. Doch die Sorgen nehmen zu, berichtet Eisele: „An so einem Punkt waren wir noch nie.“ Der Einzelverkauf seines Weins sei im Herbst abrupt eingebrochen, über die Gründe rätselt er noch heute. „Großhändler kennen und schätzen uns, doch auch die nehmen uns zurzeit nichts ab.“ Der Betrieb stehe zwar noch gut da, sagt Eisele: „Aber die ganze Weinregion braucht dringend ein neues Image.“
Erzählungen wie die vom Weingut Eisele gibt es im Landkreis zuhauf. Die Lage der Winzer sei äußerst kritisch, sorgt sich Landrat Dietmar Allgaier im Gespräch mit dieser Zeitung. Nicht nur der Wein aus Steillagen sei ein Minusgeschäft, auch in flachen Lagen und mit großem Gerät lasse sich im Kreis aktuell kein Geld verdienen. Doch Landratsamt und Winzer stecken den Kopf nicht in den Sand. Der Wille, Probleme anzusprechen und anzupacken, scheint groß.
Erschreckende Zahlen
Die Krise der Winzer ist schnell erklärt: die Nachfrage nach deutschen Weinen sinkt, zuletzt um neun Prozent innerhalb eines Jahres. Zudem schrumpfen die Auszahlungspreise und damit die Erlöse, parallel dazu steigen die Kosten für Personal, Maschinen, Energie, Rohstoffe und Versicherungen. In der Summe bedeute dies, dass selbst in gut maschinell bewirtschaftbaren Lagen, dem sogenannten Direktzug, nichts mehr verdient werde, so Luise Pachaly, die Leiterin des Fachbereichs Landwirtschaft im Landratsamt.
Aktuelle Zahlen des Landratsamtes lassen aufhorchen: Es gebe Berechnungen, dass Wengerter im Kreis je nach Rebsorte und Auszahlungspreis im Schnitt ein Minusgeschäft von 2000 bis 5000 Euro pro Hektar und Jahr machen. Der Abschwung spiegelt sich auch im sogenannten Traubengeld wider, dem Erlös für ein Kilogramm Trauben. Der sinkt seit rund zehn Jahren, zuletzt immer schneller. Laut Landratsamt haben Weinbauern 2014 noch 1 Euro bis 1,20 Euro pro Kilogramm Trauben bekommen – im vergangenen Jahr war es im Schnitt nur noch die Hälfte. „Bei einzelnen Vermarktungsbetrieben sank die Auszahlung für einzelne Sorten im Herbst 2023 sogar auf 25 bis 30 Cent pro Kilogramm Trauben“, so Pachaly.
So schlimm sei es bei der Felsengartenkellerei Hessigheim noch nicht, sagt deren Geschäftsführer Hans-Georg Schiller. Die Genossenschaft sei bei 80 Cent pro Kilogramm angekommen. „Wir versuchen den Preis stabil zu halten. Ob das gelingt, werden wir sehen.“ Die Lage sei sehr ernst, sagt Schiller, „wenn es so weitergeht, werden im großen Stil Flächen fallen“. Erste Insolvenzen gab es bereits, beispielsweise schloss Anfang des Jahres das renommierte Weingut Sonnenhof in Vaihingen-Gündelbach.
Die Weinregion ist also in Gefahr, Ursachen gibt es viele. In Gesprächen mit mehreren Winzern aus dem ganzen Landkreis wird unter anderem der Mindestlohn genannt, der eine Negativspirale in Gang gesetzt habe, und die Branche belaste. Zudem gängele die Preispolitik der Discounter die Arbeit der Kleinbetriebe und Genossenschaften. Ein großer Teil des Problems sei jedoch schlicht der gesellschaftliche Wandel. Wein habe seinen Stellenwert in der Gesellschaft verloren, sagen die Winzer. Auf Festen und in Restaurants werde zwar noch gerne getrunken, der Konsum in den eigenen vier Wänden sei aber komplett eingebrochen. Es wird jedoch nicht mehr nur mit dem Finger auf Konsumenten gezeigt, die immer seltener lokalen Wein kaufen – die Krise sei auch ein Stück weit selbst verschuldet.
Selbstkritische Töne
Zu lange habe sich die Branche in der Region auf einer Generation ausgeruht, die ihr tägliches Viertele Trollinger getrunken hat. Man scheint gedacht zu haben, dass es immer so weitergeht, sei nicht flexibel gewesen, habe zu lange an alten Sorten festgehalten und sich nicht mit dem Markt mitbewegt. Zudem sagen mehrere Winzer, dass die Region es lange verschlafen habe, ein gemeinsames Marketing auf die Beine zu stellen und das mit einem Weintourismus zu verzahnen. Die Pfalz und die Mosel hätten dieses Potenzial beispielsweise viel früher erkannt und seien nun bekannter und beliebter.
Doch aufgeben ist keine Option. Jetzt gelte es, voll auf Qualität statt auf Masse zu setzen, aus der Preisfalle der Discounter auszubrechen und ein neues Bild der Weinregion zu entwickeln, sagt unter anderem Alexander Eisele. Händler und Konsumenten wüssten meistens gar nicht, wie schön die Steillagen, wie schwer die Arbeit und wie gut der Wein sei. „Unser Image hinkt der Qualität hinterher“, stimmt Hans-Georg Schiller zu. Es brauche eine neue Erzählung über die Weinregion, mehr kleine Feste und touristische Destinationen, sind sich die Winzer sicher. Das hat auch das Landratsamt erkannt und die Anstrengungen im Bereich der Steillagensubventionierung, Verbraucheraufklärung und im Marketing verstärkt. Eine kleine Aufbruchstimmung ist zu spüren, wenn Landrat Allgaier sagt, dass Aufgeben keine Option sei und Schiller kämpferisch ergänzt: „Jetzt liegt es an uns.“
„Wir machen auf jeden Fall weiter“, sagt auch Alexander Eisele, der trotz des Einbruchs optimistisch bleibt. „Wir haben hier ein einzigartiges Landschaftsbild, seltenen Muschelkalk im Boden und ein sensationelles Kleinklima.“ Auch andere Weinregionen wie die Pfalz hätten sich in der Vergangenheit aus der Krise gekämpft – warum sollte das nicht auch hier klappen?
Förderung für Steillagen steigt – Landratsamt verstärkt Anstrengung
Förderung
Die Fördersätze für den sogenannten Handarbeitswein wurden für das Jahr 2024 von 3000 auf 5000 Euro pro Hektar und Jahr erhöht. Mittlerweile können auch Winzer mit sehr kleinen Flächen diese Förderung abrufen.
Kritik
In einer aktuellen Pressemitteilung kritisiert der CDU-Landtagsabgeordnete für Bietigheim-Bissingen, Tobias Vogt, das langsame Genehmigungsverfahren. Die Auszahlung dauere teils eineinhalb Jahre und verunsichere die Winzer.
Landratsamt
Gleichzeitig kündigt das Landratsamt weitere Unterstützung der Steillagen in Form eines Maßnahmenpaketes an. Großes Geld gibt es zwar nicht, dafür Förderung bei Schäden, mehr Marketing und Beratung.