Das gelbe Zelt – der Landespavillon – wird abgerissen. Hinten links ist der Bahnhofsturm zu sehen, rechts sind die Bauarbeiten für Stuttgart 21 bereits in vollem Gange. Foto: Leif Piechowski

Erinnerungen an das 1977 eröffnete „Haus der Ideen“: Der Landespavillon wird abgerissen.

Stuttgart - War’s die zarteste Versuchung, seit es Beton gibt? Als das Land 1976 die Pläne für einen Pavillon im Mittleren Schlossgarten vorstellte, der für die Bundesgartenschau als Infohäuschen den Gärtnern dienen sollte, danach aber den hohen Werten der Demokratie, ging ein Begriff durch die Gremien, der in unseren Ohren heute lustig klingt. In seiner Form sei der Neubau sehr eigenwillig, hieß es damals, weil er über „das zarteste Betondach der Welt“ verfüge.

Das zeltähnliche Gebilde, so kann man in den alten Zeitungsartikeln nachlesen, erinnere an das Münchner Olympiadach. „Unkonventionell, lebhaft und lebendig“ solle es unter diesem Dach zugehen, kündigte Ministerpräsident Hans Filbinger bei der Eröffnung im März 1977 vor den Ehrengästen an. Er wünsche sich zum 25. Geburtstag des Landes „eine Stätte der Kommunikation“ und ein „Haus der Ideen, Anregungen und Kritik“ – kurz ein „Bürgerstübchen“ solle es werden, das den Bürger ernst nehme. Ein altes Haus an der damaligen Neckarstraße hatte für den Bürger weichen müssen.

In den ersten Jahren schien der neue Pavillon dem Bürger gut zu gefallen. Von 1977 bis 1978 wurden gar 400 Veranstaltungen gezählt, darunter Lesungen, Mundartwettbewerbe, Ausstellungen, Jazzkonzerte. Es gab Podiumsdiskussionen und Filmvorführungen. Beim Auftritt des Duos Schobert und Black im Freibereich kamen gar 4000 ­Zuschauer, von denen nicht alle auf den Treppen was sehen konnten. Etwa eine halbe Million Besucher zählte man fortan. Die Verantwortung für den Landespavillon teilten sich das damalige Landesgewerbeamt und das Kultusministerium. Die gute Stube des Landes befand sich weiterhin im Neuen Schloss – das „Stübchen“ aber beim Planetarium. Doch hörte die Regierung auf das, was der Bürger in diesem „Stübchen“ verlangte? Oder war der als „Volkshaus“ apostrophierte Pavillon eine Alibi-Einrichtung?

Wenn der Staat nicht mehr kann oder will, darf der Bürger privat ran

Wie ernst es die Regierenden mit dem ­Bürger meinten, zeigte sich Anfang der 1990er Jahre, als das Geld der öffentlichen Hand knapp wurde. Dem Landesgewerbeamt hatte man den Etat so sehr zusammengestrichen, dass die Behörde ihre kulturellen Aktivitäten erheblich reduzierte. Der Pavillon wurde der Stadt ans Herz gelegt. Der damalige Kulturbürgermeister Wolfgang Schuster lehnte ab. „Dem Landespavillon droht das Aus“, stand 1993 in unserer Zeitung. Keiner wusste so recht, wie es ohne Geld unterm Zeltdach weitergehen sollte. „Wir können es uns nicht leisten, dass ein Schild vor der Tür hängt, auf dem steht: Wegen Konzeptionslosigkeit geschlossen“, erklärte damals das Wirtschaftsministerium.

Wenn der Staat nicht mehr kann oder will, darf der Bürger privat ran. 1996 übernahmen die Gastronomen Theo Warncke und Horst Brotzer das leerstehende Gebäude und eröffneten darin ein Restaurant. Es zog wieder Leben ein die karge Betonarchitektur. Eine Bar lockte Nachtschwärmer an, draußen gab’s weiterhin Kultur mit Film und Kindertheater, von einem Trägerverein organisiert. Vom „Schaufenster des Landes“ zum „Schaulaufen des Partyvolks“: Wenigstens die nächtlichen Aktivitäten sorgten dafür, dass der Pavillon nicht im Dornröschenschlaf erstarrte. Beliebt war der Ort auch bei Abiturienten für Abschlussfeiern. Nach 35 Jahren wäre eine Sanierung dringend nötig gewesen. Doch die Pläne für den unterirdischen Bahnhof warfen alles über den Haufen. Der Abriss beginnt an diesem Donnerstag. Die Arbeiten, erklärte am Mittwoch das S-21-Büro, dauern „die nächsten Wochen“. Es ist das Ende des „Bürgerstübchens“.

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