Wer seine Goldkette in die Pfandleihe gibt, erhält Bargeld. Foto: Simon Granville

Inflation und Energiekrise reißen Löcher in die Kassen der privaten Haushalte. Für die Pfandleiher in Ludwigsburg bedeutet das Zulauf.

Ohne Moos ist nichts los – dieser saloppe Spruch trifft auf die Kunden der Pfandleihhäuser zu. Sie kommen, um sich Geld zu beschaffen. Dabei verpfänden sie Ringe, Halsketten, Goldbarren und andere Gegenstände aus Edelmetallen. Offenbar nehmen solche Notgeschäfte zu, wenn auch noch nicht in dramatischer Weise. Die Pfandleihhäuser in Ludwigsburg beobachten nach eigenen Angaben einen erhöhten Bedarf, sich auf das Geschäft einzulassen. Tendenz steigend.

 

Wie machen sich Inflation und hohe Energiekosten bemerkbar?

Zurzeit belaste vor allem die hohe Inflation die Geldbeutel, berichtet Jan-Philipp Sandkühler, Geschäftsführer des gleichnamigen Pfandleihhauses in Ludwigsburg. „Der wöchentliche Einkauf ist deutlich teurer geworden – bei manchen geht das Geld aus, ehe der Monat zu Ende ist.“ Sandkühler, der auch Filialen in Heilbronn, Stuttgart, Esslingen und Nürnberg unterhält, will nicht von einem „Ansturm“ sprechen, doch die Anfragen und Abschlüsse häuften sich in diesem Jahr in einer Größenordnung von unter zehn Prozent. Sandkühlers Kollege Jozef Handermander verzeichnet in seinem Leihhaus in der Leonberger Straße in diesem Jahr einen Anstieg von 40  Prozent des Umsatzes. „Das hat sicher auch mit der Coronazeit zu tun.“ Im Frühjahr, wenn die Energiekosten abgerechnet werden, erwarte er einen „Riesenumsatz“.

Welche Menschen gehen zur Pfandleihe?

Es sei nicht der „klassische arme Schlucker“, sondern Menschen, die kurzfristig Bargeld bräuchten, um etwas zu bezahlen, erzählt der 42-jährige Sandkühler, der im Geschäft seines Vaters aus den 1980er Jahren im Jahr 2005 einstieg. Die soziale Bandbreite sei groß: „Wir bilden den Querschnitt der Gesellschaft ab.“ Im Hinterhof einer Filiale sei auch schon einmal ein roter Ferrari vorgefahren, und der Fahrer habe eine Rolex-Uhr vorgelegt. „Oft sind es unvorhergesehene Rechnungen, die die Leute in Zugzwang bringen.“ Vor Weihnachten verpfändeten manche ihr Edelmetall, um Geschenke zu kaufen. Andere lösten es wieder ein, um den Schmuck beim Fest bewusst zu tragen.

Wie funktioniert das Geschäft mit den Gegenständen aus Gold und Silber?

Die Idee ist einfach: Der Kunde gibt seine Juwelen für maximal drei Monate ab, notfalls kann er die Frist noch einmal um vier Wochen verlängern. Dafür erhält er für das Pfand einen Gegenwert, muss aber pro Monat ein Prozent Zinsen und drei Prozent Gebühren zahlen. An diese Werte halten sich auch die Leihhäuser in Ludwigsburg, die dem Zentralverband des Deutschen Pfandkreditgewerbes angehören, um Wucher zu verhindern, erklärt Jan-Philipp Sandkühler.

Wer setzt fest, wie viel Geld der Kunde für seinen Schmuck erhält?

Das Taxieren nimmt das Pfandleihhaus vor. Wichtig sei, dass der Kunde dokumentiere, wann und wo er die Juwelen gekauft hat. „Auch das ist gesetzlich geregelt, um Geldwäsche zu verhindern“, sagt Sandkühler. Fehle die oft hochwertige Verpackung von Schmuck – man redet von „Box und Papieren“ – ,  könnte es sich um Diebesgut handeln. Abgesehen von der Seriosität zählten für den Pfandleiher vor allem die Karat-Werte und das Alter. Der Kunde erhalte die Hälfte des Marktwertes. „Wenn wir den vollen Marktwert auszahlten, könnte der Kunde denken, er habe es günstig verkauft, und würde dann seinen Kredit nicht mehr zurückzahlen.“ Der 72-jährige Jozef Handermander untersucht den Schmuck mit einem Röntgengerät. „Früher hat man Goldringe an einer Schieferplatte leicht abgerieben – das ist heute zum Glück nicht mehr nötig.“ Der Preis für ein Gramm Feingold liege aktuell bei 55 Euro pro Gramm. Im Vorjahr lag er noch bei 44  Euro. Der Anstieg sei auch der Grund für die hohe Wiedereinlösequote von 97  Prozent bei ihm, erklärt Handermander. „Die Leute rechnen mit einem weiteren Wertanstieg.“

Wann werden Wertgegenstände einbehalten und versteigert?

In der Regel werden weit über 90 Prozent der Pfandleihen auch wieder eingelöst, sagt Jan-Philipp Sandkühler. „Der Besitzer hat ein hohes Interesse daran, seinen Schmuck wiederzuerlangen, da er damit Erinnerungen verbindet.“ Sandkühler stellt einen neuen Pfandleihschein aus, wenn der Kunde Gebühren und Zinsen bezahlt habe. Können die Kosten nicht bezahlt werden, lässt der Pfandleiher einen Auktionator kommen, der den Schmuck versteigert. Das sei auch für Privatleute interessant.

Wie schützt sich ein Pfandleihhaus vor Überfällen?

Aus Sicherheitsgründen deponierten seine Filialen nur wenig Bargeld im Geschäft, erzählt Jan-Philipp Sandkühler. Komme doch mal jemand mit der goldenen Rolex, was einem fünfstelligen Leihbetrag entspreche, müsse er einen Termin mit 24 Stunden Vorlauf vereinbaren, damit das Pfandleihhaus das Geld beschaffen könne. Die in das Pfand gegebenen Wertgegenstände lagere man in einem Tresor. Ein Leihhaus müsse sich gegen den Verlust versichern. „Bei uns sichern zahlreiche Alarmanlagen das Geschäft“, erzählt Jozef Handermander. Er rät dringend von einem Einbruch ab.

sdf