Die inklusive Esslinger Textil-Manufaktur Wasni ist ihren alten Ladenräumen in der Küferstraße entwachsen. Trotz der Corona-Krise konnten dieses Jahr dreimal so viele Pullover geschneidert werden wie bisher.
Esslingen - Wenn anders sein normal ist – dafür stehen die fünf Buchstaben, die gemeinsam den Firmennamen Wasni ergeben. Das Esslinger Unternehmen stellt Kapuzenpullover her. Die Materialien sind fair und bio, verarbeitet werden sie in Esslingen. Die Idee von Gründer Daniel Kowalewski: „Ich wollte ein inklusives Unternehmen gründen.“ Was produziert wird, sei zweitrangig gewesen. „Viel in dem Konzept ist Zufall“, gesteht er schmunzelnd. Mit Gründung einer eigenen Firma im Jahr 2015 wollte er beweisen, dass auch ein „gutes“ Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich sein kann. Heute ist Wasni sogar so erfolgreich, dass man den alten Räumen endgültig entwachsen ist. In der Mettinger Straße hat man nun 450 Quadratmeter Platz. „Das ist etwa dreimal soviel wie zuvor“, sagt Kowalewski im alten Laden in der Küferstraße. „Wenn man sich umschaut, ist es fast unvorstellbar, dass wir vorher alles untergebracht haben.“
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Jetzt hängen hier nur noch ein paar Jacken und Pullover, einige Kisten stehen herum. „Wir haben nur das Allernötigste für die Produktion mitgenommen“, erklärt er, der Rest komme dann nach und nach. Mittlerweile beschäftigt Wasni 15 Menschen. Die kleinwüchsige Modedesignerin Nadine Feist war einst die erste Angestellte. Da sie in Mutterschutz ist, war sie am Umzug in die neue Manufaktur nicht so stark beteiligt, wie sie es sonst ist. „Dadurch haben wir zum Beispiel den Spiegel in der Toilette zu hoch aufgehängt“, sagt Kowalewski, „aber den werden wir noch umhängen.“
Im Betrieb hört man sich gegenseitig zu
„Durch den Kontakt mit Menschen, die sozusagen nicht in die Norm passen, wird man sensibilisiert“, sagt Feist. Dieses Miteinander sei auch das, was die Firma ausmache: „Wasni wird von den Angestellten mitbestimmt, es gibt kein von oben herab“, erklärt Feist. Kowalewski ergänzt: „Wir haben auch Beschäftigte mit psychischen Krankheiten, die sehr offen damit umgehen. Dadurch lernen wir alle, offener zu sein und auf bestimmte Situationen einzugehen.“ Bei Wasni hört man sich zu und passt sich an.
Längere Ärmel sind kein Problem
Auch das Geschäftskonzept passt perfekt dazu: Pullover können an die eigenen Maße und Farbenwünsche angepasst werden. „Die Idee dazu ist auch dem Zufall zu verdanken“, sagt Daniel Kowalewski. Ursprünglich wollte man verschiedene Bekleidungsstücke herstellen – Shirts, Pullover, Hosen. Relativ bald nach der Eröffnung kam dann jedoch Richard in den Laden in der Küferstraße. „Richard war ein großer, schlanker Mann“, erzählt Nadine Feist, „er fragte, ob wir auch einen Pullover mit längeren Ärmel nähen könnten.“ Relativ schnell wurde klar, dass man das konnte. „Wir haben dem Mann viel zu verdanken“, weiß Kowalewski. Durch ihn habe man gemerkt, dass Bedarf an maßgeschneiderter Kleidung besteht. Schnell war klar – dieser Individualismus passt gut zu Wasni. Weil man ohnehin selbst produziere, sei die Umsetzung kein Problem gewesen. Jedes Stück sei ein Unikat, also könne man auch Muster, Farben und Maße individuell anpassen.
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Der nächste Schritt auf dem Weg zum Erfolg war ein Online-Shop. Diesen stellte man ebenfalls gemeinschaftlich auf die Beine: per Crowdfunding. Dabei startet man im Internet einen zielgebundenen Spendenaufruf und jeder kann einen finanziellen Teil dazu beitragen. So ließ Wasni einen eigenen Konfigurator erstellen, in dem der Nutzer seinen Traum-Pullover selbst designen kann. Mit Kragen oder ohne, bunt oder schlicht, vieles ist möglich. Dieser Online-Shop war es auch, der Wasni in Zeiten der Pandemie stark geholfen hat. „Teilweise gingen 100 Prozent der Bestellungen online ein“, sagt Kowalewski. Als man wieder öffnen konnte, habe sich der Anteil bei 80 Prozent eingependelt.
Fernsehdokumentation löst Nachfrageboom aus
Dazu trug eine glückliche Fügung bei: „Der SWR drehte eine Dokumentation über uns“, sagt Kowalewski. Diese sei im Fernsehen zu sehen gewesen und auch in der SWR-Mediathek. Zudem wurden mehrere Fassungen veröffentlicht. „Dadurch war das Thema über Monate präsent. Wir konnten mit 8000 Kleidungsstücken dreimal so viel verkaufen, wie die Jahre zuvor. Zudem haben wir unser Team um sieben Personen aufgestockt.“
Das grundlegende Ziel von Wasni ist jedoch nicht unendliches Wachstum, wie Kowalewski sagt: „Wir wollen andere inspirieren und darauf aufmerksam machen, dass man auch inklusiv Erfolg haben kann.“
Schwerbehinderte Menschen sind häufig gut qualifiziert
Dafür wirbt auch die Agentur für Arbeit. „Schwerbehinderte Menschen sind häufig gut qualifiziert und motiviert. Über die Hälfte hat eine abgeschlossene Berufsausbildung. Das ist eine Chance für Unternehmen, die händeringend Fachkräfte suchen“, sagt Kerstin Fickus, eine Sprecherin der Agentur für Arbeit. Zudem könne die Agentur Arbeitgeber bei bei der Vermittlung unterstützen, oder durch finanzielle Mittel, beispielsweise bei der Umrüstung eines Arbeitsplatzes.
Unterstützung der Agentur für Arbeit
Menschen mit Behinderung im Kreis Esslingen
Im Oktober 2021 waren im Landkreis 622 Menschen mit Behinderung arbeitslos gemeldet. Im Vergleich zum Vormonat ist die Zahl um 4,5 Prozent gesunken. 5.142 schwerbehinderte Menschen waren in diesem Zeitraum laut Angaben der Arbeitsagentur sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Dabei gebe es keine nennenswerten Unterschiede zwischen Branchen: egal ob verarbeitendes Gewerbe, öffentlicher Dienst, Gesundheitswesen, Dienstleistungen oder im Handel.
Aktionswoche für Menschen mit Behinderung
Anlässlich des internationalen Tages der Menschen mit Behinderung am 3. Dezember führt die Bundesagentur für Arbeit vom 29. November bis zum 3. Dezember eine Aktionswoche durch, in der Arbeitgeber über die Chancen informiert werden sollen, die schwerbehinderte Mitarbeiter für ein Unternehmen bieten. Außerdem sollen Fördermöglichkeiten aufgezeigt werden.