Aus Superman wird der Hexer: Henry Cavill in der Rolle des Monsterjägers Geralt von Riva Foto: Netflix

Geralt von Riva, der Monsterjäger aus dem Videospiel „The Witcher“, ist jetzt bei Netflix unter Vertrag. Die Fantasyserie hat zwar nicht wirklich das Zeug dazu, das neue „Game of Thrones“ zu werden, macht aber trotzdem Spaß.

Stuttgart - Wenn es darum geht, Monster und Menschen einzuschüchtern, vertraut Geralt von Riva auf sein Schwert und seine schlechte Laune. Der Mann mit dem langen silberweißen Haar redet wenig, und wenn, dann knurrt und brummt er sonore Unfreundlichkeiten. Die Dorfbewohner machen am liebsten einen Bogen um ihn. Das liegt zum einen daran, dass Geralt ein Hexer ist und auch einige fiese magische Tricks drauf hat. Zum anderen riecht er mitunter etwas streng. Denn als professioneller Monsterjäger balgt er sich gerne mal mit glitschigen Rieseninsekten in stinkenden Sümpfen, um dann beim Versuch, das tote Ungeheuer zu Geld zu machen, mit Blut und Eingeweide besudelt durch die Straßen zu ziehen. Dabei leidet er eigentlich unter einem Waschzwang. Geralt von Riva liebt heiße Bäder, Frauen lieben ihn. Und weil die ursprüngliche Romanfigur vor allem als Held eines Videospiels bekannt wurde, dreht er einem nun in seinem Seriendebüt „The Witcher“ auffällig oft den Rücken zu.

In den nördlichen Königreichen sind die Sitten rau wie in Westeros

Trotzdem soll er sich einprägen und der neue Jon Snow werden. Falls Sie die letzten zehn Jahren im Wald verbracht haben: Jon Snow war ein Held aus der Fantasyserie „Game of Thrones“, die im Mai zu Ende ging. Alle TV-Sender und Streamingdienst suchen nun verzweifelt nach einem Spektakel, das die Zuschauer ähnlich leidenschaftlich verschlingen wie diese HBO-Serie nach den Romanen von George R. R. Martin.

Zwar gab es bereits einige Nachfolgekandidaten, aber die sind entweder glatt durchgefallen oder haben sich zumindest als nicht annähernd so populär erwiesen: Das gilt für das philosophisch aufgeladene Science-Fiction-Drama „Westworld“ (Sky) ebenso wie für die beiden Steampunk-Fantasien „Carnival Row“ (Amazon Prime) und „His Dark Materials“ (Sky). Jetzt versucht der Streamingdienst Netflix sein Glück und lässt Geralt von Riva durch ein magisch aufgeladenes Mittelalter reisen. In den nördlichen Königreichen lauern diesseits und jenseits der Berge von Cintra und der Küste von Redania Tyrannen und Ungeheuer, es gibt Platz für königliche Intrigen, bestialische Gemetzel und viel Sex. Fast wie in Westeros also.

Ansprüche als Fantasyserien sind höher

Die Erwartungen an die Serie „The Witcher“, die von diesen Freitag an bei Netflix zu sehen ist, sind hoch. Zu hoch. Andrzej Sapkowski, auf dessen Romanen die Serie beruht, vermengt in der Geralt-Saga ein bisschen arg schlicht slawische Mythologie und Grimms Märchen. Er ist nicht Polens Antwort auf George R. R. Martin. Seinen Figuren und Geschichten fehlt es dazu viel zu sehr an Weite und Tiefe. Und eigentlich sind die fünf Geralt-Romane nur deshalb berühmt, weil sie eben die Vorlage für eine der besten Videospiel-Reihen der vergangen Jahren lieferten: „The Witcher“ (2007), „The Witcher 2: Assassins of Kings“ (2011) und „The Witcher 3: Wild Hunt“ (2015). Besonders der Abschluss der Trilogie setzte Maßstäbe in Sachen Grafik und Storytelling. Außerdem wurde Spielern selten zuvor eine so riesige fantastische Spielwelt zum Austoben geboten.

Wenn man Videospiel-Maßstäbe anlegt, hat „The Witcher“ eine ungewöhnlich komplexe, dicht erzählte Geschichte und ausgesprochen differenzierte Charaktere zu bieten. Die Ansprüche an eine Story und an die Figuren in einer Fantasyserie sind aber nach „Game of Thrones“ erheblich höher. An diesen Ansprüchen scheitert „The Witcher“ in den fünf Episoden, die es vorab zu sehen gab. So enttäuscht etwa die große Schlacht der Pilotepisode, bei der man sich bei jeder in dem Bauch gerammten Lanze, jedem Schwerthieb, jedem sich aufbäumen Pferd, jedem rollenden Kopf an „Game of Thrones“ erinnert fühlt, und daran, wie viel spektakulärer jene Serie solche Szenen hinbekommen hat.

In „The Witcher“ sind die Frauen tougher als die Männer

Das heißt nicht, dass die Serie schlecht ist. Sie ist nur ein weniger anspruchsvoller und etwas trashiger Fantasyspaß. In der Welt von „The Witcher“ werden verwunschene Prinzessinnen nicht in tiefen Schlaf versetzt, sondern in gefräßige Ungeheuer verwandelt. Verkrüppelte Hexen werden nicht durch Zaubertränke zu Schönheiten, sondern müssen grausige Folterrituale über sich ergehen lassen. Einfältige Burgherren werden in eine orgiastische Trance versetzt. Und wo auch immer Geralt (Henry Cavill, den man vor allem als Superman kennt) gerade unterwegs ist, das nächste Monster wartet bestimmt schon hinter der nächsten Ecke. Obwohl überall Kikimoras, Striegen, Sukkuben, Werwölfe und Leichenfresser lauern, erweisen sich am Ende dann aber doch die Menschen, die sich Geralt in den Weg stellen, meistens als die schlimmeren Monster.

Was „The Witcher“ dann aber doch wieder mit „Game of Thrones“ verbindet: Die Frauen, denen der vernarbte Stoiker Geralt begegnet, sind eigentlich immer ein bisschen tougher als all die Männer, die sich in den nördlichen Königreichen herumtreiben: die Viertels-Elfe Yennefer (Anya Chalotra) ebenso wie die verwaiste Prinzessin Cirilla (Freya Allan) oder die kriegerische Königin Calanthe, die von Jodhi May gespielt wird – die zumindest auch mal eine Episode lang in „Game of Thrones“ mitspielen durfte.

Vom Buch zur TV-Serie

Roman Der polnische Schriftsteller ­Andrzej Sapkowski veröffentlichte zunächst einige Kurzgeschichten über den Hexer Geralt von Riva, bevor 1994 mit „Krew Elfów“ (Das Erbe der Elfen) der ­erste Roman seiner fünfbändigen Geralt-Saga erschien. Bekannt wurden die Romane vor allem durch die Spieleumsetzungen, die 2007, 2011 und 2015 erschienen.

Serie Netflix wollte ursprünglich aus dem Stoff einen Film machen, entschloss sich dann aber zu einer TV-Serie. Alle Episoden der ersten Staffel sind ab Freitag, 20 Dezember (9 Uhr), bei Netflix abrufbar.

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