Szenenfoto aus der Eröffnungspremiere im Theater Rampe, „Karl und Rosa. Für Geister Eintritt frei“ Foto: Theater Rampe

Wie kommen Publikum und Theater zusammen? Die Rampe setzt auch in der neuen Saison auf Öffnung und spielt nicht nur drinnen.

Stuttgart - Spielzeitmotto? Gibt es in dieser Saison keines. Stattdessen hat das Rampe-Team Paragrafen formuliert, die das gemeinsame Leben und Arbeiten an einem Theater auch fürs Publikum ein bisschen transparenter machen wollen. 186 nicht immer ganz ernst gemeinte, provokante Absätze sind zusammengekommen. „Wir wünschen uns, dass sich das Publikum selber befragt, was die Regeln sind, nach denen wir zusammenleben“, erklärt Marie Bues, eine der beiden Rampe-Intendantinnen, eine Intention der Kampagne.

„Zwischenrufe sind möglich“, lautet etwa Paragraf 148. Gerade dieses Sich-Einmischen ist etwas, das auch in der neuen Saison in der Rampe hoch im Kurs steht. Rausgehen, nachfragen. „Wir haben im Gespräch mit Passanten das Potenzial ausgelotet, das Theater haben muss, wenn es heute ein breites Publikum ansprechen will.“ Die Rampe-Dramaturgin Paula Kohlmann ist auch Streetworkerin, „Volks*theater“ heißt das Resultat, das den Ort der Recherche zum Bühnenstoff macht. Von der bewegten Geschichte des Marienplatzes erzählt die Premiere im Juni, vom Hangleiterschen Zirkus über Rosa Luxemburg und Nazi-Aufmärsche bis zum urbanen Freizeitraum will das Stück Spektakel und Utopie verbinden.

WWW: Wlan, Wasser und WC

Wie Geschichte in die Gegenwart hineinwirkt, verhandelt bereits die Spielzeiteröffnung am 4. Oktober. Als Stuttgart-Premiere ist dann Felicia Zellers „Karl und Rosa“ zu sehen, als Koproduktion mit dem Theater Magdeburg dort bereits im Februar in der Inszenierung von Marie Bues uraufgeführt. Wenn fünf Schauspieler die Revolution von 1918 darstellen, geht es auch um die Frage, wo die Linke heute steht.

Und wo steht die Kunst? „Volkstheater muss den Theaterraum verlassen, kostenlos sein, vielstimmig“, sagt Rampe-Intendantin Martina Grohmann. „Strategien der Öffnung“ wolle das Theater die ganze Saison erproben, monatsweise. Anfang ist im Oktober mit WWW – Wlan, Wasser, WC gibt es im Foyer dann für alle kostenlos. Nachbarschaftstreff, Wohnküche, Sprachcafé ist die Rampe in der neuen Saison, der Blick geht über den Tellerrand der Kunst hinaus. Das Konzept hat Erfolg: Bei 81 Prozent lag die Auslastung in der vergangenen Spielzeit. In der neuen gilt von Schorsch Kameruns Stuttgart-21-Performance „Motor City“, die am 19. September Premiere hat, bis zur Kooperation beim Tanzpakt-Festival „Die irritierte Stadt“, für das die Rampe mit vielen anderen Institutionen im Juli den öffentlichen Raum bespielt: Ein neuer Zugang zur zeitgenössischen Kunst ist gefragt, aber auch das Nachdenken über das Zusammenleben in einer Stadt. So bleibt die Rampe weiterhin Koordinationsstelle für den Künstlerzusammenschluss „Die Vielen“, die gegen rechte Tendenzen in der Gesellschaft stark machen.

Eine Südfrucht als Symbol für Übergriffe

Künstleraustausch, Residenzen, Koproduktionen: Vernetzung bleibt in der Rampe ein wichtiges Thema. Der Heidelberger Choreograf Edan Gorlicki, der auf Publikumsbeteiligung setzt, ist mit einem Gastspiel im Oktober und einer Premiere im März präsent. Mit den Donaueschinger Musiktagen realisieren Herbordt/Mohrens ihre partizipative Performance „Das Festival“ im November; in diesem Monat reiten auch die apokalyptischen Tänzer*innen, getragen von der Produktionsplattform „Freischwimmen“, durch die Rampe und machen in ihrer Performance „Banana Island“ die Südfrucht zum Symbol für kolonialistische, rassistische und sexistische Übergriffe.

Mit dem Eclat-Festival für Neue Musik denkt die finnische Performancetruppe Oblivia über die sozialen, politischen und psychologischen Mechanismen des Verdrängens nach. Ebenfalls im Februar unterstützen vier Schlagzeugerinnen aus Freiburg Justyna Koeke, wenn sie unter dem Titel „Göttinnen“ neue und alte Frauenbilder befragt. Schauspieler vom Theater Lübeck sind dabei, wenn Nicki Liszta und Marie Bues im April „Nosferatu“ in die zweite Runde schicken und alle Räume der Rampe zu Organen eines Blutkreislaufs machen. Auch ein Projekt der Berliner Performer von She She Pop ist in Planung – ermöglicht durch den Theaterpreis des Bundes. „Der hat viel Aufmerksamkeit und persönliche Anerkennung ins Haus gebracht – und 70 000 Euro, mit denen wir uns nun etwas leisten können“, freut sich Martina Grohmann über ein Highlight der zurückliegenden Saison, das auch Licht auf die neue wirft.

Hier geht’s zum Spielplan der Rampe.

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