In unserer Serie „Wie geht es eigentlich . . .?“ beleuchten wir Menschen, die aus dem Rampenlicht getreten sind. Kevin Kuranyi hatte eine bewegte Karriere als Fußballprofi mit vielen Höhe-, aber auch Tiefpunkten. Was macht der Ex-Stürmer des VfB Stuttgart heute?
Kevin Kuranyi war Fußballprofi beim VfB Stuttgart, beim FC Schalke 04, in Moskau und bei der TSG 1899 Hoffenheim. Auch 52 Länderspiele hat er für Deutschland absolviert. Was macht er heute? Wir haben den inzwischen 41-Jährigen in seinem Büro in Stuttgart getroffen und nachgefragt.
Herr Kuranyi, wie geht es Ihnen?
Danke, gut.
Was macht Ihr Knie? Sie hatten sich Ende des vergangenen Jahres bei einem Legendenspiel im Rahmen der WM in Katar schwer verletzt.
Ja, leider. Schon nach fünf Minuten dieses Spiels ist es passiert. Ich habe mir das Innen- und Außenband gerissen. Das Kreuzband auch, dazu entstand ein Knorpelschaden. Im Grunde war alles kaputt. Aber: Das Knie erholt sich langsam – und ich arbeite fünfmal die Woche in der Reha daran, wieder fit zu werden.
Das ist ja fast so viel Training wie einst als Profi.
(Lacht) Ja, beinahe. Das Gute daran ist: Das hält mich fit. Aber im Ernst: Ich bin froh, dass mir eine solch schwere Verletzung erst nach der Karriere passiert ist. Jetzt bin ich Fußball-Rentner, da ist es nicht mehr so schlimm.
Wer war mit auf dem Platz bei diesem Spiel?
Ehemalige Fußballstars aus aller Welt, zum Beispiel Carlos Valderrama, Luis Figo, Ronaldinho, Francesco Totti, Javier Zanetti, Jürgen Klinsmann und viele andere mehr.
Man sieht Sie immer wieder auf Fotos mit absoluten Weltstars des Fußballs. Wie kommt es, dass Sie mit ihnen allen in Kontakt stehen?
Ich hatte während meiner Karriere viele internationale Spiele. Dort, sowie in meinen Vereinen, habe ich viele Kollegen kennengelernt, zu denen ich nach meiner aktiven Laufbahn den Kontakt gehalten habe. So wurde ich später immer wieder zu solchen Legendenspielen eingeladen. Dort sind mittlerweile sehr gute Freundschaften entstanden, zum Beispiel zu Ronaldinho oder Roberto Carlos.
Die beiden sind Brasilianer – da hat es vermutlich geholfen, dass Sie selbst in Rio de Janeiro geboren sind.
Allein der Sprache wegen, ja. Ich spreche Deutsch, Portugiesisch, Spanisch, bin in Brasilien aufgewachsen und komme gut mit der südamerikanischen Mentalität klar. Wir lachen bei diesen Spielen viel zusammen.
Karriere-Highlight gegen Manchester United
Sie haben Ihre Karriere im März 2017 nach über 15 Jahren als Profi beendet. Wie schwer ist Ihnen dieser Schritt damals gefallen?
Natürlich ist es nicht leicht, den richtigen Moment für das Karriereende zu finden. Am Ende war es aber doch eine recht klare Entscheidung.
Warum?
Wissen Sie, meine Karriere ist über viele Jahre sehr gut gelaufen. Bei all meinen Vereinen habe ich viele Spiele gemacht, habe in der Champions League und in der Europa Legaue gespielt. Auf meiner letzten Station in Hoffenheim, ich war damals schon 33, ging es dann plötzlich gegen den Abstieg und ich stand kaum noch auf dem Platz. Da habe ich gemerkt: Mein Körper ist nicht mehr der Alte – nach dieser Zeit wusste ich, dass das Karriereende bevorsteht und war recht gut darauf vorbereitet.
Auf welche Karriere-Highlights blicken Sie denn besonders gerne zurück?
Es gab viele besondere Momente. Zweimal habe ich mit der Nationalmannschaft die EM gespielt, leider haben wir 2008 das Finale gegen die Spanier verloren. Oder das Champions-League-Spiel mit dem VfB gegen Manchester United, dass wir gegen eine mit Weltstars gespickte Mannschaft 2:1 gewonnen haben . . . solche Momente bleiben für immer in meinem Kopf. Es war ein Wahnsinnsgefühl.
Im Sommer 2005 haben Sie Stuttgart verlassen, sind zum FC Schalke 04 gewechselt, danach . . .
. . . hatte ich Angebote von Juventus Turin und vom FC Liverpool, habe mich aber für etwas Verrücktes entschieden.
Manche sagen auch: für das Geld. Weil Sie zu Dynamo Moskau gewechselt sind und einen sehr gut dotierten Vertrag unterschrieben haben.
Wenn Menschen das sagen, kann ich das verstehen. Und gebe auch gerne zu, dass das Finanzielle damals eine große Rolle gespielt hat bei der Entscheidung. Ich war 29 Jahre alt und sah die Möglichkeit, mich und meine Familie in wenigen Jahren finanziell komplett abzusichern. Aber: Ich durfte damals auch helfen, bei Dynamo etwas aufzubauen.
Zuletzt wechselten viele Profis aus europäischen Topligen nach Saudi-Arabien, um dort sehr viel Geld zu verdienen. Haben Sie aufgrund Ihrer eigenen Geschichte Verständnis?
Ja, habe ich. Am Ende denkt aber jeder anders darüber und muss selbst entscheiden, was das Richtige ist.
Die Rolle des Geldes im Fußballbusiness
Manche Spieler sind aber noch sehr jung, noch nicht im Herbst ihrer Karriere.
An deren Stelle würde ich tatsächlich zwei- oder auch dreimal darüber nachdenken, diesen Schritt schon zu gehen. Bei Profis, die bereits 30 Jahre oder älter sind, habe ich vollstes Verständnis für eine solche Entscheidung.
Sie arbeiten heute unter anderem als Spielerberater, arbeiten mit jungen Fußballern zusammen und raten ihnen auch, nicht immer sofort ans Geld zu denken.
Das ist zu Beginn einer Karriere auch absolut richtig. Es geht um den Weg, um einen Karriere-, aber auch um einen Lebensplan. Die jungen Spieler sollen sportlich das Maximum aus ihren Möglichkeiten machen. Man kann dabei aber Entscheidungen treffen, die das verhindern.
Einige Berater schauen selbst danach, möglichst schnell viel zu verdienen.
Solche Beispiele gibt es, klar. Und die wird es auch immer geben. Aber ich bin finanziell unabhängig – und kann Anderes in den Mittelpunkt stellen. Man muss aber auch sagen: Mit Versprechungen und Geld lassen sich junge Spieler und ihre Familien schon auch oft locken.
Der Reiz des Geldes ist eben groß, vor allem, wenn es Familien ansonsten schwer haben, finanziell klarzukommen.
Absolut. Und ich verstehe das ja auch. Gerade heutzutage ist das Leben extrem teuer geworden – und dann hat ein Teenager plötzlich die Möglichkeit, mehr zu verdienen als seine Elternteile, die bereits seit über 20 Jahren schuften. Natürlich ist das eine große Verlockung. Ich halte das dennoch für schwierig – und rate den Spielern und ihren Familien, trotz allem lieber ein paarmal mehr darüber nachzudenken, bevor sie sich für das nur finanziell bessere Angebot entscheiden.
Mit Ihrer Agentur kümmern Sie sich nicht nur um junge Fußballer.
Ich wollte immer mehrere Standbeine haben im Leben nach der Fußballkarriere. Ich bringe also auch immer wieder ehemalige Profis zu Events zusammen. Im Dezember, zum Beispiel, bei einer Legenden-WM in Madrid mit den acht Weltmeister-Nationen. Und ich bin auch im Immobiliengeschäft tätig. Damit habe ich schon recht früh angefangen.
Und sind nie auf die Nase gefallen?
Natürlich waren nicht alle Investments erfolgreich, manchmal hat das Scheitern auch weh getan. Ich habe dann aber immer versucht, meine Schlüsse daraus zu ziehen und keinen Fehler zweimal zu machen. Und: Ich habe das Risiko immer gut gestreut.
Das erste Ziel von Kevin Kuranyi als Jung-Profi
Viele Menschen sagen, Profifußballer können nicht mit Geld umgehen.
Das kann man nicht pauschal sagen. Natürlich bestehen Gefahren für die jungen Spieler. Sie verdienen oft sehr schnell sehr viel Geld – und geben es dann auch schnell wieder aus, ohne daran zu denken, dass die Karriere vielleicht nur zehn Jahre dauert, das Leben danach aber 50 oder 60 Jahre. Dazu kommen oft windige Berater oder falsche Freunde. Ich rate meinen Spielern daher immer: Gönnt euch etwas, aber legt einen Großteil des Geldes, das ihr verdient, auf die Seite. Wissen Sie, was mein erstes Ziel als Profi war?
Sagen Sie es mir.
Dass ich in der Lage bin, meinen Eltern ein Haus zu kaufen, in dem sie leben können, ohne Miete zahlen zu müssen. Ich bin froh und dankbar, dass ich das erreicht habe. Das war damals ein sehr schönes Gefühl.
Stichwort falsche Freunde: Sie haben als Fußballer stets viel verdient, wie oft haben Menschen Sie nach Geld gefragt?
Klar, das ist oft passiert. Freunde, auch mal Familie, die zum Teil in Südamerika in schwierigen Verhältnissen lebt. Und ich bin grundsätzlich ein Mensch, der gerne anderen hilft. Allerdings bin ich da mittlerweile sehr geradlinig.
Das bedeutet?
Wenn ich jemandem Geld leihe, ist mir wichtig, dass es dafür genutzt, sich etwas aufzubauen. Ich habe einen Freund, der sich so eine Fitnesskette aufgebaut und mir das Geld längst zurückgegeben hat. Wenn er oder sie wenig später aber wieder kommt und nach Geld fragt, dann weiß ich, dass die Chance vertan wurde. Und dann bin ich auch nicht bereit, weiter Unterstützung zu leisten.
Zurück zum Fußball: Haben Sie eigentlich mal in Erwägung gezogen, Trainer zu werden?
Ich habe kurz darüber nachgedacht. Aber die Vorstellung, in einem Kader von 25 oder 30 Spielern jedem gerecht werden zu müssen, hat mich dann doch eher eine andere Richtung einschlagen lassen.
Womöglich hätten Sie dazu noch einen wie Kevin Kuranyi im Team gehabt.
Ach, mit mir hatten es die Trainer immer leicht, ich habe ihnen stets viel Respekt entgegen gebracht. Weil ich immer versucht habe, mich in sie hineinzuversetzen. Aber wahrscheinlich auch, weil ich meistens Stammspieler war (lacht). Da waren wir immer gute Freunde.
Felix Magath war sein härtester Trainer
Die große Ausnahme: Der Moment, als Sie während eines Länderspiels im Oktober 2008 das Stadion verlassen haben, weil Joachim Löw Sie nicht für den Spieltagskader berücksichtigt hat.
Das war DER Fehler meiner Karriere, keine Frage. Das war mir schon klar, als Jogi danach verkündete, ich würde nie mehr unter ihm in der Nationalmannschaft spielen. Menschlich hat mich aber auch das weitergebracht, bis heute.
Wären Sie ein strenger Trainer geworden?
Ich denke schon, dass ich immer versucht hätte, das Maximum aus den Spielern herauszuholen. Ich hatte ja auch selbst den einen oder anderen sehr strengen Coach.
Sie denken an Felix Magath?
Ja, er war der Härteste. Bleiwesten, Medizinbälle, Treppenläufe . . . aber wir waren fit (lacht). Und ich war jung und wollte spielen. Also war es am Ende okay für mich.
Sie spielten auch unter ganz anderen Trainertypen.
Stimmt. Ralf Rangnick, zum Beispiel, hat Fußball ganz anders gedacht und entwickelt. Am Ende habe ich mit 34 Jahren unter dem noch sehr jungen Julian Nagelsmann dann auch gemerkt, wie sehr sich der Fußball im Laufe meiner Karriere entwickelt und verändert hat.
Nagelsmann war damals 28. Nun ist er 36 – und Bundestrainer. Ist er der Aufgabe gewachsen?
Auf jeden Fall. Für mich stellt sich die Frage „jung oder alt“ auch nicht. Es gibt nur „gut oder schlecht“. Und Julian ist ein Guter, der viel Qualität mitbringt. Aber: Er benötigt als Bundestrainer natürlich auch gute Spieler.
Sind Sie da eher skeptisch?
Aktuell haben wir noch die Spieler, um eine Topmannschaft stellen zu können. Auch bei der EM im kommenden Jahr. Deutschland wird mittelfristig aber das Problem haben, dass im Gegensatz zu anderen Nationen wie Frankreich, England oder Spanien nicht genügend Toptalente nachkommen.
Auch keine klassischen Mittelstürmer.
Auch die nicht, genau. Da wurde es in den vergangenen Jahren versäumt, auf eben diesen Spielertypen zu setzen und Topstürmer zu entwickeln. Im Nachwuchsbereich habe ich nun zwar wieder einige entdeckt, denen ich viel zutraue. Bis sie so weit sind, dauert es aber noch.
Ist Europa eine Option für den VfB?
Wie lange dauert es, bis der VfB Stuttgart mal wieder international spielt?
Oh, da sind wir noch weit weg, auch wenn der Start in diese Saison sehr, sehr gut war.
Halten Sie es für ausgeschlossen?
Nein, obwohl die Kluft zwischen den Vereinen, die zuletzt regelmäßig international gespielt haben, und dem Rest sehr groß geworden ist. Denn Clubs wie der SC Freiburg und der 1. FC Union Berlin haben gezeigt, dass man sich mit klugen Investitionen, richtigen Entscheidungen und einer guten Struktur auch ohne das ganz große Geld nach oben arbeiten kann. Und der VfB ist auf einem guten Weg.
Mann mit drei Pässen
Wurzeln
1982 wird Kevin Kuranyi am 2. März in Rio de Janeiro geboren. Sein Vater ist Deutscher mit ungarischen Wurzeln, seine Mutter stammt aus Panama. Kuranyi wächst in Brasilien auf. 1997 kommt er nach Stuttgart. Die Stadt bezeichnet er heute als „Heimat“.
Karriere
Kevin Kuranyi kommt als 15-Jähriger in die Nachwuchsabteilung des VfB Stuttgart und wird später Profi. Er erreicht mit dem Club unter anderem die Vizemeisterschaft und spielt in der Champions League. 2005 wechselt er zum FC Schalke 04 und wird auch hier Vizemeister. Von 2010 bis 2015 spielt er für den russischen Erstligisten Dynamo Moskau. Nach einem Jahr bei 1899 Hoffenheim beendet er seine Karriere. Für die deutsche Nationalmannschaft nimmt er an den EM-Turnieren 2004 und 2008 teil. Er bestreitet 52 Länderspiele.
Privat
Kevin Kuranyi lebt mit seiner Frau Viktorija und den beiden gemeinsamen Kindern in Stuttgart. Sein Sohn Karlo spielt in der U 19 des VfB Stuttgart.