Hinaus zum 1. Mai? Na klar. Die Frage ist nur, wohin. Für Monika Heim führt am Tag der Arbeit kein Weg an der Kundgebung auf dem Esslinger Marktplatz vorbei. Roswitha Rostek macht sich auf zur Brunnenwanderung. Wichtig für beide: Leute treffen.
Vielleicht sind die Gegensätze gar nicht so groß. Monika Heim zieht es als „stramme Gewerkschafterin“, wie sie selbst sagt, am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, zur Kundgebung auf dem Esslinger Marktplatz. Auch Roswitha Rostek zieht etwas hinaus am 1. Mai: die Wäldenbronner Brunnenwanderung, die seit 25 Jahren am ersten Tag des Wonnemonats stattfindet – und die Tatsache, dass sie als Vorsitzende des Bürgerausschusses sich einfach dort sehen lassen muss. Aber auch ohne Amt und Bürde würde sie die Tour nicht missen wollen, denn die sieben Kilometer lange Strecke durchs Hainbachtal, an der Vereine Speis’ und Trank anbieten, sei einfach „wunderschön“.
Natur? Solidarität? Geselligkeit!
Einmal Natur, Bratwurst, Kaltgetränke. Das andere Mal Solidarität, Bratwurst, Kaltgetränke, denn selbstverständlich gibt es auch auf dem Marktplatz neben kämpferischen Reden nahrhafte Stände. Und beidesmal: Geselligkeit. „Ich treffe dort Leute, die ich nur einmal im Jahr sehe“, sagt Monika Heim, und diese Begegnungen bedeuten ihr viel. Ähnlich Roswitha Rostek: „Man kommt in Kontakt mit den Menschen, kann für einen kleinen Plausch verweilen – das ist wunderbar.“ Beidesmal also ein lieb gewordenes Ritual.
„Lebendiges und notwendiges Ritual“
Aber ist es nicht auch zum Ritual geworden, die Gewerkschaftsaktion am 1. Mai als „bloßes Ritual“ totzusagen? „Es ist ein Ritual“, sagt Monika Heim, „aber für mich ein sehr lebendiges und notwendiges. Die Kundgebungen sind die zentralen Treffpunkte aller abhängig Beschäftigten. Da kommen die unterschiedlichsten Branchen und Beschäftigungsgruppen zusammen und haben die Möglichkeit zum Austausch, zum Blick über den Tellerrand. Alles zusammen setzt ein Zeichen der Gemeinsamkeit und der Solidarität – unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Religion oder Ethnie. Das symbolisiert für mich der 1. Mai: Wir gehören zusammen. Und das zu zeigen, ist heute wieder enorm wichtig.“ Denn die Demokratiefeinde, die Hetzer und politischen Hassprediger versuchten auch in den Belegschaften Fuß zu fassen. Aus all diesen Gründen ist Monika Heim jedes Jahr dabei. Nicht die frühlingshafte Natur und nicht die Sonne könnten sie abhalten, allenfalls das Gegenteil: „Bei schlechtem Wetter muss ich mich schon etwas überwinden.“ Der bunte Strauß der 1.-Mai-Alternativen führt sie nicht in Versuchung.
„Es lobt einen ja sonst keiner“
Das ist bei Roswitha Rostek ein bisschen anders: „Wenn ich nicht auf der Brunnenwanderung wäre, würde ich zur Kundgebung gehen.“ Dass an diesem Tag die Arbeit und die, die sie verrichten, gewürdigt werden, ist ihr jedenfalls sehr wichtig. Versteht sich, dass die Gewerkschafterin damit d’accord ist: „Der erste Mai ist nach wie vor der einzige größere Rahmen für die öffentliche Sichtbarkeit aller Arbeitnehmer.“ Auf dem Marktplatz geht es im übertragenen Sinne mal nicht um den Markt, sondern um die, die ihn bestücken und bisweilen unter ihm leiden. Da kommt es aus Sicht der Festo-Betriebsrätin darauf an, „sich auch gegenseitig mal auf die Schulter zu klopfen, denn es lobt einen ja sonst keiner, wenn es um Tarifauseinandersetzungen oder soziale Forderungen geht.“ Die Kundgebungsmuffel sieht sie mit Großmut, aber nicht mit Gleichgültigkeit: „Ich neide niemandem den freien Tag. Aber die Leute sollten wenigstens wissen, wo er herkommt und was er bedeutet.“ Ist halt das übliche Feiertagsdilemma, ob weltlich oder religiös: Freizeit durch Sinnverlust. Und eines muss Monika Heim loswerden: „Das ist wie mit den Tarifkämpfen, die die Gewerkschaften ausfechten. Alle profitieren davon, nur ein Teil sind Gewerkschaftsmitglieder.“
„Alle profitieren davon“
Alle profitieren davon: In gewisser Weise hält sich das auch Roswitha Rostek für die Brunnenwanderung zugute. „Es ist eine einfache Strecke über gute, kinderwagentaugliche Wege.“ Eine soziale Aktion also, auch im Hainbachtal. „Kinder“, schwärmt sie, „können bei schönem Wetter am Ufer spielen und im Wasser plätschern.“ Allen zusammen bieten die Vereinsstände Rast und Erquickung – außer den Aktiven der Vereine selbst, frotzelt Roswitha Rostek: „Für die ist das ein echter Tag der Arbeit“ – natürlich zur Hebung der Stimmung, aber auch des Kontostands der Vereinskassen. Rostek zählt zu den Initiatorinnen dieser besonderen Mai-Wanderung. Die Idee für den Weg hatte allerdings vor 25 Jahren im Bürgerausschuss Bernd Schneider. Die Strecke führt an neun der Brunnen vorbei, die der Stadtteil Wäldenbronn im Namen trägt. Markiert wurde sie sinnigerweise mit dem Wegzeichen blauer Brunnen auf weißem Grund. „Die Einweihung war an einem 1. Mai“, sagt Rostek. „Ich sagte dann: Das ist ein echter Genuss, lasst uns das doch jedes Jahr machen.“ Das Datum hält also den Premierentermin fest. Aber der 1. Mai steht auch für die „neu erwachende Natur. Es ist einfach so schön, da im Freien zu sein.“ Und alles hinter sich zu lassen, im Gegensatz zu einer Kundgebung mit Politik und Kampfparolen? „Manche brauchen vielleicht tatsächlich die Ruhe und Entspannung. Mir geht es mehr um die Geselligkeit.“ In der Zeit vor der Brunnenwanderung war sie regelmäßig beim Tanz in den Mai. Also Bewegung ohne Arbeiterbewegung? Roswitha Rostek sieht keine Konkurrenz, wo keine ist.
Tag der Arbeit
Ursprung
Der heutige gesetzliche Feiertag hat blutige Wurzeln. Nach einer ersten Arbeiterdemonstration im Kampf um den Achtstundentag am 1. Mai 1856 in Australien planten US-amerikanische Arbeiter für den 1. Mai 1886 einen Generalstreik mit derselben Forderung. In Chicago führten Polizeieinsätze in den folgenden Tagen zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Bei einem Bombenanschlag starben sieben Polizisten, etliche Demonstranten wurden verletzt. Die Gewalt eskalierte, über 20 tote Arbeiter und sieben weitere tote Polizisten waren noch nicht das Ende der Bilanz: Vier Arbeiterführer wurden hingerichtet.
Feiertag
1889 ernannte die Zweite Sozialistische Internationale den 1. Mai im Gedenken an die Opfer von Chicago zum „Kampftag der Arbeiterbewegung“. In Deutschland machten die Nationalsozialisten den 1. Mai ab 1933 als „Tag der nationalen Arbeit“ zum gesetzlichen Feiertag. Einen Tag später, am 2. Mai 1933, wurden die Gewerkschaften gleichgeschaltet. mez