Ulrike Piper-Wölbert restauriert derzeit im Innern der Sindelfinger Martinskirche ein Relief von 1477. Auf der Steintafel sind neben Christus auch zwei adlige Persönlichkeiten mit Strahlkraft für die Region zu sehen.
Sindelfingen - Ausgestattet mit einem Latex-Tupfer und auf einem erhöhten Tischgestell stehend, arbeitet Ulrike Piper-Wölbert konzentriert daran, im Inneren der Sindelfinger Martinskirche ein historisches Steinrelief vom Schmutz der vergangenen Jahre zu befreien. Das Relief von 1477 zeigt die einflussreiche Pfalzgräfin Mechthild und ihren Sohn Graf Eberhard, die ehrfurchtsvoll zu Jesus Christus in ihrer Mitte aufschauen und dadurch ihre religiöse Verbundenheit darstellen. Bei ihrer Arbeit geht die Restauratorin behutsam vor, denn das 500 Jahre alte Relief befand sich die meiste Zeit seines Daseins draußen an der frischen Luft und war damit auch der teils rauen Witterung ausgesetzt. Ulrike Piper-Wölberts Hauptaufgabe ist zunächst, die Oberfläche des Epitaphs feinsäuberlich zu reinigen.
Seit Mittwochmorgen werkelt Ulrike Piper-Wölbert an dem Relief, das bis 1973 an der Kirchenwand außen angebracht war, dann aber nach drinnen an die Westwand der romanischen Kirche gewandert ist. Dort, wo sonst ein Pult mit Bibel, Altarkerzen und einer Art Gästebuch für Gläubige und Besucher der Kirche steht, hat die Restauratorin ihre Arbeitsutensilien ausgepackt. Umgeben von hellem Licht und einer kleinen Leiter versucht die erfahrene Expertin sowohl am Außenrahmen als auch auf den Figuren darin die Staubresten zu entfernen.
„Das Relief war jahrhundertelang außen an der Kirche angebracht gewesen. Allein die Witterung hat dem Epitaph zugesetzt, sodass ich nur mit einem aufgeschäumten Latexstück leicht tupfen kann“, erklärt Ulrike Piper-Wölbert. Immerhin, stellt sie fest, befinde sich das Sandsteinrelief insgesamt in einem Zustand, in dem kein Herausbrechen von Teilen zu befürchten oder Risse zu sehen seien.
Für nachfolgende Generationen konservieren
„Eigentlich handelt es sich hier nicht um eine Restauration, sondern um eine Wartung, bei der die Reinigung im Zentrum meiner Arbeit steht“, erläutert Piper-Wölbert weiter. Mehr will und darf die Restauratorin auch gar nicht machen. Abgesehen davon, dass der Auftrag nur die nötigen Konservierungsarbeiten vorsieht und alles Weitere entsprechende behördliche Genehmigungen bräuchte, würde Piper-Wölbert dem jahrhundertealten Tafel auch nicht mehr antun: „Jeder Eingriff am Material hat Auswirkungen, deshalb gilt auch hier: Weniger ist mehr.“ Entsprechend nüchtern fällt auch die Prognose aus: „Optisch wird es nach der Trockenreinigung keine großen Veränderungen für den Betrachter geben. Uns geht es hauptsächlich um das Sichern des Stücks.“ Dass die Restauratorin nun für etwa eine Woche an dem Sandsteinrelief Hand anlegen darf, ist auch auf die Initiative der Stiftung Martinskirche zurückzuführen.
„Das Relief mit dem Abbild von Mechthild und Graf Eberhard ist ein großartiges Zeugnis aus dem Spätmittelalter, als sich auch dank der Bildungsförderin Mechthild von hier aus die Grundsteine für die späteren Universitäten Tübingen, Freiburg und Heidelberg gelegt wurden“, erläutert Immanuel Rühle die Bedeutung der abgebildeten Personen. Finanziert wird die Wartung durch die Stiftung. „Die Kosten belaufen sich auf rund 3000 Euro“, so Thomas Speer, Vorsitzender der Gesamtkirchengemeinde.
Auch Pfarrer Jens Junginger freut sich über die Investition in das über 500 Jahre alte steinerne Bildnis: „Die Wartung hat für uns eine kulturgeschichtlich zukunftsweisende Bedeutung. Hier geht es um eine Erinnerungskultur, der sich die Stiftung Martinskirche verpflichtet fühlt, wie um den Bildungsauftrag der Kirche heute, sich für Aufklärung und Horizonterweiterung einzusetzen.“ Denn Glaube und Bildung, wofür die im Epitaph abgebildeten Personen stehen, ist sich Junginger sicher, sei auch heute noch hochrelevant.