Gedränge auf dem Schlossplatz: Erzieherinnen und Erzieher fordern die Anerkennung ihrer Arbeit durch mehr Geld Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Erst demonstrierten die Lehrer. Am gestrigen Donnerstag forderten etwa 2500 im Sozial- und Erziehungsdienst Beschäftigte auf dem Schlossplatz mehr Geld. Kommt keine Bewegung in die Tarifverhandlung, müssen Eltern mit längeren Kita-Schließungen rechnen.

Stuttgart - Wegen des Warnstreiks blieben in der Landeshauptstadt am Donnerstag 169 von 183 Kindertagesstätten geschlossen. Vor dem Neuen Schloss zeigten die Erzieherinnen und Erzieher den Politikern die Rote Karte. Rund 2500 Angestellte des Jugend- und Sozialamts Stuttgart, aber vor allem die angestellten in Kitas aus Stuttgart und der Region hielten Spruchbänder mit dem Slogan „Jetzt aufwerten“ hoch und skandierten: „Bei den Banken sind sie fix. Für die Erziehung tun sie nix.“

Den Ball nahm Leni Breymaier, Landesbezirksleiterin von Verdi in Baden-Württemberg, auf. „Es ist genug Geld für Bildung und Pflege da. Jede Sekunde wächst das private Nettovermögen um 10 000 Euro.“ Kurze Pause. „Jetzt ist es wieder um 30 000 Euro gewachsen. Man muss es bei denen holen, die es nicht merken.“ Die Menge quittiert es mit tosendem Beifall.

„Sie hat recht. Ich stehe hier, damit ich meine Kinder einmal allein ernähren kann und nicht auf das Einkommen eines Partners angewiesen bin“, sagt Melimea Krupa, Erzieherin aus Bad Urach und räumt ein, dass ihr die Teilnahme an dem Warnstreik nicht leicht gefallen ist. „Für Eltern, die nicht wissen, wohin mit ihrem Kind, bedeutet unser Streik eine Belastung.“

Erzieher und Erzieherinnen verdienen brutto zwischen 2366 bis 3289 Euro im Monat. „Mit nur 50 Euro mehr kann ich in Stuttgart keine Wohnung mieten“, stellt eine Kollegin fest und pfeift Beifall, als Cuno Hägele von Verdi fordert, dass Erzieher mit Absolventen von Fachhochschulen gleichgestellt werden müssen. Das Plus im Portemonnaie soll durch eine Neuregelung der tariflichen Eingruppierungen erreicht werden und bis zu zehn Prozent mehr Gehalt bringen

Ist sie es oder nicht? Die Unsicherheit war groß, als Hägele Arbeits- und Sozialministerin Andrea Nahles auf der Bühne ankündigte. „Sie als pädagogisches Personal haben gelernt Konflikte zu lösen – und zwar gütlich und friedlich.Meinem Kind erklär ich immer, dass man nie den ganzen, sondern nur ein Stück vom Kuchen bekommt“, ließ die Frau auf der Bühne die Demonstranten wissen – und wurde ausgebuht. „Ich trete aus der SPD aus“, sagt eine Erzieherin empört. Braucht sie nicht. Es war nicht Nahles, sondern Jana Seppelt von Verdi Stuttgart. Für ihre bühnenreife Einlage war sie in die Rolle der Ministerin geschlüpft. „Einig Zitate waren aber O-Ton Nahles“, stellt Hägele fest.

Nach einer Stunde, gegen 14 Uhr, löst sich die Kundgebung auf. Verwaltungsbürgermeister Bürgermeister Werner Wölfle (Grüne) weist daraufhin, dass die Forderungen von Verdi die Landeshauptstadt rund 20 Millionen Euro im Jahr mehr kosten würde. „Das ist unverhältnismäßig und nicht finanzierbar“, teilt er mit.

Die Eltern fürchten mit Recht, dass die Kitas wegen weiterer Warnstreiks zu bleiben, falls es am kommenden Montag bei den Verhandlungen keinen Rucker tut: „Wir haben für die Forderungen zwar Verständnis. Aber viele Mütter und Väter müssen jetzt ihren Jahresurlaub anbrechen, weil sie die Kinderbetreuung sonst nicht organisieren können“, sagt Monika Schneider, Vorsitzende des Gesamtelternbeirats Stuttgart.

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