Der Waldenbucher Tontechniker Sven „Samson“ Geiger war schon mit den Scorpions, Nina Hagen oder Motörhead auf Tour – und demnächst mit Bülent Ceylan. In seiner Freizeit bedient er das Mischpult im Blauen Haus in Böblingen.
Ein Anblick, den man nicht so schnell vergisst: Motörhead-Gitarrist Phil Campbell steht – von einer Lederjacke abgesehen – vollkommen nackt an der Hotelrezeption und plaudert dort mit einem erstaunlich gelassenen Empfangsmitarbeiter. „Danach ist er seelenruhig in den Aufzug gestiegen und in sein Zimmer zurückgekehrt“, erinnert sich Sven „Samson“ Geiger. Es ist nur eine von unzähligen Anekdoten, die der Waldenbucher aus seinen bald vier Jahrzehnten als Tontechniker erzählen könnte.
Er plaudert keine Geschichten von Stars aus
„Alles“, hatte der 55-Jährige gesagt, als Moderator Steffen Volkmer ihn zuletzt beim „Night-Talk“ im Blauen Haus einmal gefragt hatte, was an dem „Sex, Drugs and Rock’n’Roll“-Klischee denn wirklich wahr sei. Im Ausplaudern solcher Geschichten ist er allerdings eher zurückhaltend. Vielleicht, weil er noch immer gut beschäftigt ist, mit diversen Musikgrößen zusammenarbeitet und sehr respektvoll über diese spricht. Indiskretion rächt sich in diesem Geschäft.
Wer mag, darf ihn ja gerne selbst fragen. Im Böblinger Kulturnetzwerk Blaues Haus, das er gemeinsam mit seiner Frau, der Agenturleiterin Siggi Kolb ehrenamtlich unterstützt, trifft man ihn regelmäßig an. Dort steht er bei Veranstaltungen hinten am Mischpult und wird trotz seiner imposanten 1,92 Meter Körpergröße gerne mal übersehen. Logisch – wenn der Ton stimmt, schaut eben keiner nach dem Tontechniker.
Groß und lange Haare: Der Spitzname Samson passt zu ihm.
Den richtigen Ton trifft Sven „Samson“ Geiger seit Jugendjahren. So alt ist auch sein Spitzname. „Den hab’ ich seit einem Jugendzeltlager“ erzählt er. Ob es was mit der Sesamstraßen-Figur zu tun hat? „Vielleicht“, meint er, „ich war immer schon sehr groß und hatte lange Haare.“ Auf die Tontechnik gekommen ist der gebürtige Stuttgarter über die Liebe zur Musik. „Ich war in einer Band und habe selber Gitarre gespielt“, erinnert er sich, wie er als 14-Jähriger mit seinem Kumpel Oliver Utzt (heute ein Musikproduzent in Esslingen) Songs von Bob Marley nachgespielt hat. Über das Musikmachen sei er „an die Technik geraten“. So kam es, dass der damals 16-Jährige seine Finger statt über die Saiten öfter über die Regler gleiten ließ.
Eine Affinität für Technik habe er immer schon gehabt. „Außerdem war das anfangs auch alles nix Kompliziertes“, sagt er. Noch heute bezeichnet Geiger sich als großen „Analog-Freak“. In den Neckarklangwerken, seinem Waldenbucher Tonstudio, hortet er wahre Schätze – darunter seltene Sonderanfertigungen von legendären Herstellern wie Studer und ATR Magnetics.
Geigers erste berufliche Station war in den 80ern der Music Circus. Er war damals noch ein Teenager. „Aber wegen meiner Größe wurde ich meistens älter geschätzt“, feixt er. Bei dem Stuttgarter Veranstaltungsbüro habe er bei Bandkonzerten bei der Tontechnik aushelfen dürfen und dabei viel gelernt. „Scheinbar war ich recht talentiert“, lacht er.
Schule und Studium waren passé: „Alles Learning by Doing.“
Mit Schule oder gar Studium hatte er jetzt nichts mehr am Hut. „Alles Learning by Doing“, sagt er. Deshalb bezeichne er sich offiziell auch nicht als „Tonmeister“ oder „Toningenieur“ – wenngleich englischsprachige Kollegen ihn sehr wohl „Soundengineer“ nennen. „Ich bin einfach meinen eigenen Weg gegangen“, sagt er.
Dieser Weg führte ihn über Albinger in Ulm, wo er anfangs noch als PA-Techniker tätig war, zu diversen anderen namhaften Eventtechnikfirmen. Anfang der 90er zog er nach Hannover. Jetzt wurden auch die Namen der Bands immer bekannter und seine Jobs immer verantwortungsvoller.
Auf Shakatak, UFO, Molly Hatchet und die deutsche Hardrockband Axxis folgten (wenn auch nicht in dieser Reihenfolge) Johnny „Guitar“ Watson, The Neville Brothers, Kid Kreole, Camouflage, Glashaus, Nina Simone, Fools Garden und Marius Müller-Westerhagen. Er war dabei, als Saxxon mit Motörhead tourte, begleitete 1994 Nina Hagen, die damals sogar im Limelight-Club in New York spielte, und als 1996 die Scorpions mit ihrem Album „Pure Instinct“ die USA rockten, übernahm er die „Front of House“-Betreuung, also die Beschallung des Zuschauerraums.
Auf die Scorpions folgte mit Fury in the Slaughterhouse eine weitere Band aus Hannover. Diese Formation begleitete er bis zu ihrer Auflösung 2008 und war auch beim 2013er-Revival wieder dabei. Später kamen viele weitere große Namen dazu, darunter BAP, die Fantastischen Vier, der Rapper Kontra K und die Berliner Band Culcha Candela, mit der er noch heute arbeitet.
Im Sommer steht er erstmals in Wacken am Mischpult
Neben den Konzerthallen dieser Welt fühlte Samson Geiger sich auch immer schon beim Aufnehmen und Mastern im Tonstudio zuhause. Im Jahr 2005, mittlerweile war er wieder zurück nach Stuttgart gezogen, eröffnete er im Römerkastell ein eigenes Tonstudio, wo er unter anderem mit dem Liedermacher Stefan Stoppok zusammenarbeitete. Zehn Jahre später arbeitete er zeitweilig in Reutlingen mit NDW-Hitproduzent Ulrich „James“ Herter („Sternenhimmel“) zusammen, bis er schließlich an seinem Wohnort in Waldenbuch sein eigenes „analoges Paradies“ aufbaute, wie es auf der Neckarklangwerke-Homepage heißt.
Wenn auch der Schwerpunkt mittlerweile auf der Studioarbeit liegt, flattern ihm doch weiterhin regelmäßig Anfragen für Konzerttourneen ins Haus. Sein neuestes Projekt startet Mitte April, wenn er gemeinsam mit Bülent Ceylan und Band auf Tour geht. Der Comedy-Star ist im Herzen Metal-Musiker. Im Sommer tritt er beim Wacken-Open-Air auf. Das wird dann auch für Geiger eine Premiere. Mal sehen, welche Anekdoten er von dort mitbringt – und dann für sich behält.