Thomas Brune, der Leiter des Museum der Alltagskultur, geht zum Jahresende in Rente. Er will sich jedoch nicht ganz aus der Museumswelt zurückziehen. Foto: Claudia Barner

Thomas Brune verabschiedet sich. Damit verliert das Museum für Alltagskultur in Waldenbuch seinen Leiter. Über seine Nachfolge ist noch nichts bekannt.

Waldenbuch - Geschichte wird interessant, wenn sie mit dem eigenen Erleben zu tun hat. Geschichte formt das Denken und Fühlen, wenn sie Geschichten erzählt, die Emotionen wecken. Das Museum der Alltagskultur ist ein Ort, an dem besonders deutlich wird, wie die Erfahrungen früherer Generationen in die heutige Zeit hineinwirken. Mit einem Konzept, das auf historische Überfrachtung verzichtet und seine Botschaften an die Dinge des täglichen Gebrauchs knüpft, hat Museumsleiter Thomas Brune die Ausstellung im Waldenbucher Schloss entstaubt. Ende Dezember geht er in Rente und sagt: „Das Kind hat laufen gelernt und ist auf einem guten Weg.“

Museum neu erfinden

Als der Kulturwissenschaftler 2004 die Leitung der Außenstelle des Landesmuseums Württemberg übernommen hat, sah das noch anders aus. Es ging um die Frage, ob das „Kind“ überhaupt lebensfähig ist. Die Besucherzahlen sanken. Nach der Eröffnung des Museums 1989 hatte man 45 000 Gäste pro Jahr gezählt, nun waren es noch 15 000. „Es war klar, dass sich das Museum neu erfinden musste“, sagt Brune.

Getreu seinem Motto „einfach ist langweilig“ nahm der Technische Direktor und Baureferent des Landesmuseums die Herausforderung an. Schon bei der Vorbereitung der Staufer-Ausstellung 1977 in Stuttgart war der Tübinger Student mit unkonventionellen Ideen aufgefallen. In einer von Professor Hermann Bausinger geleiteten Arbeitsgruppe widmete er sich dem Thema „Wege der Popularisierung“ und stellte die Frage nach den Rollen, die auch lang zurückliegenden historischen Ereignissen im gesellschaftlichen Leben zugedacht werden. Dass neben großen Kunstwerken auch Barbarossa-Eiernudeln und Bierdeckel als Exponate gezeigt werden sollten, stieß auf Skepsis. „Die Museumswelt war beunruhigt“, erinnert sich Brune.

Ein Ort für alle Generationen

Für Unruhe hat der Museumsmacher, der 1950 in Hamburg geboren wurde, in den folgenden Jahren noch häufiger gesorgt. Als Leiter der Waldenbucher Ausstellung musste er dicke Bretter bohren, um die Verantwortlichen davon zu überzeugen, dass das Museum der Zukunft neue Strategien braucht. Er entwickelte das Haus zu einem Ort für alle Generationen, führte Familien-Tage ein, öffnete das historische Gemäuer für Veranstaltungen und Feste. Und er entwickelte ein Erlebniskonzept, in dem die Exponate mit dem Besucher in einen Dialog treten.

Seit dem Jahr 2011 hat das Museum der Alltagskultur kontinuierlich sein Gesicht verändert. 500 000 Euro sind in die Umgestaltung von 1500 Quadratmetern Ausstellungsfläche geflossen. Die Handschrift von Brune ist deutlich erkennbar, wenn etwa das selbstreinigende WC aus dem Jahr 2010 neben einem Nachttopf seine ganz eigene Geschichte von der historischen Entwicklung des Themas Sauberkeit erzählt. Oder wenn in den Wohnwelten ein moderner Heizungsthermostat neben einem alten Holzofen Platz findet. „Die Menschen haben existenzielle Bedürfnisse, die über die Generationen hinweg erhalten bleiben. Neu ist die Art und Weise, wie sie befriedigt werden. Dadurch verändert sich ihre Form. Hier setzen wir an, schneiden Geschichte und Gegenwart übereinander und zeigen, wie beides miteinander zu tun hat“, sagt Thomas Brune.

Geschärfte Augen für die eigene Lebenswelt

Dass dabei vermeintlich profane Gegenstände zum Museumsstück werden, gehört zu den großen Herausforderungen, mit denen das Team um den Kulturwissenschaftler zu kämpfen hat. „Wir haben Ideen, wir wissen viel, doch es ist schwierig, dafür eine museumsgerechte Gestalt zu finden“, beschreibt er das Dilemma. Inzwischen hat Brune eine klare Vorstellung davon, wie man mit wenigen Worten und einfachen Dingen viel ausdrücken kann. „Es gilt zu schauen, was die Gesellschaft bewegt und darauf zu reagieren. Wenn wir die aktuellen Fragen der Zeit identifiziert haben, suchen wir nach Objekten, die Geschichte in die Gegenwart transportieren. Wenn unsere Besucher mit einem geschärftem Auge für die eigene Lebenswelt und neuen Fragen aus der Ausstellung gehen, haben wir viel erreicht“, sagt er.

Thomas Brune kennt die Geschichte zu jedem Stück und wird nicht müde, davon zu erzählen. Schnell wird deutlich: Er ist mit Herz und Seele bei der Sache. Für den scheidenden Museumschef steht deshalb fest: „Ich habe für die Zeit der Rente einen ganzen Köcher voller Ideen. Ich werde mich nicht gänzlich aus der Museums- und Ausstellungswelt verabschieden.“ Außerdem gebe es da noch ein paar Hobbys, die in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen seien. Dazu gehört die Schauspielerei im Stuttgarter Amateurensemble Theater 360 Grad und ein kleines Häuschen in Italien. „Das schreit förmlich nach Erneuerung“, verrät Brune. Und mit diesem Thema hat er ja bereits Erfahrung.

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