Wagenburg-Gymnasium Schüler arbeiten NS-Zeit auf

Von Sascha Maier 

Die Schüler und ihr Mahnmal im Wagenburg-Gymnasium Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Die Schüler und ihr Mahnmal im Wagenburg-Gymnasium Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

14 Schüler sind während der Herrschaft des NS-Regimes vom Unterricht am Wagenburg-Gymnasium ausgeschlossen worden. Heute arbeiten die Schüler an der Aufarbeitung der Vergangenheit.

Stuttgart - Im Juli 2014, als das Wagenburg-Gymnasium sein 100-Jahr-Jubiläum feierte, war rassistisch oder politisch motivierte Willkür an der Schule kein Thema. Niemand wusste, welche Dramen sich vor 70 Jahren dort im Stuttgarter Osten abgespielt hatten. Ein Vortrag von Gerhard Hiller brachte Gewissheit: In der Zeit des Nationalsozialismus sind 14 Schüler aufgrund ihrer jüdischen Herkunft oder ihrer politischen Haltung von der Schule ausgeschlossen worden.

Gerhard Hiller ist Aktivist des Projekts Stolpersteine, das an die Verbrechen der Nationalsozialisten erinnert und den Schicksalen einzelner Verfolgter nachspürt. Die Schüler, fand Hiller heraus, wurden teilweise deportiert. Nun holen die heutigen Schüler ihre Mitschüler von damals wieder zurück in ihre Mitte: Den Verfolgten sind 14 Schattengestalten gewidmet, die auf einem Mahnmal aus Spiegel und Glas zu sehen sind. Das Kunstwerk, das von Schülern und Lehrern hergestellt haben, wird am heutigen Dienstag im Rahmen eines Festaktes an der Schule enthüllt.

„Hinter den Schatten, die die Schüler symbolisieren, die damals von der Schule ausgeschlossen wurden, befindet sich ein Spiegel“, erklärt Leonie Kunze, Zwölftklässlerin des Wagenburg-Gymnasiums. So könnten sich die Schüler in den Silhouetten der Opfer spiegeln und „sie irgendwie zu uns in die Schulgemeinschaft zurückholen“. Die 18-Jährige glaubt, „dass unser Denkmal hilft, sich zu erinnern, was für schreckliche Dinge Ausgrenzung und Rassismus sind“.

Mit der NS-Zeit beschäftigt sich das Wagenburg-Gymnasium natürlich nicht zum ersten Mal. „Seit Juli 2013 unterhalten wir ein Austauschprogramm mit einer Schule in Israel. Unsere damaligen Zehner haben zusammen mit den israelischen Schülern das Konzentrationslager Dachau besucht“, sagt Petra Wagner, Schulleiterin des Wagenburg-Gymnasiums. „Die einen sind die Nachfahren der Täter, die anderen die der Opfer. Das war ein unglaublich intensiver Austausch.“ Als Wagner rund ein Jahr später erfuhr, was sich an ihrer Schule zu Zeiten der NS-Herrschaft ereignete, war sie schockiert.

Gerhard Hiller hatte enthüllt, dass auch das Wagenburg-Gymnasium nicht zimperlich mit regimekritischen und Schülern jüdischer Herkunft umgegangen ist. Zwischen 1938 und 1944 wurde über ein Dutzend Schüler vom Wagenburg-Gymnasium ausgeschlossen, die jüngsten gerade mal acht Jahre alt. Teilweise sind die Familien ins Ausland geflohen, andere wurden deportiert. Zum glück überlebten alle Schüler die NS-Zeit.

Anderen waren politisch Verfolgte. Der damals 16-jährige Günther Kull sammelte politische Witze in einem Buch. Kulls Geschichtslehrer erfuhr davon und sei als überzeugter Nationalsozialist vor allem über einen Witz verärgert gewesen: „Vorwärts! Vorwärts! Schmettern die hellen Fanfaren! Rückwärts! Rückwärts! Geht es seit zweieinhalb Jahren.“ Der Lehrer soll auf Kulls Gesicht eingeprügelt haben. Danach hätten sich über 100 Schüler in einer Laufgasse aufgestellt. „Unter den Schlägen brach Kull zusammen und war seither ein gebrochener Mensch“, schildert Hiller. Das Kultusministerium verbot dem jungen Regimekritiker zukünftig jeglichen Schulbesuch.

Nächstes Schuljahr wird eine Gruppe Schüler im Stadtarchiv versuchen, die Rolle der Lehrer während der NS-Zeit zu klären.

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