Heike Grüner hat das Öhringer Heizungsprojekt geleitet. In dem unscheinbaren Container rechts wird der Wasserstoff hergestellt. Foto: Faltin

In einem Projekt in Öhringen hat der Energieversorger mehrere Wohngebäude zwei Jahre lang mit dem kostbaren Molekül versorgt. Der Probebetrieb lief ohne Probleme. Heizen mit Wasserstoff ist also möglich – aber ist es auch sinnvoll?

Heizen mit Wasserstoff – das ist ein umstrittenes und oft hitzig diskutiertes Thema innerhalb der Energiewende. Die EnBW haben es jetzt einfach mal gemacht. In ihrer großen Betriebsstelle in Öhringen (Hohenlohekreis) und in einigen umliegenden Wohngebäuden wurde zwei bis drei Jahre lang den bestehenden Erdgasheizungen schrittweise bis zu 30 Prozent Wasserstoff beigemischt. So wollten die EnBW herausfinden, ob die Heizungen einwandfrei funktionierten und ob eine zuverlässige Wärmelieferung gewährleistet werden könnte.

 

Heizung und Herd laufen problemlos

Das Ergebnis laut Heike Grüner, der Leiterin des Projektes „Wasserstoffinsel Öhringen“: Daumen hoch. Alle Heizungen seien störungsfrei geblieben. Das bestätigte auch Andreas Koberski, einer der Hausbesitzer – seine 13 Jahre alte Viessmann-Gasheizung sei ohne technische Umstellung problemlos durchgelaufen. Erst bei einer höheren Beimischung müssen die Geräte angepasst oder ausgetauscht werden. Auch insgesamt habe die EnBW keine Lieferunterbrechungen oder sonstigen Ausfälle verzeichnen müssen, sagte Heike Grüner: „Die Gasherde liefen im Übrigen ebenfalls reibungslos.“

Bei der Umwandlung von Strom in Wasserstoff geht viel Energie verloren

Einig sind sich die Experten, dass im Grundsatz nur dann mit Wasserstoff geheizt werden sollte, wenn dieser grün erzeugt wird und wenn dafür ausschließlich überschüssiger Strom verwendet wird. Denn grundsätzlich sei es immer besser, den Strom direkt für eine Wärmepumpe zu verwenden, da bei der Umwandlung von Strom in Wasserstoff in sogenannten Elektrolyseuren rund 30 Prozent der Energie verloren gehen.

Tatsächlich werden in Deutschland jährlich rund acht Terawattstunden Wind- und Sonnenstrom „abgeregelt“ – das entspricht drei bis vier Prozent der erzeugten Menge. Die Netzbetreiber bezahlen sogar jährlich bis knapp eine Milliarde Euro dafür, um diesen Strom nicht abnehmen zu müssen. Auch im Süden gebe es solche verlorenen Überschüsse, betonte Andreas Klingemann vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft bei der Abschlussveranstaltung zum Öhringer Projekt.

Ist Wasserstoff konkurrenzfähig?

Aus diesem Grund hat die EnBW diesen Aspekt mit untersucht. Auf dem Gelände der Öhringer Betriebsstelle wurde ein Elektrolyseur aufgestellt, der nur dann Wasserstoff produzierte, wenn Windräder und Photovoltaikanlagen so viel Strom einspeisten, dass die Netze gar nicht alles aufnehmen konnten. Um die Komplexität gering zu halten, wurde dies aber lediglich simuliert.

In Öhringen hat die EnBW den Beweis erbracht, dass Heizen mit Wasserstoff möglich ist. Doch ob es sinnvoll ist, daran scheiden sich die Geister. Das Umweltbundesamt oder die Experten der Agora Think Tanks bezweifeln, dass in absehbarer Zeit so viel Wasserstoff zu einem konkurrenzfähigen Preis zur Verfügung steht, um Wohngebäude beheizen zu können. Auch Martin Eggstein vom Umweltministerium in Stuttgart vertrat bei der Veranstaltung diese Position: Wasserstoff werde vermutlich nur in der Industrie eingesetzt werden, wo hohe Temperaturen vonnöten seien, die mit Strom nicht erzielt werden könnten. Für mehr reiche der Wasserstoff schlicht nicht. Zumindest bis weit in die 2030er Jahre werde dies so bleiben.

Er musste sich in Öhringen aber einiges an Widerworten gefallen lassen und stand mit seiner Position fast allein. Die Wärmewende werde nur gelingen, wenn man alle Möglichkeiten nutze, betonte etwa Wolfgang Köppel vom Karlsruher Institut für Technologie. Dazu gehöre neben Fernwärme, Wärmepumpen und Biomasse eben auch Wasserstoff.

Martin Konermann, der technische Geschäftsführer der Netze BW, hieb in dieselbe Kerbe. Man könne sofort und ohne großen Aufwand beginnen, Wasserstoff beizumischen und so die CO2-Emissionen zu senken, sagte er. Die Bürger hätten zunächst gar keine und auch später bei weitem keine so hohe Investitionen wie bei einer Wärmepumpe. Im Übrigen könne das bestehende Gasnetz sofort als Speicher genutzt werden.

Köppel hielt einen künftigen Erzeugungspreis von acht bis zehn Cent für Wasserstoff für möglich; dem widersprach Martin Eggstein aber. Der EnBW-Verkaufspreis für Erdgas liegt in Öhringen derzeit bei gut zehn Cent. Heike Grüner räumte aber ein, dass bisher der Wasserstoff noch „sauteuer“ sei. Die Testhaushalte bekamen Wasserstoff und Erdgas während der Projektlaufzeit umsonst. Öhringens Oberbürgermeister Thilo Michler (parteilos) ist jedenfalls offen für das H2-Molekül und für weitere Ideen. Tatsächlich will die EnBW das Projekt fortsetzen. Die eigene Betriebsstelle wird weiter mit Wasserstoff beheizt – und künftig sogar zu 100 Prozent.