Ministerpräsident Winfried Kretschmann (links) und Sozialminister Manfred Lucha (Mitte) lassen sich von Markus Rose (rechts), dem Leiter des Zentralen Impfzentrums des Klinikums Stuttgart, die Impfplätze in der umgebauten Stuttgarter Liederhalle zeigen. Foto: dpa/Marijan Murat

Formulare, Spritzen und ein bisschen Wehmut: Trotz Tücken bei der Terminvergabe hat im Land das große Impfen begonnen. Die erste Injektion bekam eine Pflegerin, die seit Monaten an vorderster Front gegen Corona kämpft.

Stuttgart - Als es um 13.19 Uhr soweit ist, geht alles ganz schnell. Ärmel hoch, Haut abtupfen, Nadel rein, abdrücken, fertig. Ein paar Sekunden nur, doch sie machen Christine Helbig für kurze Zeit prominent. Christine Helbig ist die Erste im Land, die gegen Corona geimpft worden ist. 30 Jahre alt, Pflegerin auf der Covid-19-Station des städtischen Klinikums und bald hoffentlich geschützt. „Klein, aber fein“, sagt der berühmte Impfling, der sogar einen Blumenstrauß bekommt.

 

Der Ministerpräsident muss warten

Es ist Sonntag, der 27. Dezember, der erste Tag nach den Weihnachtsfeiertagen, die so anders waren als alle Weihnachtsfeiertage zuvor. Und trotzdem hat auch dieser Sonntag noch etwas Surreales. Wenn man bedenkt, wie lange auf diesen Moment hingearbeitet worden ist. Und wie viel bis dahin passiert ist. Und wer weiß, was noch passieren wird? „Der Tag heute ist mehr als ein hoffnungsvoller Abschluss für ein Jahr, das uns alle an Grenzen gebracht“, sagt jedenfalls Ministerpräsident Winfried Kretschmann, als er das zentrale Impfzentrum des städtischen Klinikums in der Liederhalle eröffnet.

Wäre Winfried Kretschmann der nächste Präsident der USA oder das Staatsoberhaupt von Israel, hätte er sich die erste Anti-Corona-Spritze höchstpersönlich und öffentlichkeitswirksam in den Arm piksen lassen können. Aber Kretschmann ist der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, weshalb auch für ihn die Verordnung des Bundesgesundheitsministeriums gilt: Gefährdete zuerst. Kretschmann mit seinen 72 Jahren und ohne Vorerkrankungen ist erst in der zweiten Stufe dran.

Richtig rund läuft’s noch nicht

So kann er sich an diesem Tag nur zeigen lassen, wie Menschen unter grünen Hauben den aufgetauten Impfstoff vorbereiten und Kollegen in weißen Hosen und Kitteln Spritzen in Kabinen tragen, in denen blaue Pritschen und kleine Arbeitstische stehen. Später wird Kretschmann sagen: „Ich kann mich nur darüber freuen, dass ich in einem Land lebe, in dem sich die Menschen so engagieren.“

Die Liederhalle ist eines von zehn zentralen Impfzentren im Land. Über-80-Jährige, Pfleger, Betreuer und Vorerkrankte, die fit genug sind, das Haus zu verlassen, bekommen hier ihre Dosis des Biontech/Pfizer-Impfstoffs BNT162b2. Wenn mal alles rund läuft, können im Hegelsaal bis zu 2500 Bürger pro Tag geimpft, an sieben Tagen die Woche von 7 bis 21 Uhr. Aber noch läuft nicht alles rund. Die Hotline, über die Termine vereinbart werden können, ging später an den Start, und die Anmeldung über das Internet ist auch nicht gerade das, was man selbsterklärend nennen könnte.

Wenig Stoff zum Auftakt

Es gibt, auch das ist an diesem Sonntag zu erfahren, einige, die Stunden vergeblich in der Warteschleife hingen und sich im Internet schier wahnsinnig geklickt haben. Aber es gibt auch solche, bei denen offenkundig alles funktioniert hat. Die 250 Termine, die das Klinikum für diesen Sonntag vorgehalten hat, sind alle vergeben. Für sehr viel mehr würde der Impfstoff zum Auftakt ohnehin nicht reichen. 9750 Dosen können in Baden-Württemberg bei der Premiere verabreicht werden.

„Mit der Menge sind wir noch nicht glücklich“, sagt Jan Steffen Jürgensen, der medizinische Vorstand des Klinikums. Aber es wird mehr werden, versichert der Ministerpräsident, der schwer beeindruckt ist von dem, was aus der Liederhalle in den vergangenen knapp vier Wochen geworden ist. „Exzellent!“

Viel Arbeit in kürzester Zeit

Wahrscheinlich wäre die Erholungszeit auch dann zu kurz gewesen, wenn die Weihnachtsfeiertage drei Wochen gedauert hätten. Aber als klar war, dass an diesem Sonntag ein mobiles Impfteam aus der Liederhalle ins Pflegeheim des Evangelischen Vereins in Bad Cannstatt kommt, war auch klar: Weihnachten fällt so gut wie aus, zumindest für die Mitarbeiter. „Ich war innerlich noch nie so weit weg von Weihnachten wie dieses Jahr“, sagt Claudia Degler, die das Heim seit acht Jahren leitet.

Normalerweise ist es keine große Sache, wenn Bewohner geimpft werden, etwa gegen Grippe. Werden die Bewohner jedoch gegen Covid-19 geimpft, ist alles anders: Der Hausarzt muss erklären, ob der Heimbewohner impffähig ist. Also haben Claudia Degler und ihre Mitarbeiter alle Hausärzte ihrer 139 Bewohner angeschrieben. Die Bewohner selbst müssen mitteilen, ob sie überhaupt geimpft werden wollen. Auch sie bekamen einen Brief. Und, wenn die Betroffenen nicht selbst entscheiden können, müssen ihre Angehörigen oder Betreuer die Einwilligung erteilen (oder auch nicht). Selbstverständlich wurde auch für sie ein Schreiben aufgesetzt. Alles binnen kürzester Zeit.

Ersehnter Besuch

Dass am Sonntag das mobile Impfteam erscheint, hat Claudia Degler am Dienstag erfahren. Da war noch nicht geklärt, wie genau die Impfer und ihre Impflinge zusammenfinden, wo sie ihre Spritzen aufziehen können. Und fast nebenbei musste die Weihnachtsfeier vorbereitet werden, die dieses Jahr besonders aufwendig war. Weil die Bewohner dezentral in ihren Wohnbereichen feierten, mussten mehr Christbäume geschmückt und vor allem mehr Personal eingesetzt werden; und das, wo aktuell 16 Mitarbeiter (von 160) krank sind. Man könnte verstehen, würde Claudia Degler sagen: „Corona kotzt mich an!“ Aber so drückt sich die Heimleiterin nicht aus. Sie sagt: „Man guckt natürlich, dass man alle Kraftreserven rausholt.“

Was etwas heißt nach Monaten wie den vergangenen. Auch in Claudia Deglers Heim sind Bewohner mit oder an Covid-19 gestorben, vier im Frühling, zwei im Herbst. Für diesen Mittag stehen 39 Bewohner und 18 Mitarbeiter auf der Liste. Für mehr reicht die Zeit nicht. In drei Wochen kommt das Impfteam wieder.

Keine Spur von Lampenfieber

Dass Christine Helbig die Erste im Land ist, die den neuen Impfstoff bekommt, nimmt sie gelassen. „Einer muss ja der Erste sein“, sagt die 30-Jährige, die ohnehin nicht lange darüber grübeln kann, was es bedeutet, auf Titelblättern, groß im Internet oder im Fernsehen zu sehen zu sein. Die Arbeit. Am Samstag war sie in der Spätschicht eingeteilt, am Sonntag in der Frühschicht. Christine Helbig weiß dafür sehr genau, was es bedeutet, an Corona zu erkranken. Seit September schafft sie im Stuttgarter Klinikum auf einer Corona-Isolierstation. „Ich habe gelernt, wie unberechenbar Corona ist“, sagt die Frau, die auch viele hat sterben sehen.

Ein Aufklärungsgespräch mit einem Arzt braucht sie nicht. Sie weiß, dass der Impfschutz erst sieben Tage nach der zweiten Impfung beginnt, dass er nicht hundertprozentig wirkt und dass noch nicht klar ist, wie lange er anhält. Natürlich weiß sie auch, dass es Nebenwirkungen geben kann. Vielleicht mehr als die bekannte Abgeschlagenheit, das Fieber oder die Gelenkschmerzen. Der Stoff ist ja noch nicht lange erforscht. „Ich habe keine Angst“, sagt Christine Helbig.

Die Arbeit geht weiter

Seit das inzwischen nicht mehr ganz so neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 alles veränderte, sehnte man einen Impfstoff herbei, der das Sterben beenden und Leben „normal“ machen würde. Und nun, da dieser Stoff da ist, kann man nicht davon ausgehen, dass sich jeder schnellstmöglich immunisieren lassen will. „Jeder darf für sich selbst entscheiden“, sagt Christine Helbig.

Am nächsten Tag geht sie wieder arbeiten, Frühschicht. In der Liederhalle und allen anderen zentralen Impfzentren wird der Betrieb weiter hochgefahren. Und Seniorenheime rüsten sich für den Besuch der mobilen Impfteams. Ist nicht auch das surreal? Jeder tut, was kann, um das Virus zu bremsen. Und keiner weiß, ob es reicht.