Plötzlich weniger Lohn: Die VR-Bank Ludwigsburg kürzt der Betriebsratschefin das Gehalt. War das korrekt? Der Richter am Arbeitsgericht fällt kein Urteil, spricht aber deutliche Worte.
Auf den ersten Blick wirkt der Fall, der vor dem Ludwigsburger Arbeitsgericht verhandelt wird, harmlos: Eine Arbeitnehmerin streitet mit ihrem Arbeitgeber ums Geld. Auf den zweiten Blick jedoch ist dieser Fall gar nicht harmlos. Denn bei dem Arbeitgeber handelt es sich um die VR-Bank Ludwigsburg und bei der Arbeitnehmerin um Andrea Widzinski, der im April das Gehalt um 999 Euro gekürzt wurde. Und weil Andrea Widzinski zugleich freigestellte Betriebsrätin ist, ist dieser Fall nicht nur nicht harmlos, sondern auch ziemlich politisch.
Kein Urteil, aber deutliche Worte
Um es vorwegzunehmen: Zu einem Urteil vor Gericht kam es an diesem Mittwoch nicht. Aufschlussreich war die Verhandlung allemal – und für die VR-Bank mutmaßlich nicht allzu angenehm.
Im Kern geht es um folgendes: Andrea Widzinski begann bei der Volksbank Ludwigsburg anno 1986 als Sachbearbeiterin in der Kreditrevision. 1993 wurde sie in den Betriebsrat gewählt, 1997 zu seiner Vorsitzenden. Seither ist sie freigestellt. Das heißt, sie arbeitet ausschließlich für den Betriebsrat, wird aber weiter bezahlt. Weil Andrea Widzinski als Bankkauffrau womöglich dann und wann befördert worden wäre, muss sich diese hypothetische Karriere auch im Lohn widerspiegeln. Orientieren sollen sich solche Gehaltserhöhungen an Karrieren von Kollegen, die seinerzeit in ähnlicher Position mit ähnlichen Fähigkeiten gearbeitet haben.
Plötzlich 999 Euro weniger
Zwischen dem früheren Vorstand der Volksbank Ludwigsburg und Andrea Widzsinski gab es viel und heftigen Streit. Um ihre Vergütung jedoch ging es dabei nie. Darüber jedoch stolperten die heutigen Vorstandsmitglieder, als sie voriges Jahr die Fusion der Volksbank Ludwigsburg mit zwei anderen Genossenschaftsbanken planten. Am vorläufigen Ende dieses Stolperers stand die Gehaltskürzung um 999 Euro – gegen die Andrea Widzinski nun klagt.
Ganz so klar sind die Fronten nicht immer
Die Fronten in diesem Fall erscheinen klar: Hier der böse Arbeitgeber, da die arme Arbeitnehmerin. Doch ganz so einfach ist es nicht. Die Ermittlung des Gehalts für freigestellte Betriebsräte ist knifflig. Freigestellte dürfen nicht zu wenig verdienen und auch nicht zu viel. Damit nicht der Verdacht entsteht, hier würde ein Interessenvertreter klein gehalten oder fügsam gemacht. Man denke nur an Klaus Volkert, den langjährigen Betriebsratschef bei VW, der vom Management so generös behandelt wurde, dass er am Ende ins Gefängnis musste.
Katrin Haußmann, die Anwältin der VR-Bank, betont vor Gericht mehrfach, dass es darum gehe, eine rechtswirksame Regelung zu finden: „Man kann hier nicht einfach was aushandeln.“ Und im konkreten Fall sei es nun mal so, dass unter den Kollegen, deren Karrieren zum Vergleich dienen, die Mehrheit nicht in der Lohngruppe für Bereichsleiter gelandet ist, so wie Andrea Widzinski.
Deutliche Worte vom Richter
Bemerkenswerterweise scheint den Richter scheint das Bemühen um Rechtswirksamkeit nicht sehr zu beeindrucken. „Wo kein Kläger, da kein Richter“ sagt er im Sitzungssaal, der mit Unterstützern von Andrea Widzinski gut gefüllt ist. Überhaupt klingen seine Worte so, als halte er den Streit ums Geld um einen Stellvertreterstreit. „Ich habe wahrgenommen, dass die Fusion in einer Art und Weise suboptimal gelaufen ist, dass man ganz viele Leute nicht so richtig hat mitnehmen können“, sagt Falk Meinhardt.
Unzufriedene Mitarbeiter
Meinhardt weiß von anderen Verfahren an seinem Gericht, wo unzufriedene Mitarbeiter gegen die Bank klagen. Und er dürfte auch um die Querelen wissen, die mit Andrea Widzinskis Gehaltskürzung einhergingen. Und in deren Folge der Eindruck entstand, der Vorstand wolle eine unbequeme Betriebsratschefin los werden.
Chefin dieses Gremiums ist Andrea Widzinski inzwischen tatsächlich nicht mehr. Im ebenfalls fusionierten Betriebsrat gab es auch Querelen. Aber nach den vielen negativen Schlagzeilen der vergangenen Wochen scheinen sich alle Beteiligten nach Frieden zu sehnen. Der Betriebsrat sucht sich einen Mediator. Und der Vorstand der Bank hat bekannt, er wolle Andrea Widzinski keineswegs los werden. Ungeklärt ist nun nur noch die Frage nach dem korrekten Gehalt.
Aber vielleicht nicht mehr lange. „Wollen Sie noch mal miteinander reden?“, fragt der Richter mehr mahnend als offen. So wird es kommen. Anfang August setzen sich die Parteien zusammen. Und vielleicht gilt für die VR-Bank Ludwigsburg danach, was sie ihren Kunden verspricht: Morgen kann kommen.