Eileen Abdul-Karim Foto: Baumann

Die Stuttgarterin Eileen Abdul-Karim (18)  betreibt seit vier Jahren den vietnamesischen Kampfsport Vovinam Viet Vo Dao. Im Juli startet sie bei der WM in Paris.

Stuttgart - Der Raum in einem Hinterhof im Stuttgarter Westen ist nicht groß und misst nur 100 Quadratmeter. Der Boden ist mit grauen und roten Vierecken belegt, die eine große Fläche bilden. Eine Gruppe von Männern aller Altersklassen wärmt sich auf. Vorne steht Trainer George Appiah, der an diesem Tag den Anfängerkurs für Vovinam leitet. Wie bei den meisten fernöstlichen Kampfsportarten liegt auch dem Vovinam ein philosophisches Prinzip zugrunde: die Harmonielehre von Ying und Yang. Hart und Weich ergänzen einander.

In der ersten Reihe steht Eileen Abdul-Karim. Sie trainiert ausnahmsweise mit den Novizen, weil die Abiturientin an ihren üblichen Tagen wegen der Schule keine Zeit hatte – eine Frau kämpft mit Männern. Sie hebt sich ab von den Kämpfern. Nicht nur, weil sie eine sehr attraktive junge Frau ist, sondern weil ihre Bewegungen weich und rund sind und sie gleichzeitig über eine tolle Körperspannung verfügt. Seit vier Jahren macht sie diesen Kampfsport. „Das macht mich sicher und selbstbewusst für den Alltag“, sagt Eileen. Obwohl sie nur 1,61 Meter groß und zierlich ist, nimmt sie es mit jedem Mann auf. „Ich arbeite dabei mit der Kraft des Gegners. Je stärker er auf mich einwirkt, desto besser kann ich das ausgleichen“, verrät Eileen. Sie trägt wie die anderen den Vo-Phuc, den hellblauen Anzug. Das Logo darauf besteht aus der Verbindung eines Vierecks und eines Kreises. Diese Form symbolisiert die starke Hand auf einem gütigen Herz.

Die Anfänger lernen eine Fülle von Techniken mit der Handkante, dem Ellenbogen und der Faust sowie Armen und Beinen. Auch Sprung-, Wurf- und Falltechniken werden dem Schüler vermittelt. Ein weiterer Schwerpunkt ist das Erlernen von Selbstverteidigungstechniken. Heute ist das Thema Befreiung dran. Das Ziel von Vovinam ist das Überwinden der eigenen körperlichen Grenzen und nicht der sportliche Wettbewerb. „Deshalb sind wir auch nicht so bekannt wie beispielsweise Taekwondo“, sagt Appiah. Und mit deutschlandweit nur rund 500 in Vereinen organisierten Mitgliedern ist die Gruppe zu klein, um die Voraussetzung für eine institutionelle Förderung zu erfüllen. Doch Eileen Abdul-Karim und George Appiah fühlen sich wohl in dieser Nische. „Wir haben eine sehr schöne Gemeinschaft“, sagt Eileen. 103 Mitglieder hat die Stuttgarter Akademie.

Zur Vollendung gelangt der Sportler, wenn es ihm gelingt, das eigene Ego zu überwinden. So weit ist Eileen noch nicht. Sie freut sich jetzt auf die WM in Paris, die nur alle vier Jahre stattfindet. „Aber mein ganz großes Ziel ist die Prüfung für den gelben Gürtel“, sagt die 18-Jährige. Dafür muss man im Kopf bereit sein. Im Moment fühlt sie sich vom Leistungsniveau bei den Blaugurten noch gut aufgehoben. Und sie wird weiter hart mit George Appiah trainieren. 1983 ist der gebürtige Ghanaer der Faszination des Sports erlegen, nachdem er an der Berufsfachschule einen Vietnamesen kennengelernt hat. Der 46-Jährige ist ein athletischer, kräftiger Typ, der so gar nicht zum Bild des eher kleinen, flinken, wendigen Vietnamesen passt, für den der Sport ursprünglich ausgerichtet war.

Appiah ist dennoch ein Meister seines Fachs. Er beherrscht auch die spektakulären Dinge von Vovinam, darf mit Waffen wie Schwertern oder Messer kämpfen, die alle stumpf sind. „Das Ganze dient vor allem der Körperbeherrschung“, sagt Appiah. Die eingesprungene Beinschere kann er auch, bei der man in hohem Tempo auf sein Gegenüber zusprintet, abspringt und sich in der Luft in die Waagrechte dreht. Mit den Füßen voraus fliegt man seinem Gegner entgegen, landet auf dessen Schultern und umklammert mit den Beinen Hals und Nacken. Damit können geübte Vovinam-Künstler ihre Gegner kampfunfähig machen, ohne sie zu verletzen. Eileen freut sich schon darauf, wenn sie sich ihrem Trainer irgendwann auf diese Weise an den Hals schmeißen kann.

Eine Kostprobe von Vovinam können Sie sich bei Youtube anschauen.
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