Von Estland lernen: die Schulnoten der Kinder gibt es dort direkt aufs Handy und die Regierung arbeitet weitgehend papierlos.Foto: Jelena Rudi Foto:  

Online wählen, Rezepte einlösen und Firmen gründen – in Estland ist vieles umgesetzt, worum die Deutschen seit Jahren ringen. Ein Besuch bei Taavi Kotka, dem Mister Digital Estlands, der ein ganz eigenes Verständnis von Datenschutz hat.

Tallinn - Beim digitalen Striptease hat Taavi Kotka gerne Zuschauer. „Los, fotografieren Sie die Karte, veröffentlichen Sie die Daten“, sagt der 40-Jährige mit den zerzausten Haaren und den azurblauen Augen. Er legt seinen elektronischen Personalausweis auf den Besprechungstisch: 37901214916 ist dort zu lesen, elf Ziffern, die seine Identität ausmachen, sein Geburtsdatum preisgeben. „Das ist mein zweiter Name, alles öffentlich“, sagt Kotka und schwärmt von der Wunderkarte mit Speicherchip, die das Leben in Estland vereinfacht habe.

 

„Wenn ein Baby auf die Welt kommt, erhält es sofort seine Bürgernummer und wenige Tage später hat seine Mutter das Kindergeld auf ihrem Konto.“ Keine Anträge mehr, keine nervigen Warteschlagen auf Ämtern– dafür „unsichtbare Dienstleistungen“, die vieles vereinfachten und vor allem Zeit sparten.

Den Weg für den Fortschritt hat Taavi Kotka geebnet – als langjähriger Chief Information Officer der estnischen Regierung des kleinen baltischen Staates mit seinen 1,3 Millionen Einwohnern. Besucher empfängt der Millionär in einer mehrstöckigen Villa am Rande der Hauptstadt Tallinn. Er nutzt sie als Büro mit Kamin, moderner Kunst und einem freien Blick auf die Kreuzfahrtschiffe, die an diesem dunstigen Wintermittag durch den Finnischen Meerbusen schippern. Kotka hat all das mitgestaltet und fortgeführt, wovon die Deutschen nur träumen können.

Drei Clicks – und die Steuererklärung ist erledigt

Die Steuererklärung, die zwar nicht auf den Bierdeckel passt, sich aber mit drei Bestätigungsklicks erledigen lässt. Die elektronische Patientenkarte samt digitalem Rezept, für die hierzulande Milliarden ausgegeben wurden – ohne dass sie je flächendeckend kam. Und die E-Residency, eine virtuelle Staatsbürgerschaft für Ausländer, die es ihnen ermöglicht, eine estnische Firma zu gründen. Für manche digitale Nomaden eine Art Eintrittskarte in den EU-Binnenmarkt. Zehn Millionen neue Einwohner erhoffte sich Kotka binnen eines Jahrzehnts, der Visionär liebt es groß und grenzenlos zu denken. Manchmal übernimmt er sich dabei. Immerhin fast 73 000 E-Residents sind es in fünf Jahren geworden, davon knapp 4000 Deutsche, auch Chinesen und Japaner sind vorne mit dabei. Dazu kommen 10 000 E-Firmengründungen, denn die gehen hier schneller als anderswo. Estland hält den Guinness-Weltrekord im Online-Registrieren eines Unternehmens: er liegt bei nur 18 Minuten.

Was Estland kann, wird Deutschland nicht mehr schaffen, befürchtet Kotka. Es fehle der politische Wille, einen staatlich gesteuerten Digitalisierungsprozess anzustoßen, der einen verbindlichen Weg vorschreibt. „Veränderungen tun immer weh“, sagt der Unternehmer, dessen Karriere vom Wandel lebt. Er hat seinen Geschäftsführerposten beim Softwareentwickler Nortal für den Regierungsjob aufgegeben und seine Aktien gewinnbringend verkauft. Der gefragte Redner und Berater hält das Sicherheitsargument der deutschen Datenschützer für vorgeschoben. „Ihr habt Null Kontrolle über eure Daten“, legt Kotka los, sie würden von Facebook gesammelt, von Apple verkauft und selbst im Krankenhaus wisse man nicht, wer alles in der Patientenakte stöbert. „Eure Privatsphäre ist komplett ungeschützt“, warnt er und wundert sich über den langen Weg zum deutschen Digitalministerium.

Schulnoten verheimlichen geht in Estland nicht mehr

Wie praktisch ein unkomplizierter Zugang zu Daten sein kann, führt Kotka an seinem Handy vor. Der Vater von vier Kindern hat schulisch immer den Überblick, das ermöglicht das digitale Klassenzimmer. „Mal sehen, wie Helena beim letzten Estnisch-Test abgeschnitten hat“, sagt er und öffnet eine App, die nach wenigen Klicks Balkendiagramme zeigt. Seine zwölfjährige Tochter hat in der Klausur 87 von 100 Prozentpunkten geschafft, „damit liegt sie in ihrer Klasse im oberen Feld“, sagt Kotka. Die grünen Balken geben Auskunft über die Noten aller Mitschüler, anonymisiert versteht sich. Auch die Hausaufgaben oder persönliche Nachrichten von Lehrern sind jederzeit abfragbar. „Wir können eingreifen, wenn die Leistung abfällt“, sagt Kotka. Er hat Spaß daran, seinen Kindern Nachhilfeunterricht zu geben.

Die Delegationen, die von Estland lernen wollen, wie der digitale Aufbruch geht, landen alle im E-Estonia Briefing Centre in Tallinn. Nicht nur der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat neulich mit seinen Ministern das estnische Cyberwunder bestaunt, auch deutsche Regierungsgesandte und schwäbische Bürgermeister lassen sich die elektronischen Errungenschaften vorführen.

Die Botschafterin der schönen elektronischen Welt legt los

Im gedämpften Licht des Präsentationsraums steht Mari Krusten, sie ist die Botschafterin der schönen elektronischen Welt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion habe Estland die richtigen Weichen gestellt, sagt sie und jongliert mit Superlativen und Statistiken. 90 Prozent der Haushalte hätten das schnelle Breitband, fast 100 Prozent der staatlichen Dienstleistungen seien online erhältlich und zum großen Erstaunen aller deutschen Besucher hätten die Esten ein extrem großes Vertrauen in ihre E-Services.

„Du kannst hier alles online machen – außer heiraten, dich scheiden lassen oder ein Haus kaufen“, sagt Krusten und erzählt dass die Regierung aktuell sogar das Angebot der Online-Hochzeit prüfe. Sie würde es machen, warum nicht, sagt Krusten und weiß, dass viele ihrer Freunde anders denken. Dafür müsste aber noch das Gesetz geändert werden.

Krusten gibt bereitwillig Einblicke in die Tiefen der digitalen Gesellschaft. Um ihre Privatsphäre macht sie sich dabei keine Sorgen. Sie geht online wählen, schließt mit ihrer digitalen Signatur Arbeitsverträge und kann sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal auf einer Behörde war. Krusten loggt sich auf dem Handy in ihre Patientenakte ein, auf dem Flachbildschirm im Showroom sind alle Eintragungen zu sehen. Sämtliche Arztbesuche der letzten Jahre sind aufgelistet, alle Untersuchungsergebnisse – und wer sie sich angeschaut hat. „Es fliegt auf, wenn jemand unberechtigterweise auf Daten anderer zugreift“, sagt sie.

Stundenlanges Warten beim Arzt ist abgeschafft

Ihre Cholesterinwerte seien zu hoch, sagt Krusten und öffnet das Schreiben ihres Hausarztes, bei dem sie kürzlich eine Blutprobe abgegeben hat. „Ich bin jetzt Vegetarierin, dazu hat er mir geraten“, erzählt die Estin und hatte seit der Blutabgabe nur digitalen Kontakt mit dem Arzt. In ein paar Monaten soll sie wieder hin, den Termin vereinbart sie online. Stundenlanges Sitzen im Wartezimmer kennt Krusten nicht. Das Gefühl, ein gläserner Patient zu sein, auch nicht. „Meine Daten sind bestens geschützt, ich fühle mich kein bisschen nackt“, versichert sie.

Neulich waren die elektronischen Dienste lahmgelegt in Estland. Es war kein Hackerangriff der Russen wie 2007, es waren Ratten, die ein unterirdisches Datenkabel angenagt hatten. Nach drei Stunden war alles repariert. „Ratten können auch Papier essen“, sagt Krusten lachend und stellt damit klar: Hundertprozentige Sicherheit gebe es für kein System, „alles andere wäre eine Lüge“.