Raphael Thelen war preisgekrönter Journalist. Doch umso mehr er über die Klimakrise berichtete, desto schwieriger wurde es für ihn. Nun ist er seit einem knappen Jahr bei der Letzten Generation.
Er hatte eine steile Karriere: Raphael Thelen schrieb als Journalist für den „Spiegel“ und die „Zeit“, wurde vom „Medium Magazin“ zu den „Top 30 unter 30“ gewählt. Anfang dieses Jahres wandte er sich vom Journalismus ab – um sich der Letzten Generation anzuschließen. Seitdem hat sich sein Leben drastisch verändert.
Herr Thelen, bis vor einem Jahr war es Ihr Job, andere Menschen zu interviewen, nun werden Sie interviewt. Wie fühlt sich das an?
Es verwirrt mich, dass meine Person plötzlich im Mittelpunkt steht. Mir geht es um die Klimakrise, aber dazu werde ich selten befragt. Gleichzeitig weiß ich natürlich, dass Geschichten über Menschen oft gut funktionieren, die Medien deshalb daran interessiert sind.
Gab es einen Punkt, an dem Sie wussten: Ich muss jetzt zur Letzten Generation?
Der Weltklimarat ist sehr klar: Um die Krise zu bewältigen, braucht es sofortigen, umfassenden Wandel in allen Sektoren unserer Gesellschaft. Wenn man jedoch als Journalist ausbuchstabiert, was das bedeutet – zum Beispiel den Abschied von einer wachstumsbasierten Wirtschaft – dann wird man schnell als Aktivist abgestempelt. Dadurch kam es immer öfters zu Reibungen zwischen mir und meinen Redaktionen, einfach nur, weil ich über die Klimakrise angemessen schreiben wollte.
Und haben Sie jetzt den Eindruck, Sie tun das Richtige – trotz der massiven Kritik gegenüber der Letzten Generation?
Ja. Früher habe ich über austrocknende Oasen in Marokko geschrieben oder dass die Klimakrise den Mittelmeerraum am schwersten betrifft. Das hat mir Angst gemacht und mich in ein tiefes Loch gerissen. Jetzt habe ich meinen Platz im Kampf gegen die Klimakrise gefunden.
Sie haben das Netzwerk Klimajournalismus mitgegründet und wichtige Dinge rund um die Klimakrise aufgedeckt. Hat das nicht gereicht?
Wir haben kein Informationsdefizit in der Klimakrise. Wir wissen seit Jahren, was passiert. Nämlich dass Unternehmen die globalen Lebensgrundlagen für ihren Profit zerstören. Der Ölkonzern Exxon Mobil hatte bereits in den 80er Jahren berechnet, wie genau die Verbrennung von fossilen Kraftstoffen die Erde aufheizen würde. In einer internen Studie des Unternehmens stand, dass es zu „katastrophalen Konsequenzen für einen Großteil der Weltbevölkerung“ kommen wird. Doch statt sein Geschäftsmodell zu verändern, fing der Konzern an, die Wahrheit anzugreifen und mit gut finanzierten Kampagnen den Klimawandel zu leugnen. Wir reden beim Klima also von einer Gerechtigkeitskrise: Einige machen Gewinne, alle anderen leiden darunter. Nur darüber zu schreiben, reichte mir irgendwann nicht mehr aus.
Auf die Straße kleben statt im Büro sitzen: Wie hat sich Ihr Alltag verändert?
Mein Job war auch früher nicht ungefährlich; etwa als ich mich undercover ins griechische Flüchtlingslager Moria eingeschlichen habe oder bei den Revolutionen im Nahen Osten Tränengas abbekommen habe. Teils wurde ich auch während Recherchen festgenommen. Auch jetzt habe ich ständig mit der Polizei zu tun. Und Protest ist anstrengend. Früher wurde ich bewundert für meine Arbeit, bekam Preise und habe Geld verdient. Zurzeit sind sehr viele Menschen gegen mich und ich kassiere hohe Geldstrafen. Ich opfere Zeit, Geld, persönliche und psychische Sicherheit. Dafür fühle ich mich nicht mehr hilflos gegenüber der Klimakrise. Ich bin vom Beobachter zum Akteur geworden. Früher habe ich beschrieben, wie Menschen gegen die Klimakrise kämpfen. Jetzt greife ich selbst ins Geschehen ein.
Sie haben kürzlich gesagt: „Ich wäre lieber Journalist geblieben.“
Ich wäre gerne Journalist geblieben, ja, ich habe diesen Job geliebt. Journalismus ist etwas Schönes und Wichtiges. Man kann etwas bewirken mit Geschichten. Aber jetzt wirke ich anders: Wir sind nicht viele Menschen bei der Letzten Generation, aber haben einen riesigen Einfluss.
Könnten Sie sich je den Schritt zurück vorstellen?
Das Schreiben werde ich nicht aufgeben, ich habe gerade meinen ersten Roman veröffentlicht, schreibe Kolumnen und meinen Newsletter. Aber als klassischer Reporter werde ich wohl nicht mehr arbeiten. Ich will Menschen aufrütteln und mitreißen. Und das gelingt mir im Aktivismus.
Vom Klimareporter zum Klimaaktivisten
Autor
Raphael Thelen, 1985 geboren, arbeitete er als freier Journalist, unter anderem für die „Zeit“ und den „Spiegel“. Während des Arabischen Frühlings lebte er in Ägypten und dem Libanon, berichtete über den syrischen Bürgerkrieg und aus Afghanistan. Danach zog er nach Leipzig und schrieb dort über die Neue Rechte und Pegida. Als sich Fridays for Future bildete, schrieb er immer mehr über die Klimakrise. Mit seiner Ex-Partnerin Theresa Leisgang ging er auf eine Weltreise, danach veröffentlichten sie das Buch „Zwei am Puls der Erde – Eine Reise zu den Schauplätzen der Klimakrise und warum es trotz allem Hoffnung gibt“. Im August 2023 erschien Thelens Romandebüt „Wut“.
Aktivist
Im Januar 2023 gab Raphael Thelen in einem Interview bekannt, dass er nicht mehr als Journalist arbeiten wolle und sich der Letzten Generation anschließe. Laut eigener Aussage nimmt er viel bei Straßenprotesten teil. Thelen lebt in Berlin. (jub)