Linus Weber und Marcus Böhme (re.): Der Block des VfB Friedrichshafen steht in dieser Saison Foto: imago/ /Hafner

Volleyball-Bundesligist VfB Friedrichshafen spielt eine außergewöhnliche Saison: Trotz aller Widrigkeiten überzeugt der ambitionierte Verein bisher in allen drei Wettbewerben – und kritisiert zugleich die Fernsehanstalten für deren Desinteresse.

Friedrichshafen/Stuttgart - Es ist eine der Lieblingsthesen von Giannis Athanasopoulos. Um ein richtiges Team werden zu können, meint der Ex-Trainer der Stuttgarter Volleyballerinnen, müsse man erst gemeinsam eine kritische Situation meistern. In Stuttgart ist es diese Saison dazu nicht gekommen, zwei Tage nach der 0:3-Pleite im Pokal gegen den SC Potsdam trennten sich Coach und Club trotz Bundesliga-Tabellenführung. Aber das ist eine andere Geschichte. An dieser Stelle geht es um den VfB Friedrichshafen. Und um den Beweis, dass an der Theorie von Athanasopoulos durchaus etwas dran ist. Sich in der Krise zu finden, zu wachsen, Stärke zu entwickeln – genau das leben die Volleyballer am Bodensee vor.

Dabei ist das alles andere als selbstverständlich. Schließlich hat der 28. September vieles beim VfB fundamental verändert. Die Stadt schloss drei Wochen vor dem Saisonstart aufgrund baulicher Mängel die ZF-Arena, für den Club brach eine Welt zusammen. Er war nicht nur ohne Spielhalle und Trainingsstätte, sondern plötzlich ohne Heimat. Selbst Optimisten fiel es schwer, an eine positive Zukunft zu glauben. Und trotzdem war Aufgeben keine Option. Nicht für den Verein, der fieberhaft nach Lösungen suchte. Und auch nicht für die Mannschaft.

Klarer Favorit

Der Bundesliga-Kader zog fortan von Schulturnhalle zu Schulturnhalle, trainierte dort, wo sich gerade eine freie Einheit anbot. Oft war die Decke zu niedrig, die Zeit zu knapp, die Fahrt zu weit, an geregelte Einheiten nicht zu denken. Ein Spieler ist für den Transport der Bälle verantwortlich gewesen, ein anderer für die Getränke, beim Auf- und Abbau packten alle mit an. „Wir mussten spontan und flexibel sein, das war eine interessante Situation“, sagt Libero Markus Steuerwald, der schon 2007 in Friedrichshafen spielte, als der VfB das Triple aus Champions League, Meisterschaft und Pokal holte, „sportlich war das schwierig, aber auf menschlicher Ebene sind wir sehr gut zusammengewachsen.“ Oder um es in den Worten von Teammanager Matthias Liebhardt zu sagen: „Die Hallenproblematik wurde zur großen Teambuilding-Maßnahme.“ Und somit zum Ausgangspunkt für eine bislang höchst erfolgreiche Saison.

In der Bundesliga ist der VfB Friedrichshafen nur deshalb nicht Spitzenreiter, weil andere Teams mehr Spiele absolviert haben. Höhepunkt war der klare 3:0-Erfolg gegen Meister und Topfavorit Berlin Recycling Volleys, mit dem am 21. November die neue Heimspiel- und Trainingsstätte eingeweiht wurde – die Häfler treten künftig in einer Halle auf dem Messegelände an, für die Anmietung bis April 2022 gab es einen Zuschuss der Stadt in Höhe von 1,216 Millionen Euro. Dort möchte der VfB an diesem Donnerstag gegen die United Volleys Frankfurt (20 Uhr/Sport 1) den Einzug ins Pokalfinale perfekt machen, was auch deshalb enorm wichtig ist, weil die BR Volleys bereits ausgeschieden sind und die Friedrichshafener deshalb Ende Februar in Mannheim der klare Favorit wären. „Den Pokal“, sagt Markus Steuerwald, „wollen wir unbedingt holen.“

Allen Widrigkeiten zum Trotz

Und dann gibt es ja noch die Champions League. Beim ersten Vorrunden-Turnier in Trient gab es zwei bemerkenswerte Siege für das Team von Trainer Michael Warm, darunter ein sensationelles 3:0 gegen den russischen Double-Gewinner Lokomotive Novosibirsk, eines der europäischen Top-Teams. „Da haben die Jungs einen riesen Job gemacht“, sagt Teammanager Liebhardt, „wir wussten, dass wir auf dem Papier so viel Qualität in Friedrichshafen haben wie lange nicht mehr. Aber wie die Mannschaft das allen Widrigkeiten zum Trotz umsetzt, ist dennoch überraschend.“ Und hat auch viel mit Erfahrung zu tun.

Im VfB-Kader tummeln sich zwar einige große Talente, allen voran Diagonalangreifer Linus Weber (21), der sich ganz unbescheiden vorgenommen hat, in die Fußstapfen von Superstar Georg Grozer zu treten. Zugleich spielen in Friedrichshafen neben Steuerwald (32) aber auch andere Haudegen wie Mittelblocker Marcus Böhme (35), Außenangreifer Nicolas Maréchal (33) oder Zuspieler Dejan Vincic (34). „Wir haben ein paar Leute, die schon viele Jahre auf Top-Niveau unterwegs sind, das hilft“, meint Libero Steuerwald, „wir wissen, wann und wie wir unsere Waffen einsetzen müssen.“

Außergewöhnliche Geschichte

Im Kampf um Titel sieht es folglich nicht schlecht aus, an anderer Stelle müht sich der VfB weniger erfolgreich. Der Club buhlt um mehr Aufmerksamkeit, zuletzt wurden die TV-Anstalten per Facebook-Post direkt angesprochen. Und aufgefordert, doch endlich mal die außergewöhnliche Geschichte zu erzählen, die man in dieser Saison schreibt. „König Fußball überstrahlt leider alles, da werden sogar Drittliga-Spiele live gezeigt“, sagt Matthias Liebhardt, der auch Pressesprecher ist, „wir würden uns eine etwas ausgewogenere Berichterstattung und mehr Gespür für Themen wünschen. Im Volleyball geht selbst die Champions League unter.“

Was dagegen hilft? Nur eines: weiter wachsen, noch mehr Stärke entwickeln. Bis niemand mehr vorbeikommt am VfB.

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