Ruinen? Zheng Guogu gestaltet seinen Liao-Garten nach der Ästhetik des Videospiels „Age of Empires“. Foto: Zheng Guogu/Vitamin Creative Space

Ist schön, macht aber auch viel Arbeit: Gärten gehören zum Leben der Menschen. Kann man bei der Ausstellung „Garden Futures“ trotzdem Neues erfahren?

Im Grunde ist es herrlicher Luxus, wenn man beim Stichwort Garten nur an Rosen und Hortensien, Schnecken und Feierabendbier denkt. Die Kinder, die vor achtzig Jahren in New York einen Garten anlegten, wollten nicht der Natur näherkommen, sondern gossen und hegten aus schierer Not. Die „Victory Garden“ sollten während des Zweiten Weltkriegs die Bevölkerung ernähren. Deshalb wuchsen in den USA in vielen Parks, auf Schulhöfen und öffentlichen Flächen Obst und Gemüse.

 

Museen reagieren auf Liebe zur Natur

Während des Lockdowns haben die Menschen ihre Liebe zur Natur entdeckt. Die Preise für ein bisschen Grün am Stadtrand sind in die Höhe geklettert – und mancher Gartenbesitzer hat begonnen, statt dekorativer Stauden auch Essbares anzubauen. Dieser Trend zur Natur ist inzwischen in den Museen angekommen, sodass sich derzeit diverse Ausstellungen allem widmen, was grünt und blüht.

Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein hat sich den Garten an und für sich vorgenommen und untersucht in „Garden Futures“ Geschichte und Zukunft dieses eingezäunten Grüns. Ob jemand Rosen oder Rosenkohl zieht, hat keineswegs nur mit persönlichen Vorlieben zu tun, sondern spiegelt häufig politische und kommerzielle Interessen. Vor diesem Hintergrund hört sich der vermeintlich harmlose Satz „Glück und Ruh findest du im gepflegten Garten“ fast wie eine Drohung an. Der Slogan warb in den 1960er Jahren für Pflanzenschutzmittel – und vermittelte en passant die Vorstellung, dass ein Garten gepflegt und unkrautfrei zu sein hat.

Wann ist ein Garten schön? Wenn er viel Arbeit macht!

Gärten gelten gemeinhin als schön, wenn viel Arbeit in sie investiert wird. Deshalb wurden in der Ausstellung all die Folterinstrumente zusammengetragen, bei deren Einsatz sich Gärtner manche Blasen und blauen Flecken holen: Sense, Gießkanne und Heckenschere. Aber ob man sich selbst den Buckel krummschafft oder nur vom Grün träumt – kann eine museale Schau zum Garten tatsächlich Aspekte aufspüren, die über das Bekannte hinausgehen?

In Tokio wachsen Gärten in Töpfen

Die Ausstellung bei Vitra schlägt einen großen kulturhistorischen Bogen zu Paradies- und Barockgärten und reist weit durch die Welt zum Tempelgarten in Kyoto oder nach New York, wo Städter auf Dächern Rüben ziehen. Vieles, was die Kuratoren emsig zusammengetragen haben, kennt man, schließlich findet sich heute in einigen größeren Städten eine begrünte Fassade. Und dass in Tokio die Menschen in Ermangelung eines eigenen Gartens auf minimalen Flächen in Töpfen kleine Gartenparadiese kultivieren, ist so überraschend nicht – auch hierzulande werden noch so kleine Balkone passioniert begrünt.

Im Garten steckt auch ein kolonialer Geist

Interessanter sind die Seitenpfade, die etwa zum Kolonialismus führen. „Captain James Cook kam mit zahlreichen Pflanzen zurück“, sagt Jamaica Kincaid. Die Autorin und Harvard-Professorin beschäftigt sich gärtnernd und schreibend mit dem Thema kulturelle Aneignung – ob bei Baumwolle oder Zuckerrohr. Auch die Liebe der Briten zum Tee, sagt sie, sei ohne den Kolonialismus kaum denkbar.

Als der Filmregisseur Derek Jarman von seiner HIV-Infektion erfuhr, kaufte er sich an der Küste Südenglands eine Kate und begann zu gärtnern. Er starb 1994, sein grünes Kleinod gibt es noch immer.

In jüngerer Zeit geht es beim Garten dagegen weniger um persönliche Rückzugsorte, sondern es stehen ökologische Themen und das soziale Miteinander im Vordergrund. Grünflächen werden gemeinsam beackert, und es gibt Versuche, Gemüse in der City anzubauen, um Transportwege zu sparen. Die Designerin Marian van Aubel hat hierzu Gewächshäuser für Hausdächern entworfen, die mit Solarenergie beheizt werden und nur minimal Wasser benötigen.

Ein Garten wie aus dem Videospiel

Auch wenn der Vitra-Campus immer eine Reise wert ist, wirkt „Garden Futures“ letztlich doch eher summarisch als inspiriert. Die Fotos wurden in altmodischem Braun-Weiß auf die Wände gedruckt, sodass man keinen Eindruck von dem farbigen Schauspiel erhält, das Gärten doch auch ausmacht. Aber wer weiß, vielleicht ist Mutter Natur ja gar nicht mehr so relevant im Garten der Zukunft. Der chinesische Künstler Zheng Guogu zum Beispiel folgt in seinem weitläufigen Liao-Garten zumindest einem naturfernen Vorbild: Er setzt darin die Ästhetik des Videospiels „Age of Empires“ um.

Weitläufiger Vitra-Campus

Stühle
Gärten sind natürlich auch kaum denkbar ohne Möbel – Designmöbel aus der Vitra-Sammlung wie der Spaghetti-Liegestuhl, der mit Schnüren bespannt ist.

Gebäude
Auf dem Vitra-Campus in Weil am Rhein stehen sehenswerte Gebäude von Frank Gehry oder den Architekten Herzog & de Meuron. Es gibt mehrere Ausstellungen, Gastronomie und Shop. Geöffnet ist täglich von 10 bis 18 Uhr. adr