So sieht das Projekt Horizon von Facebook derzeit aus: Dank 3-D-Brille, Mikrofon und Avatar sollen die Nutzer einander im virtuellen Raum begegnen. Foto: Facebook

Beim Fantastikfestival Dragon Days haben drei Experten im Literaturhaus über virtuelle Realität diskutiert. Die wird bald unser aller Leben durchdringen, glauben Tad Williams, Benjamin Rudolf und Eva Wolfangel – Facebook arbeitet schon daran.

Stuttgart - Erst wenn wir unseren Körper einmal abgelegt haben, diesen schwerfälligen, hinderlichen Klotz, geht das Leben richtig los. Das ist keine Utopie, die sich Hightech-Visionäre aus dem Silicon Valley ausgedacht haben. Es ist eine uralte Hoffnung, die in vielen Religionen steckt. Das könnte einer der Gründe dafür sein, dass viele Menschen, die nicht mit Computerspielen und der Versenkung in 3-D-Welten aus dem Rechner aufgewachsen sind, die virtuelle Realität, kurz VR genannt, noch immer für eine suspekte Gaukelei halten.

 

Die nächste Umwälzung

Das Zurücklassen des beschränkten Fleisches, der Aufbruch unseres Geistes in andere Sphären klingt diesen Skeptikern nach Blasphemie: als solle uns da ein von Prozessorgöttern regierter Himmel aus dem Datenkabel verkauft werden, der bloß eine Hölle seichter Ablenkungen ist.

Der amerikanische Science-Fiction- und Fantasyautor Tad Williams, der virtuelle Realitäten ab 1996 in seinem Romanzyklus „Otherland“ ausmalte, lange bevor die Technik seine Ideen hätte umsetzen können, war am Wochenende per Videokonferenz einer Veranstaltung des Stuttgarter Fantastikfestivals Dragon Days im Stuttgarter Literaturhaus zugeschaltet. Den Skeptikern müssen da die Ohren geklingelt haben: Williams geht wie seine Gesprächspartner an diesem Abend, die IT-Fachjournalistin Eva Wolfangel und der VR-Praktiker Benjamin Rudolf, davon aus, dass virtuelle Realitäten die nächste große Umwälzung der Gesellschaft bringen wird.

Entlastung der Biosphäre

Wobei Rudolf das Wort Digitalisierung nicht mag, es „sei ein Brett vor dem Kopf unserer Gesellschaft“. Es suggeriere die bloße Umwandlung des Vorhandenen in eine neue Form und stamme aus einer Zeit, als man gedacht habe: „Aha, Dokumente werden jetzt Dateien, alles, was es im Büro gibt, gibt es jetzt auch im Computer.“ Rudolf erwartet von der VR aber mehr und anderes als das schon Bekannte. Seit dem Siegeszug der sozialen Medien dürfte jedem klar sein, dass er da keinesfalls ins Träumen entschwebt. Facebook, Twitter, Instagram und Whatsapp haben nicht einfach Telefonate, Mails, Freundschaftsabende, Kneipen- und Straßenbahngespräche sowie die Tageszeitung ergänzt oder ersetzt. Sie haben unsere Kommunikationsformen und den Umgangston verändert, unser Denken und unsere Sozialgeflechte. Sie verschieben politische Gewichte und lösen den für Gesellschaften unabdingbaren Faktenkonsens auf.

Was also ist von VR zu erwarten? Eva Wolfangel tritt einen Schritt zurück von Utopie und Dystopie. Nicht nur mit Blick auf die Einschränkungen in Corona-Zeiten, sondern auf die Entlastung der Biosphäre durch weniger Reisen weist sie auf Möglichkeiten hin, aus realen Begegnungen virtuelle zu machen. Wenn wir uns mit Avataren im virtuellen Raum auf Veranstaltungen begeben, dann sei all das möglich, was auf echten Konferenzen „zwischen Tür und Angel passiert“ und oft das eigentlich Wichtige sei. Man trifft zufällig jemanden auf dem Weg zu seinem Ziel, lässt sich auf ein Gespräch ein oder kommt zu einem Gespräch dazu, das andere führen, kann sich einmischen, neue Kontakte knüpfen.

Das Gehirn spielt mit

Wolfangel ist viel via Avatar unterwegs, interviewt in virtuellen Begegnungsräumen Menschen, nimmt an Konferenzen teil, pflegt Freundschaften. Sie kann bezeugen, dass die Technik gar nicht all das liefern muss, was sich ihrem Zugriff im Moment noch entzieht, weil unser Gehirn willig mit ihr kooperiert. Wolfangel, die Augenpartie von einem Headset bedeckt, ein Mikrofon vor dem Mund, hat mit einer Freundin die Umarmungsfunktion in der künstlichen Welt genutzt: „Und ich habe wirklich ihre Hände auf meinem Rücken gespürt und wie ihr Atem an meinem Hals entlang streicht.“

Einen Datenhandschuh, der uns glaubhafte Eindrücke virtueller Körper und Oberflächen vermittelt, hält denn auch Tad Williams für die „Killer-App“, die der virtuellen Realität einen breiteren Durchbruch bringen werde als die bloße VR-Brille. Benjamin Rudolf weist darauf hin, dass an all dem gearbeitet wird, so auch an immer besserer Gesichtslesetechnik. Die VR-Brille erfasst den Gesichtsausdruck ihres Trägers, damit dessen Avatar eine differenzierte, aktuelle Mimik hat.

Facebook arbeitet daran

Sarkastisch weist Rudolf mehrfach darauf hin, wer der Marktführer bei der Entwicklung komfortabler virtueller Welten für jedermann ist: Facebook. Mark Zuckerbergs Firma hat gerade einen großen Betatest des Projekts Horizon laufen, einer virtuellen Begegnungs- und Erlebniswelt, deren Öffnung für alle ursprünglich noch für dieses Jahr angekündigt war.

Zwar gibt es da den großen Einwand, so etwas habe es mit Second Life zu Beginn des Jahrzehnts schon einmal gegeben, das sei nach kurzer Hype-Phase gefloppt. Aber der Unterschied von Second Life zu moderner VR ist wohl der eines frühen Schnurlostelefons zu einem aktuellen Smartphone. Tad Williams erinnert daran, dass alle moderne Technologie sowieso „von dem bestimmt wird, was die Nutzer real damit machen, was sich vorher keiner ausgedacht hat“. Das Fazit so oder so: Da kommt was auf uns zu.