Die Hochzeit ist zu einem Event geworden, für das deutsche Paare sehr viel Geld ausgeben. Viola Dreyer sorgt dafür, dass zwischen dem Sektempfang und dem Feuerwerk alles rund läuft.
Ein Kribbeln liegt an diesem Novembertag in der Luft. Paare, die Hand in Hand zwischen den Ständen entlangschlendern, haben ein Lächeln im Gesicht. Auf der Messe „Wir heiraten“, die jährlich in Stuttgart stattfindet, lassen sich Paare zu Trauringen und Kleidern beraten, werden Häppchen bei Caterern probiert und Probefotos mit Profifotografen geschossen. Ein Pianist spielt „Perfect“ von Ed Sheeran – der derzeit beliebteste und romantischste Song für den Eröffnungstanz. Einen Stand weiter können Feuerringe, brennende Liebessymbole und Feuerwerke für den großen Tag gebucht werden. In einer Ecke sitzen Paare mit Virtual-Reality-Brillen auf dem Kopf, über die ein Hochzeitsfilm abgespielt wird: In der künstlichen Realität steht man plötzlich neben der Mutter einer Braut, blickt vom Dach der Hochzeitslocation über den angrenzenden Wald oder hebt das Sektglas für einen Toast auf das Brautpaar.
Das beste Hochzeitsvideo nützt allerdings nichts, wenn der Tag selbst nicht so verläuft, wie es sich das Brautpaar ausgemalt hat. Damit der Caterer zur richtigen Zeit auftischt, das Feuerwerk auf die Minute abgeschossen wird und der DJ genau die Musik spielt, die die Hochzeitsgesellschaft für die perfekte Stimmung braucht, ist präzise Planung gefragt. Dominique und Doreen Kämpfe aus Waiblingen war das von vorneherein klar. Statt während ihres großen Tages Abstimmungen mit Dienstleistern treffen zu müssen, wollten sie sich zurücklehnen und einfach loslassen können. Und sie wollten ihr größtes Hobby, das Reisen, mit ihrer Hochzeit verbinden. Die Planung all dessen haben sie in die Hände von Viola Dreyer gelegt: Im August dieses Jahres haben sie sich in der kroatischen Hafenstadt Rovinj das Jawort gegeben – organisiert von der Hochzeitsplanerin Dreyer.
Die Hochzeit – ein Konsumfest
Heiraten, das bedeutete einmal, dass zwei Menschen sich Treue schworen, Ringe austauschten und danach in einem Lokal feierten. Heute ist die Hochzeit oft ein Event der Superlative: Es beginnt mit „Save the date“-Karten (die erste Ankündigung), dreht sich um Locations (der Austragungsort) und „Give-aways“ (die Gastgeschenke). Heiraten als Abfolge von Konsumentscheidungen. Die Deutschen geben im Durchschnitt rund 9000 Euro für die Eheschließung aus. Es ist ein riesiger Markt, der wächst, ein Hype, den Leute wie Viola Dreyer verkörpern.
Natürlich trifft man auch sie im November auf der Messe „Wir heiraten“. Seit sieben Jahren plant die Stuttgarterin Traumhochzeiten, vorwiegend von Paaren aus Baden-Württemberg. Und immer häufiger plant Dreyer die Hochzeiten nicht in Sindelfingen, Heilbronn oder Albstadt, sondern auf Mallorca, auf Santorini oder in der Toskana – denn mehr und mehr ihrer Kunden wollen bei zuverlässig schönem Wetter heiraten. Dreyer bietet Paaren ein Rundum-sorglos-Paket: Vom Heiratsantrag, für den sie im Auftrag des Verlobten das Wort „Love“ in gut ein Meter hohen Buchstaben in der Wilhelma oder neben der Villa Eugenia in Hechingen aufstellt, über die Suche nach der perfekten Hochzeitslocation bis hin zu den Flitterwochen – wer will, muss sich um fast nichts kümmern. „Nur beim Heiratsantrag, da muss man schon selbst die Frage stellen“, sagt Dreyer und lacht.
Märchenhochzeit im Schloss Monrepos
Dass Dreyer ein Organisationstalent ist, merkt man sofort. Ihr Handschlag ist fest, ihr Blick wach. In ihrem Atelier in Böblingen hängen Brautkleider aus feinen Stoffen auf der Stange, in Regalen reihen sich Geschirrsets und Einladungskarten aneinander. Aus einem Buch kann man Dekorationen mit träumerischen Namen wie „Mallorca Moments“ oder „Botanical Feast“ auswählen.
Dreyers Kunden sind Menschen mit Budget: Für einen Scheich hat sie beispielsweise eine Hochzeit für 1,4 Millionen Euro geplant, für einen Manager aus der Automobilbranche und ein brasilianisches Model verwandelte sie das Schloss Monrepos in einen Märchensaal und ließ 10 000 Papierschmetterlinge von der Decke schweben, und zurzeit ist sie für ein Mitglied der Europäischen Kommission tätig. Das Budget – mindestens 20 000 Euro – verplant sie nach der „50:50-Hochzeitsformel“: Die eine Hälfte investiert sie in Location und Catering, die andere in Dekoration, Styling, DJ, Trauredner und in jeden weiteren Luxus, den die Paare sich gönnen möchten.
Wie viele deutsche Paare sich einen Hochzeitsplaner gönnen, ist nicht bekannt. Für Dreyer jedenfalls gibt es mehr als genug zu tun, denn die Nachfrage sei enorm: Rund 90 Paare haben sie von Juni bis Oktober dieses Jahres angefragt, nur für 14 von ihnen wird sie 2023 und 2024 tatsächlich die Hochzeit planen können – zusätzlich zu verschobenen Hochzeiten aus den Coronajahren.
„Brautzillas“ – der Albtraum jedes Hochzeitsplaners
Bei einem ersten persönlichen Treffen klopft sie die Wünsche der Paare ab. „Bis zur Hochzeit müssen Hunderte Entscheidungen getroffen werden. Paare müssen grundsätzlich ähnliche Vorstellungen haben, sonst wird es für beide Seiten anstrengend.“ Wer Dreyer virtuell kennenlernt, muss damit rechnen, dass die Hochzeitsplanerin per Laptop durch die Wohnung getragen werden will. „Wie Leute eingerichtet sind, sagt viel über ihren Stil und ihren Geschmack aus.“
Viola Dreyer liebt ihren Beruf. Negativ in Erinnerung bleiben ihr aber „Brautzillas“ (ein Mischwort aus „Braut“ und „Godzilla“), wie sie Bräute (manchmal auch Bräutigame) bezeichnet, deren Ansprüche und Unentschlossenheit eine Hochzeitsplanerin in den Wahnsinn treiben können. Dreyer erinnert sich an ein Paar, das erst auf der Schwäbischen Alb, dann auf Mallorca und am Ende in der Toskana heiraten wollte, sodass Dreyer schlussendlich fast drei Hochzeiten planen musste. „Je mehr man anbietet, desto fordernder werden manche Paare.“ Solche Kunden seien glücklicherweise die Ausnahme. Dass eine Hochzeit mit einer Planerin per se teurer ist als ein selbst organisiertes Fest, glaubt sie nicht: „Ohne Planer übernehmen sich manche Paare schnell. Ich weiß, wie viel etwas kostet und wie viel Budgetpuffer man einkalkulieren sollte.“
Eine Hochzeit, an die man ein Leben lang glücklich zurückblickt, braucht eigentlich keine Hochzeitsplanerin oder viel Geld. Dreyer selbst weiß das am besten. Sie und ihr Mann haben vor sieben Jahren im kleinen Kreis im Alten Schloss in Stuttgart gefeiert. „Für mich war das damals ein perfekter Tag“, erinnert sich die Mutter einer achtjährigen Tochter.
Dreyer ist Dienstleisterin und Seelentrösterin
Tina Reimann und Daniela Ditzing aus Fellbach sind perfektionistisch. „Unsere Hochzeit soll einmalig sein“, sagt Ditzing. Für die Organisation des Festes haben die beiden Frauen neben ihrem eigenen Pflegedienst keine Zeit. Stattdessen wird Viola Dreyer für sie ihre Hochzeit in einem Fünf-Sterne-Hotel auf Mallorca im Sommer 2024 planen.
Die Baleareninsel ist Viola Dreyers zweite Heimat, zehn Jahre hat sie auf der Insel gelebt und sich um die Villen von verreisten Mallorquinern gekümmert. Kürzlich ist sie mit Reimann und Ditzing nach Mallorca geflogen, um Locations zu besichtigen. Die Wahl fiel schließlich auf ein Hotel, von dessen Pool aus man auf das Mittelmeer blickt. Die Traumhochzeit mit 35 Gästen ist dem Brautpaar rund 60 000 Euro wert.
Viola Dreyer ist eine Dienstleisterin. Sie verwaltet das Budget, verteilt am Tag der Hochzeit auf den Toiletten Drogerieartikel oder stellt auch mal eigenhändig eine Bar mit Snacks auf. Sie schließt das Hochzeitskleid der Braut und reicht Taschentücher, wenn Tränen der Rührung fließen. Oft leistet Dreyer aber auch seelischen Beistand für die Paare. In den vergangenen Jahren musste sie ihre Kundschaft besonders häufig trösten, weil aufwendig geplante Hochzeiten wegen Corona verschoben werden mussten.
In Baden-Württemberg werden jährlich mehr als 50 000 Ehen geschlossen, jede dritte Ehe wird geschieden. Wofür also der ganze Aufwand und die Perfektion? Viola Dreyer sieht das gelassen. „Ich bin für einen besonderen Tag von zwei Menschen verantwortlich, nicht aber für das Eheglück des Paares.“