Mehr als ein Dutzend Games-Studios haben sich in Ludwigsburg niedergelassen. Sie machen die Barockstadt zum drittgrößten Standort für Videospiele im Land. Was macht die Stadt für Entwickler so attraktiv und wo gibt es Probleme?
Frieda verändert sich. Ihre Wut droht sie zu zerfressen, zu lange schon ist sie auf der Suche nach ihrer Schwester. Viel Zeit bleibt ihr nicht mehr, noch drei Tage, dann ist Vollmond. Und wenn sie ihre Schwester bis dahin nicht gefunden hat, wird sie für immer zum Werwolf. Es ist ein düsteres Szenario, das Clara Deitmar, Luzie Kehle und Julius Dorsel derzeit in ihrem Videospiel „Frieda is Changing“ zum Leben erwecken.
Die drei haben im vergangenen Sommer ihr Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg beendet und daraufhin den Schritt zum eigenen Games-Studio gewagt. „Frieda is Changing“ entspringt Kehles Diplomarbeit und ist bereits das zweite Projekt von „Mucks Games“, wie die drei ihre Firma genannt haben. Ihr Erstlingswerk „The Bear“ erscheint im April und wurde jüngst für den Deutschen Computerspielpreis nominiert.
Aus den Vorarbeiten aus dem Studium soll für „Frieda is Changing“ nun ein Prototyp entstehen, der die Vision dann auch wirklich auf den Bildschirm bringt. „Ziel ist es, die Essenz des Spiels zu finden“, erklärt Luzie Kehle. So etwas kostet Geld und das nicht zu knapp. Einen Teil davon übernimmt die Medien- und Filmgesellschaft (MFG) Baden-Württemberg. Sie schießt dem Projekt im Rahmen der Games BW Förderung 43 000 Euro zu.
Auch das Mystery-Adventure „Black Castle“ vom Entwicklerstudio Zeitland profitiert von der Förderung. Mehr als 350 000 Euro sollen der Firma helfen, aus dem Prototypen ein fertiges Spiel zu machen. Sieben Leute gehören zum Kernteam von Zeitland, sie sind alte Hasen in Ludwigsburg. Seit 2010 sitzt das Studio in der Barockstadt, Geschäftsführer Beren Baumgartner hat am Animationsinstitut studiert. „Es gibt bestimmt Standorte, die für ein Studio besser geeignet sind“, sagt Baumgartner. „Aber hier haben wir unser Netzwerk.“
Netzwerken ist ein Schlüsselbegriff für die Indiestudios, die MFG hilft dabei, schafft Möglichkeiten zum Austausch. „Erfahrung ist ein riesiger Faktor“, sagt Baumgartner. „Man muss ja nicht die Fehler von anderen noch mal neu machen.“ Konkurrenzdenken spiele dagegen kaum eine Rolle, sagen alle, die man fragt. „Am Ende hilft man sich mehr als man sich schadet“, sagt Baumgartner.
Ein zentraler Knotenpunkt für die Vernetzung der Spieleentwickler ist die Filmakademie. Sie ist wahrscheinlich auch der Hauptgrund dafür, dass Ludwigsburg mit seinen 14 Studios den drittgrößten Standort für Games-Entwicklung in Baden-Württemberg stellt. „Bei jedem Thema habe ich Leute, die kurz zuvor vor dem gleichen Problem gestanden sind“, erklärt Julius Dorsel von „Mucks Games“. Darüber hinaus definiert die Hochschule in vielerlei Hinsicht auch die Handschrift der Ludwigsburger Entwickler.
„Die Studios aus der Akademie haben einen hohen Anspruch an die Gestaltung der Spiele und ans Storytelling“, sagt Ellen Koban, die Unitleiterin für Kultur- und Kreativwirtschaft der MFG. „Man merkt, dass dort die kreativen Köpfe herkommen.“ Die MFG arbeitet eng mit der Akademie zusammen und steht auch mit dem zweiten Ort für Vernetzung der Games-Industrie in engem Austausch: dem Kokolores Collective. Vier Arbeitsplätze sponsert die MFG dort.
„WG-Stimmung“ im Kokolores Collective
Ums „Koko“ kommt niemand herum, der über Videospiele in Ludwigsburg spricht. Zahlreiche Firmen und freiberufliche Kreative arbeiten von dort aus, alle mindestens im weiteren Sinne mit der Games-Branche verbandelt. Neudeutsch würde man es Co-Workingspace nennen, doch es ist mehr als das. „Hier herrscht WG-Stimmung“, sagt Thomas Krüger, der dort nicht nur mit seinem Studio „Navel“ sitzt, sondern sich auch um die Verwaltung kümmert. Das Kokolores investiert in berufliche Vernetzung, aber will auch darüber hinaus Veranstaltungen organisieren.
„In Ludwigsburg sitzt wahnsinnig viel Talent“, findet Beren Baumgartner. „Aber es gibt noch zu wenig Unterstützung.“ In erster Linie geht es – natürlich – ums Geld. Geld für die Spieleproduktion, klar, aber es müsse auch in Infrastruktur investiert werden. „Die kleinen Studios haben teilweise nicht einmal Geld für eigene Büroräume“, erklärt Baumgartner und denkt noch weiter. Es brauche mehr Schulen, mehr Studiengänge, besseres Equipment – „sonst sind die guten Leute irgendwann weg“.
„Andere Länder fördern besser, mehr und länger“
Der Entwickler bezieht sich dabei nicht allein auf Ludwigsburg, ihm geht es um die Situatoin in der gesamten Republik: „Andere Länder fördern besser, mehr und auch schon länger“, sagt er. Im internationalen Vergleich landet Deutschland in Sachen Förderquote maximal im Mittelfeld, das zeigen mehrere Studien des Verbands der deutschen Games-Branche.
Mittlerweile ist auch die Stadt Ludwigsburg auf den Zug aufgesprungen. Thomas Krüger erhält für seine Verwaltungsarbeit im Kokolores seit März einen finanziellen Zuschuss, er kann sich neun Stunden die Woche nur auf diese Arbeit konzentrieren. Zudem soll rund ums „Koko“ ein Start-Up-Zentrum für die gesamte Kreativbranche mit Räumlichkeiten in der Innenstadt entstehen. Allerdings: Diese Räumlichkeiten fehlen noch, eine erste Idee in der Seestraße hat sich kürzlich zerschlagen.
Ludwigsburger für den Deutschen Computerspielpreis nominiert
Preis
Das Ludwigsburger Studio „Mucks Games“ ist für den Deutschen Computerspielpreis 2024 nominiert worden. Für ihr Spiel „The Bear – A Story From The World Of Gra“ können sich die drei Spieleentwickler Hoffnungen auf einen Preis in den Kategorien „Beste Story“ und „Bestes Grafikdesign“ machen. Die Gewinner werden am 18. April verkündet.
The Bear
Die Entwickler bezeichnen ihr Spiel als „Gute-Nacht-Experience“. In fünf kurzen Kapiteln erzählt das Spiel die Geschichte des Kleinen und des Bären, die durch eine Welt mit winzigen Planeten fliegen. Das Spiel erscheint am 16. April auf iOs.