Großeinsatz für die Feuerwehr in Sindelfingen Foto: 7aktuell

Albtraum in einem Hochhausviertel in Sindelfingen: Eine Wohnung im 16. Obergeschoss steht in hellen Flammen. Nun stellt sich die Frage, ob Rauchmelder den Tod eines Bewohners hätten verhindern können.

Albtraum in einem Hochhausviertel in Sindelfingen: Eine Wohnung im 16. Obergeschoss steht in hellen Flammen. Nun stellt sich die Frage, ob Rauchmelder den Tod eines Bewohners hätten verhindern können.

Sindelfingen - Das Feuerdrama im Wohngebiet Eichholz am Freitag beginnt mit dem ersten Notruf um 14.15 Uhr: Augenzeugen melden eine Explosion und einen Brand im oberen Bereich des 21-stöckigen Hochhauses an der Friedrich-Ebert-Straße 17. Das Gebäude ist mit 63 Metern das höchste Hochhaus im Landkreis Böblingen. Höchste Alarmstufe: 177 Feuerwehrmänner und 90 Helfer vom Rettungsdienst rücken aus.

Für einen 85 Jahre alten Bewohner im 16. Obergeschoss kommt aber jede Hilfe zu spät. Seine Wohnung hat bereits vollkommen durchgezündet, die Flammen schlagen aus den Fenstern. Feuerwehr-Einsatzleiter Wolfgang Finkbeiner spricht von einer „sehr großen Hitze, einer sehr großen Branddynamik“. Was das heißt, spüren die Wehrmänner, die als erste dort oben eintreffen: Am Brandort ist es so heiß, dass ihnen die Visiere am Helm wegschmelzen. Und die halten normalerweise 200 Grad Celsius aus.

Der 85-Jährige hat keine Chance. Auch der Balkon ist ein Flammenmeer. Der Mann springt in die Tiefe – den heraneilenden Rettungskräften vor die Füße. Er ist sofort tot. Zwei Bewohner aus den darüber liegenden Stockwerken müssen mit Verdacht auf eine Rauchvergiftung ins Krankenhaus gebracht werden. Zehn Bewohner erleiden einen Schock, werden von Notfallseelsorgern betreut. Das Feuer ist vor 16 Uhr gelöscht – doch der Schaden ist immens. In den oberen Stockwerken steht die Statik infrage, darunter gibt es großen Wasserschaden.

Am Ende müssen alle Bewohner des Gebäudes Nummer 17 raus. „Wir können nicht ausschließen, dass es weiter unten zu Dehnfugenbränden kommt“, sagt Feuerwehrsprecher Peter Jäger. 252 Wohneinheiten sind betroffen, in den Doppelkomplexen 15 und 17 leben etwa 700 Menschen. Oberbürgermeister Bernd Vöhringer zeigt sich erschüttert: „Das gab es in dieser Dimension noch nie“, sagt er, nachdem er von einer Kindergarteneinweihung an den Brandort geeilt ist. Notzelte werden zunächst aufgestellt.

Studentin Sina Sommer, 22, gehört zu denjenigen, die draußen bleiben müssen: „Ich weiß nicht, wie es jetzt weitergehen soll“, sagt sie. Im Rathaus wird ein Krisenzentrum eingerichtet. „Es ist jetzt unser Job, dass die Menschen, die nicht mehr zurückkehren können, anderweitig untergebracht werden“, sagt Vöhringer. Wie viele Bewohner das Angebot wahrnehmen müssen, ist zunächst offen.

Die Ursache ist völlig unklar. „Die Brandermittler werden frühestens am Samstag die Wohnung betreten können“, erklärt Polizeisprecherin Tatjana Wimmer. Fest steht, dass die Verpuffung die Folge, nicht die Ursache des Feuers gewesen war. Der Brand muss also eine ganze Weile unbemerkt geschwelt haben, ehe die Feuerhölle losbrach. Vielleicht hätte ein Rauchmelder den 85-Jährigen rechtzeitig warnen können. „Doch es gibt keine Rauchmelder“, sagt Polizeisprecherin Wimmer.

Dabei hatte es erst zehn Wochen zuvor im Nachbargebäude Friedrich-Ebert-Straße 13 einen Brand gegeben. Im dritten Obergeschoss war im Bereich eines Balkons ein Feuer ausgebrochen. Es waren Nachbarn, die dichten Qualm bemerkten und die Feuerwehr alarmierten. Die 75 und 83 Jahre alten Bewohner konnten sich retten, die Folgen hielten sich mit drei Leichtverletzten und 15 000 Euro in Grenzen.

Der Schaden am Freitag: Hunderttausende Euro. „Sechs bis acht Wohnungen sind nicht mehr bewohnbar“, sagt Vöhringer am Abend. Mit Georg Rothfelder, Geschäftsführer der Wohnstätten Sindelfingen GmbH, der das Gebäude gehört, wird nach Ausweichstätten gesucht. Das Rote Kreuz versorgt Betroffene in der Mensa der Eichholzschule. Die Wohnungen im Gebäude 17 sollen schrittweise wieder freigegeben werden. Es wird ein langer Tag der Ungewissheit.Sindelfingen.

Info

Der 85-Jährige in Sindelfingen ist das dritte Todesopfer eines Wohnungsbrands in der Region in diesem Jahr. Ohne Rauchmelder werden Feuer zu spät bemerkt.

Ostfildern, 20. Februar: „Es riecht nach Rauch“, meldeten Nachbarn per Notruf. Als die Feuerwehr die Wohnung in der Beethovenstraße im Stadtteil Nellingen (Kreis Esslingen) aufsuchte, stießen sie auf verrußte Räumlichkeiten – und auf den 59-jährigen Bewohner, der tot im Flur lag. In der Küche glühte eine Herdplatte, drum herum verschmorten diverse Gegenstände.

Zuffenhausen, 3. Februar: Durch einen elektrischen Defekt geraten im Schlafzimmer einer 85-Jährigen ein Kabel und das Bett in Brand. Die Frau flüchtet sich unter Kartonagen in einer Zimmerecke. Sie wird erst Stunden später bei einer zweiten Suche von der Feuerwehr gefunden.

Leonberg, 10. Dezember 2013: Starker Qualm macht Nachbarn in der Stuttgarter Straße auf ein Feuer in einem Dreifamilienhaus aufmerksam. Für die 91-jährige Bewohnerin kommt jede Hilfe zu spät. Sie ist bereits vom Rauch vergiftet.


 

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