Der künftige Trainer des VfB Stuttgart, Alexander Zorniger: Klare Ansagen, brennende Leidenschaften. Foto: Baumann

Er prägt seine Teams mit harter Hand, nimmt sie aber auch mit auf die Reise ins Abenteuerland des kreativen Spiels. Ein Porträt des künftigen VfB-Trainers Alexander Zorniger.

Stuttgart - Es war ein netter Versuch, die Nachrichten-Lawine zu bremsen, als der künftige VfB-Trainer Alexander Zorniger (47) via Facebook eilends dementierte, was die Spatzen in Leipzig und Stuttgart seit Wochen von den Dächern pfeifen. Es gebe nichts Neues in der Causa zwischen seinem früheren Arbeitgeber und seiner Wenigkeit.

Wie schön: Er möchte nun mal nicht stören auf dem beschwerlichen Weg des VfB Stuttgart zum Klassenverbleib. Und er hält sich an das eherne Gesetz unter Trainern, die Lippen zu versiegeln, solange der Vorgänger noch seine heikle Mission erfüllt.

Das kümmert im geschwätzigen Partyzelt des Fußballs zwar längst nicht mehr jeden, der sich um die wenigen Futternäpfe balgt, es spricht aber für die Prinzipientreue des schwäbischen Freidenkers Alexander Zorniger. Er muss ohnedies streng darauf achten, nicht früher als nötig in eines der zahlreichen Fettnäpfchen zu treten, die sein künftiges Arbeitsumfeld für ihn bereithält.

Er zählt nicht zu den Popstars der Branche

Alex – wer?, fragt die weiß-rote Entourage, seit publik wurde, mit welchem Architekten der VfB das Haus für eine glorreiche Zukunft plant. Zorniger zählt nicht gerade zu den Popstars der Branche, sein Talent als Volksschauspieler hält sich in Grenzen, und dass seine Sozialisation als Coach zuletzt bei den vermeintlich geschichtslosen Parvenüs von RB Leipzig zu neuen Höhen strebte, belastet die Willkommenskultur des Rückkehrers in den wilden Süden ganz erheblich.

Da trifft es sich gut, dass dem studierten Sportlehrer und Geograf der Ruf vorauseilt, über ein Selbstbewusstsein zu verfügen, das praktisch jeder Belastung standhält. Das ist kein Malus in einem öffentlichen Schauspiel, in dem die Selbstbehauptung zur Notfallausrüstung jeder halbwegs wichtigen Rolle zählen sollte.

Der Narziss räumt in seinem Ehrgeiz alles weg

In Leipzig allerdings endete der Weg des ehemaligen VfB-Co-Trainers (2009 unter Markus Babbel) nach Meinung vieler Beobachter schließlich vor seinem Spiegelbild – und damit vor dem einzigen, mit dem er noch auf Augenhöhe zu diskutieren vermochte.

Dass der Primus seines Trainer-Lehrgangs nach zwei Aufstiegen in die dritte und in die zweite Liga selbst seinem Förderer Ralf Rangnick kein Gehör mehr schenkte, beantwortete der nicht minder selbstbewusste RB-Sportdirektor mit einem Konter: Am 11. Februar 2015 trennten sich die Wege der beiden Fußball-Gelehrten, die drei Jahre zuvor noch in Übereinstimmung ihrer Philosophien eine Zielvereinbarung verabredet hatten: den möglichst raschen Aufstieg von RB Leipzig in die Bundesliga.

Jetzt erzählen sie sich in Sachsen ihre ­Anekdoten von dem hartleibigen Südstaatler, der 2012 glatt rasiert und vor Dynamik strotzend angetreten war, um der alten Fußballstadt den Ruf zu verschaffen, der ihr qua Historie zusteht. Er verließ sie mit einem Bart wie Barbarossa und mit einem von den Bürden seiner Arbeit gegerbten Gesicht.

Der Narziss in Zorniger, so scheint es, räumt in seinem brennenden Ehrgeiz alles weg, was ihm den Weg in die Walhalla der großen Trainer noch verstellen könnte. Und wer es wagt, mit kritischen Einwürfen Feuer an seine kurze Zündschnur zu legen, gerät unvermittelt ins Zentrum gewaltiger Explosionen – wie jener nachhakende Reporter, der mit einem Mal Auskunft geben sollte über beruflichen Werdegang und fußballerische Erfolge.

„Haben Sie überhaupt was gelernt?“, ätzte Zorniger und sackte schließlich zusammen wie ein missglücktes Soufflé, als der Befragte sein BWL-Studium aufführte und seine zeitweilige Zugehörigkeit zur zweiten Liga.

Fleiß, Disziplin, Ordnung, Strebsamkeit

„Er wird in Stuttgart einen Medienberater brauchen“, sagen sie in Leipzig und attestieren dem Ex-Trainer in mancherlei Hinsicht Züge eines Felix Magath. Sein Tugendpaket – Fleiß, Disziplin, Ordnung und Strebsamkeit – predigt Zorniger mit leicht heimatlichem Akzent so intensiv wie der Pfarrer von der Kanzel.

Und wer meint, gegen die Gmünder Gebote verstoßen zu können, erlebt ein Drama wie einst der RB-Stürmer Ante Rebic. Der Kroate kam gegen den FSV Frankfurt nach 66 Minuten ins Spiel und bog nach 88 unfreiwillig wieder ab – unter die Dusche.

Es gibt ihn aber auch, den anderen Zorniger, den duften Typ, der seine Spieler mit auf die Reise zu nehmen vermag ins Abenteuerland des Spiels. Dann erklärt er ihnen den Sinn seiner Kritik und dass es ein Fehler wäre, die Sache mit der Person zu verwechseln.

Sie wachsen mit ihm, arbeiten sich von einem Aha-Erlebnis zum anderen und spüren, dass sie Teil einer Mannschaft sind, die von Stil, Charakter und Courage geprägt keinen Gegner mehr zu fürchten braucht.

„Manchmal muss man ihn bremsen“

„Alex lebt 24 Stunden am Tag für den Fußball“, sagt einer seiner engsten Freunde, „manchmal muss man ihn bremsen.“ Auch, weil Menschen mit brennenden Leidenschaften Kanten entwickeln, an denen sich die anderen gern mal stoßen.

Zwar attestieren ihm seine Freunde manchen emotionalen Exzess, aber auch Intellekt und Empathie, um die Geister wieder einzufangen, die er im Eifer ruft. „Der Alex ist manchmal ein A. . .loch auf dem Platz“, sagten die Mitspieler einst über den erratischen Block, der sich im defensiven Mittelfeld quer legte gegen die anstürmende Konkurrenz, „aber nach dem Spiel ist er ein super Kumpel. Sensationell.“

Weshalb sein Glück beim VfB in den nächsten drei Jahren auch davon abhängen dürfte, wie klug sein fußballerischer Glaubensbruder Robin Dutt die Pirouetten des Neuen steuert. Beide waren einst im selben Trainer-Sprengel unterwegs und diskutierten auf der Skihütte weniger die Güte des Carvingschwungs als die Geheimnisse des gepflegten Angriffsfußballs.

Geistiges Kind des Geislinger Gurus Helmut Groß

Zorniger wie Dutt sind geistige Kinder des Geislinger Gurus Helmut Groß, Mentor von Ralf Rangnick und Impulsgeber einer Spielart, die sich nicht damit aufhält, die Kugel in den eigenen Reihen ängstlich hin und her zu schieben.

Von den strapaziösen Ausschlägen seines inneren Seismometers erholte sich Zorniger auf Mauritius, inzwischen zieht er wieder von Leipzig aus die Strippen. Woher auch seine Freundin Kristine stammt, eine Online-Journalistin der „Leipziger Volkszeitung“. Die beiden sind nach Auskunft von Freunden in Stuttgart auf Wohnungssuche. Und beim VfB wissen sie inzwischen auch über die Konfektionsgröße Zornigers Bescheid.

Möglich allerdings, dass er auch das noch dementiert.