Es läuft nicht nur sportlich schlecht beim VfB Stuttgart, auch perspektivisch hat der Fußball-Bundesligist wenig zu bieten. Der Sparplan der aktuellen Führungsriege liefert keine Antworten auf die Herausforderungen der Zukunft. Foto: dpa

Sparsamkeit ist nie ein Fehler, aber sie kann nicht die alleinige Grundlage einer Unternehmens-Strategie sein. Der VfB Stuttgart steckt nicht nur sportlich im Tief, ihm fehlen in einer schwierigen Zeit ein charismatischer Chef und überzeugende Perspektiven.

Stuttgart - Sollte der intellektuelle Überbau des VfB Stuttgart den Regeln des Anstands folgen, erreicht den Hamburger SV in den nächsten Tagen eine freundliche Depesche aus Bad Cannstatt. Mit Dank und Gruß an Thorsten Fink – in herzlicher Verbundenheit: Gerd Mäuser, Dieter Hundt, Ulrich Ruf.

Was immer den Trainer nach dem 1:0-Erfolg seiner Elf zu dem bemerkenswerten Steilpass animiert hatte, er setzte sich jedenfalls vor die Presse und schilderte die Gründe für eine Misere, die den Verein für Bewegungsspiele zusehends lähmt. „Mit diesem kleinen Kader auf drei Hochzeiten zu tanzen“, sagte Fink mit bedeutungsschwerer Miene, „ist schwierig, das kann eigentlich nicht ohne Folgen bleiben.“ Und deshalb hatte er seinen Männern eingetrichtert, dass sie – die eigene Ordnung haltend – geduldig auf ihre Siegchance zu lauern haben. „Mit jeder Minute schwanden die Kräfte der VfB-Spieler mehr. Darauf war unser ganzes Spiel angelegt. Es hat funktioniert“, sagte Fink.

Eine bizarre Szenerie, die auf das Auditorium wirkte, als hätten die VfB-Häuptlinge ihre ureigene Aufgaben an den gegnerischen Coach delegiert: überzeugende Erklärungen dafür zu liefern, warum die Mannschaft zwangsläufig hinter den Erwartungen bleibt. Stattdessen spielt die Stuttgarter Laienschauspielschar schon seit Beginn einer total verkorksten Rückrunde nur noch im Verborgenen, wo sie das Stück vom Vogel Strauß gibt, der mit dem Kopf im Sand auf bessere Zeiten hofft. Wer dennoch insistiert, bekommt aus einer zunehmend genervten VfB-Pressestelle Antworten wie diese: „Der Präsident hat schon alles gesagt.“ Oder: „Herr Mäuser will sich dazu nicht äußern.“

Stuttgarter Weg ist getarnter Sparplan

Das hilft der breiten Öffentlichkeit nicht in Zeiten, in denen die Fans nach einer Per­spektive lechzen, die ihnen darlegt, wie es weitergehen könnte mit dem Verein, der ihnen so sehr am Herzen liegt. Die Mannschaft ist sicher nicht so schwach, wie sie sich derzeit präsentiert, aber auch nicht so stark, wie sie in der Rückrunde der vergangenen Saison glauben machte. „Damals haben wir gegen Mannschaften gespielt und gewonnen, die unter dem Tanz auf mehreren Hochzeiten gelitten haben. Jetzt ist es umgekehrt“, sagt Manager Fredi Bobic, der das Unheil nahen sah – bei Mäuser, Hundt und Ruf aber kein Gehör fand.

Der einst so vollmundig propagierte Stuttgarter Weg ist nur noch ein Holzweg, ein getarnter Sparplan – und der Hals von Bobic inzwischen so dick wie der Fernsehturm. Denn es besteht wenig Hoffnung, dass sich an der Geschäftspolitik, die eindimensional das Millionen-Loch in der Bilanz zu stopfen versucht, so schnell etwas ändert.

„Wir leben zu sehr von der Substanz“, ärgert sich Fredi Bobic, dessen Auftrag zur sportlichen Weiterentwicklung des Kaders in dieser Spielzeit zusammengeschnurrt ist auf die schlichte Forderung: Sparen kann man am besten beim Personal.

Und so gerät der ZehnPunkte-Plan, den Gerd Mäuser zu Beginn seiner Amtszeit vor knapp zwei Jahren präsentierte, mehr und mehr zu einem sinnentleerten Papier, aus dem keinerlei Impulse mehr für einen modern aufgestellten Bundesligisten zu erwarten sind. Zumal der wichtigste Punkt, die rasche Belebung der Idee von den „jungen Wilden“, schon deshalb zum Scheitern verurteilt ist, weil es die Talente (noch) nicht gibt, die sich Mäuser erhofft.

Labbadia: „Uns fehlen zurzeit die spielerischen Mittel“

In der A-Jugend kickt derzeit Timo Werner, ein 17-jähriger Stürmer mit großen Gaben. Das wird aber kaum reichen, um die Marke VfB in absehbarer Zeit wieder aufzuladen. Nicht ohne Grund hat Bobic die Jugendabteilung neu strukturiert. „Aber die Wirkung dieser Maßnahmen entfaltet sich nicht von heute auf morgen“, sagt der Manager.

Weshalb Bruno Labbadia bis auf weiteres mit dem auszukommen hat, was ihm die Vereinsführung ermöglicht. Und das ist im Dreikampf in Liga, Europa League und DFB-Pokal zu wenig, wenn auch noch Teile des angedachten Stammpersonals über längere Zeit ausfallen (Cacau, Didavi, Hoogland). „Uns fehlen zurzeit die spielerischen Mittel“, sagt der Trainer, der weiß, dass seine Sympathiewerte mit jeder Niederlage sinken. Doch seiner Mannschaft mochte Labbadia auch nach der Niederlage gegen den Hamburger SV keine Vorwürfe machen: „Die Jungs werfen alles in die Waagschale, was sie haben.“ Und Fredi Bobic nickte so heftig dazu, dass man um seine Halswirbel fürchten musste: „Ich sehe, wie intensiv der Trainer jeden Tag mit den Jungs arbeitet. Da lässt sich keiner hängen.“

Weil die Früchte dieser Arbeit, gemessen an den Stuttgarter Ansprüchen, aber zu karg ausfallen, wendet sich der Frust mehr und mehr auch gegen die Abteilung Strategie, in der Gerd Mäuser nach einstimmigen Berichten seiner desillusionierten Mitarbeiter im Stile eines autokratischen Behördenchefs amtiert – und Finanzvorstand Ulrich Ruf indigniert im Zustand innerer Emigration verharrt. Frei nach dem Motto seines früheren Chefs und Lehrmeisters Ulrich Schäfer: „Die Bomb’ geht net unter meim Arsch los.“

Guter Rat ist teuer

Die zukunftsweisende Diskussion darüber, wie der VfB im Wettbewerb mit einer sich weiter kapitalisierenden Konkurrenz neue Finanzquellen generieren kann, tritt dabei in den Hintergrund. Die Überlegungen, einen starken Partner ins Boot zu holen oder eine Form der Kapitalbeteiligungs-Gesellschaft zu initiieren, sind in Augen der aktuellen Führungskräfte reine Hirngespinste.

Ungeachtet dessen dämmert auch dem Aufsichtsratsvorsitzenden Dieter Hundt, dass es womöglich nicht die Ultima Ratio war, den ehemaligen Porsche-Vermarkter mit seinen eigenwilligen Umgangsformen ohne gründliche Eignungsprüfung ins Präsidenten-Amt zu hieven. Eigentlich war Joachim Schmidt, Marketing- und Vertriebsleiter bei Mercedes-Benz, die erste Wahl. Weil ihn Daimler-Chef Dieter Zetsche nicht ziehen ließ, rückte Mäuser ins erste Glied. Jetzt ist guter Rat teuer, und die nächste Mitgliederversammlung am 22. Juli verspricht hohen Unterhaltungswert. Selbst die noch mögliche Reise zum Pokal-Finale nach Berlin dürfte wenig an der tiefen Unzufriedenheit der VfB-Mitglieder mit ihrem ideenlosen Führungspersonal ändern.

Die Fan-Gemeinde entwickelt feinere Sensoren für innere Zusammenhänge der Geschäftspolitik, als mancher VfB-Boss wahrhaben will. Nicht ohne Grund hallte es gegen Ende einer dürftigen Darbietung gegen den HSV aus der Cannstatter Kurve: „Mäuser raus“ und „Vorstand raus“. Denn mit jeder weiteren Niederlage reift auf den Rängen die Erkenntnis, dass der VfB unter der aktuellen Führung auf dem Holzweg ist. Und der endete noch immer im Nichts.

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