Abitur und Fußball: Timo Werner. Foto: Pressefoto Baumann

DIe Champions League für U-19-Teams stößt in der Bundesliga auf breite Ablehnung: Zu große Belastung, zu hohes Risiko, zu viele Fehlzeiten.

Stuttgart - Was der designierte Präsident Bernd Wahler im Falle seiner Wahl am 22. Juli mit dem VfB im Detail vorhat, ist noch nicht so ganz klar – eines aber ist sicher: Er will mit den Pfunden wuchern. „Der VfB“, sagt Wahler, „ist deutscher Rekord-Jugendmeister. Aber außerhalb der Region weiß das kaum jemand.“ Das soll sich ändern, und die neu geschaffene Champions League für U-19-Mannschaften wäre der ideale Nährboden, um die Kunde europaweit zu verbreiten. Was läge also näher, als dass der VfB an diesem neuen Format teilnimmt?

Er wird nicht teilnehmen, und das liegt nicht nur an der Europäischen Fußball-Union (Uefa), die nur die Nachwuchsmannschaften jener Vereine zulässt, die mit ihren Profis in der „richtigen“ Champions League vertreten sind. Nein, auch der VfB hat von sich aus der Deutschen Fußball-Liga (DFL) klar signalisiert: kein Interesse. Auch dann nicht, falls sich der Verein in den nächsten Jahren mal wieder für die Königsklasse qualifizieren sollte. „Wir haben uns ausdrücklich gegen diesen Wettbewerb ausgesprochen“, sagt Sportdirektor Jochen Schneider und führt vor allem die hohe zusätzliche Belastung und die erhöhte Verletzungsgefahr ins Feld. „Obendrein“, kritisiert Schneider, „ist der Wettbewerb sportlich fragwürdig.“

Mit dieser Ansicht befindet sich der VfB in bester Gesellschaft. „Ich werte das im Moment als Pilotprojekt“, sagt Borussia Dortmunds Manager Michael Zorc mit aller Vorsicht. Deutlicher wird Horst Heldt. „Es überwiegen die negativen Aspekte“, sagt sein Schalker Kollege. „Das ergibt kaum Sinn“, sagt Jürgen Gelsdorf, der das Nachwuchszentrum von Bayer Leverkusen leitet.

„Da geht es nur um den Kommerz“

Dumm nur, dass die Uefa alle Teilnehmer zwangsverpflichtet hat. Wer sich verweigert, riskiert eine Strafe. Der Hintergrund: Uefa-Präsident Michel Platini will sein unausgereiftes und deshalb ungeliebtes Kind um jeden Preis durchboxen. Ihm war ein Dorn im Auge, dass ein Privatunternehmen seit zwei Jahren die sogenannte Next-Gen-Series für europäische A-Junioren-Mannschaften sponsert – und das dank Sponsorenerträgen und Fernsehübertragungen finanziell erfolgreich. Denn wo es Geld zu verdienen gibt, ist die Uefa nicht weit: Sie nimmt die Sache jetzt selbst in die Hand. Platini jedenfalls ist voller Lob für die sogenannte Youth League – und für die eigene Idee. Er spricht von einem „attraktiven Zusatzangebot“, obwohl kein Club freiwillig teilnimmt und keine Kosten auf die Vereine zukommen sollen.

Alles Humbug, schallt ihm aus der Bundesliga entgegen. „Da geht es nur um den Kommerz“, kontert Jochen Schneider und unkt: „Kommt bald auch eine U-12-Champions-League?“ Ähnliches treibt Volker Kersting, den Jugendleiter des Bundesligisten FSV Mainz 05, um: „Ich finde das sehr bedenklich, dass man sportpolitische Gründe über das Wohl des Nachwuchses stellt.“ Das geht auch an die Adresse des Deutschen Fußball-Bundes (DFB): Dessen Ex-Präsident Theo Zwanziger hatte dem Projekt in der Uefa-Exekutive zugestimmt.

Von September an werden die A-Junioren der Champions-League-Teilnehmer nach der Schule mal schnell ins weißrussische Borissow oder ins ukrainische Donezk fliegen, um gegen Gleichaltrige zu kicken. Die Gruppen der Youth League sind identisch mit der Königsklasse, die Begegnungen finden jeweils am Tag vor den Spielen der Profis statt. Die acht Gruppen-Ersten und -Zweiten bestreiten von Februar 2014 an eine K.-o.-Phase in Einzelspielen, nicht in Hin- und Rückspielen. Die Halbfinalisten kämpfen im April 2014, wohl in Turnierform, um den Lennart-Johansson-Pokal, benannt nach dem Uefa-Ehrenpräsidenten.

Zeit für Training fehlt

In der Praxis bedeutet das: Spieler wie VfB-A-Junior Timo Werner (17), der gerade Abitur macht, sind durch Schule oder Lehre, Training sowie Vereins- und Auswahlspiele ohnehin gut ausgelastet. Hinzu kommen nun weitere Partien und anstrengende, dreitägige Reisen. Dafür fehlt dann Zeit für das Training. „Wenn ein Spieler Defizite im Kopfballspiel hat und im Jahr auf 40, 50 Spiele kommt – wann soll der sich verbessern? Im Spiel verbesserst du dich nicht“, sagt Jürgen Gelsdorf. Zudem fallen noch mehr Fehlzeiten an. Mario Götze etwa brachte es in einer U-19-Saison auf über 200 Fehlstunden in der Schule – ohne Youth League.

Was viel schwerer wiegt: „Gerade in diesem Altersbereich gibt es einen hohen Anteil schwerer Verletzungen“, warnt Jochen Schneider, der künftig einen weiteren Anstieg befürchtet – wie auch Robin Dutt, der ehemalige DFB-Sportdirektor: „Die deutschen Vereine haben eine signifikant steigende Verletzungszahl im Jugendbereich. Wenn der Terminplan dem Körper keine Pause gibt, dann nimmt sich der Körper die Pause selbst.“ Das Argument, die Talente profitierten vom internationalen Vergleich, lässt Jochen Schneider ohnehin nicht gelten: „Gute Jungs spielen für ihre Auswahlteams doch ohnehin schon international.“

Mehr noch: Da die U-19-Teams zwangsverpflichtet wurden, ist keineswegs gewährleistet, dass sie auch eine Qualität mitbringen, die Champions-League-Ansprüchen gerecht wird. „Jeder Verein schickt halt die Mannschaft, die er gerade hat“, sagt Jochen Schneider und erkennt darin eine Willkür, die keine Werbung für den Wettbewerb darstellt. Dabei hätte er sie dringend nötig, selbst in den Reihen der Uefa. „Das System ist noch nicht ganz ausgereift, es bleibt noch viel zu tun“, räumt Karen Espelund, Mitglied des Exekutivkomitees, ein.

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