Der VfB-Profi Takuma Asano, Spitzname „Jaguar“, ist auf den ersten 30 Metern schneller als der Sprintstar Usain Bolt. Foto: Bongarts

Das Stuttgarter Spiel soll nicht nur schneller werden, sondern auch konstanter. Das ist vor dem Rückrundenstart beim FC St. Pauli die große Herausforderung für VfB-Trainer Hannes Wolf und sein Team.

Stuttgart - Matthias Schiffers hat es förmlich umgehauen. Der Athletiktrainer des VfB Stuttgart wusste zwar, dass Takumo Asano schnell ist, schließlich konnte das jeder mit bloßem Auge auf dem Platz erkennen. Und im Trainerstab des Fußball-Zweitligisten ahnten sie auch, dass der japanische Neuzugang auf gut Schwäbisch sauschnell ist. Doch es auf einer Stoppuhr dokumentiert zu bekommen, ist dann noch einmal eine andere Nummer gewesen: 3,67 Sekunden auf 30 Meter – das ist außergewöhnlich.

Zum Beispiel ist der VfB-Stürmer damit schneller als Pierre-Emerick Aubameyang, der sich gerne als der schnellste Fußballer auf diesem Planeten inszeniert, weshalb der Dortmunder schon mal Usain Bolt zum Sprintduell herausfordert. Angetreten sind sie aber noch nie gegeneinander. Aubame­yang könnte das allerdings in der Gewissheit tun, für die 30 Meter nach eigenen Angaben nur 3,70 Sekunden zu brauchen, bei Bolt wurden dagegen 2009 bei seinem Weltrekord über 100 Meter (9,58) auf den ersten 30 Metern 3,78 Sekunden gemessen.

Nun ist Asano also noch einen Wimpernschlag schneller. Doch beim VfB laufen sie keineswegs Gefahr, dass ihr Angestellter in einem Anflug von Größenwahn Bolt auf die Tartanbahn oder den Überholstreifen eines Fußballrasens bittet. Dafür ist der 22-Jährige viel zu bescheiden. Den Stuttgartern würde es schon genügen, wenn ihr „Taku“ ein bisschen mehr Aubameyang wäre und diese wunderbare Verbindung von Rasanz und Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor entwickeln könnte.

Spektakulär ist das – und erfolgreich bei 16 Bundesligatoren. Auf ganze zwei Treffer bei 13 Hinrundeneinsätzen kommt Asano – was selbst dem höflichen jungen Mann aus Fernost zu wenig ist. Dort nennen sie ihn ja wegen seiner Geschmeidigkeit und Torgefährlichkeit Jaguar. Doch den nötigen Biss zeigt er hier noch nicht, weshalb Hannes Wolf schon länger überlegt, wie er den Flitzer besser in die Spur bekommt.

„Es gibt immer wieder diese Momente mit guten Läufen und Torabschlüssen“, sagt der VfB-Trainer. Aus diesen individuellen Momenten sollen jedoch kollektive Phasen werden – und letztlich soll sich daraus die Spielkontrolle ergeben. Dafür hat Wolf in der Offensive einen zweiten Spielbeschleuniger: Carlos Mané. Denn der Portugiese, so die Vermutung im Trainerstab, ist ähnlich schnell wie Asano. Eine vergleichbare Zeit gibt es aber nicht, weil Mané angeschlagen pausieren musste, als die Sprinttests durchgeführt wurden.

Sicher ist jedoch, dass der 22-Jährige reichlich Spielwitz aus Lissabon mitgebracht hat – womit es Mané auf seinen Streichholzbeinchen immer wieder gelingt, diesen schrecklich sachlichen Zweitligaverteidigern zu entwischen. Meist über die rechte Außenbahn, aber in der Rückrunde müssen sich die langen Kerls im Abwehrzentrum darauf einstellen, dass ihnen häufiger ein kleiner, wendiger Typ zwischen den Beinen herumwuseln wird.

Die Spieler sollen häufig die Positionen wechseln

Beide Varianten sind zuletzt praktiziert worden, aber auf keine will sich Wolf vor dem Rückrundenstart an diesem Sonntag (13.30 Uhr) beim FC St. Pauli fixieren. „Wir wollen flexibel bleiben“, sagt der Trainer. Am liebsten so flexibel, dass die Spieler während der Partie häufig die Positionen wechseln. Mit dem in der Winterpause verpflichteten Julian Green gibt es dafür nun sogar eine weitere leichtfüßige Alternative.

Doch Wolf weiß nur zu gut, dass er sich nicht allein auf die Geschwindigkeit Einzelner verlassen kann. Für den VfB-Chefcoach ist der moderne Fußball eine ziemlich komplexe Angelegenheit, in der es darauf ankommt, stets fußballerische Lösungen für den verdichteten Raum vor dem gegnerischen Tor zu finden. Auch deshalb will er sich nicht auf ein System festlegen oder gar eine Spielidee reduzieren lassen, denn für Wolf bieten – um auf höchstes Niveau zu springen – sowohl der Speedfußball à la Ralf Rangnick als auch der Ballbesitzfußball à la Pep Guardiola ihre reizvollen Möglichkeiten.

Beides muss geübt werden – und beides braucht der VfB auf seinem Niveau. Rein statistisch, weil er in der Hinrunde die Mannschaft mit dem höchsten Ballbesitzanteil (53,8 Prozent heim/53,9 Prozent auswärts) war. Und grundsätzlich, weil es noch immer am wahrscheinlichsten ist, ein Tor zu erzielen, wenn man eine unsortierte Abwehr in Sekundenschnelle mit einem Konter überfallen kann. Darauf basiert Rangnicks Hochgeschwindigkeitsphilosophie. Das geht bei RB Leipzig so weit, dass es für den Sportdirektor ein K.-o.-Kriterium ist, wenn ein Profi den 30-Meter-Test nicht in einer vorgegeben Zeit absolviert.

Wer länger als 4,2 Sekunden braucht, wird als „lahme Ente“ eingestuft und sollte entweder auf eine Unpässlichkeit hinweisen oder sich auf die Sechserposition zurückziehen können – dann aber mit strategischen Qualitäten und starker Balleroberung. Guardiola würde es dagegen niemals in den Sinn kommen, einen Fußballer mit der Stoppuhr in der Hand zu beurteilen. Der Trainer entstammt schließlich der Barça-Schule, die auf Technik und Spielintelligenz sowie Handlungs- und Gedankenschnelligkeit fußt.

Theoretisch. Praktisch gibt es beide Ansätze nicht in Reinform, weshalb sich zum Beispiel Thomas Tuchel das Beste aus beiden Welten nimmt. Und Tuchel ist der Fußballlehrer, der den damaligen Nachwuchstrainer Wolf in Dortmund dazu aufforderte, sich mit auf die Profibank zu setzen. Um diese Dynamik und Athletik hautnah zu erleben. Mitreißend sind sie – und die Spiele von einer Intensität, die Wolf seit Kurzem beim VfB in ähnlicher Form begegnet.

Tempofest bis zum Abpfiff

Das wird jetzt auch am Hamburger Millerntor so sein, wo der 35-Jährige nach seiner ersten Vorbereitung mit den Stuttgartern eine Elf auf den Rasen schicken will, die seinen eigenen Vorstellungen von Fußball immer näher kommt. Tempofest bis zum Abpfiff sollen die Spieler sein, was den Verdacht hegen könnte, dass sie es zuvor nicht waren. Doch das ist und war noch nie Wolfs Thema, nachdem er eine Mannschaft übernommen hat, die im Sommer ganz anders auf die Saison vorbereitet wurde: Jos Luhukay ließ ausschließlich mit Ball, aber ohne extra Läufe und Sprints arbeiten.

Wolfs übergeordnetes Thema nach Auswertung der Hinrundendaten lautet vielmehr: Konstanz. Denn allein der Blick auf Tore und Gegentore zeigt, dass der VfB ausgesprochen gut (neun Treffer von der ersten bis zur 15. Minute) in seine Spiele kommt. Nach der adrenalingetränkten Anfangsviertelstunde bricht es ab, was nichts Besonderes darstellt, sondern Normalität.

Aus diesem Grund hat sich Wolf nicht damit beschäftigt, warum die Sprints weniger werden, sondern warum der VfB dabei gleich die Spielkontrolle verliert. Und aus diesen Analysen leitet er die Herausforderung für die Zukunft ab: Er muss es schaffen, dass die Mannschaft die Spielintensität länger hoch hält. Alles, um Schwankungen im Spiel möglichst zu vermeiden. Selbst bei wachsendem Gegnerdruck, heißer Auswärtsatmosphäre und größer werdender Müdigkeit. „Trotzdem müssen wir in der Lage sein, unser Spiel durchzusetzen“, sagt Wolf – was die Begegnung auf St. Pauli sicher ganz schnell zeigen wird.

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