Der Sportdirektor Sven Mislintat (links) hat beim VfB Stuttgart viel sagen – hier vor der Kamera des clubeigenen TV-Kanals. Foto: Baumann/Julia Rahn

Beim VfB Stuttgart geht es im Abstiegskampf nicht nur um den Zusammenhalt, sondern ebenso darum, ob der Club dem Sportdirektor bedingungslos folgen will.

Stuttgart - Vielleicht liegt es ja schlicht an der Kessellage. Weit unten an der Mercedesstraße in Bad Cannstatt steht das Stadion. Berühmt-berüchtigt für seine Akustik, wenn der VfB Stuttgart Fußball spielt. Denn voll besetzt können die vielen Schwaben auf den Rängen ihre Lieblingsmannschaft an guten Tagen nach vorne brüllen und zu Erfolgen tragen. An weniger guten Tagen verkommt das weite Rund jedoch zur Bruddler-Ecke.

 

So oder so löst das Stadiongeschehen ein unüberhörbares Echo in Stadt und Region aus. Auch jetzt wieder. Trotz Geisterkulissen. Genau genommen wurden die Sätze diesmal zwar nicht in der Arena ausgesprochen, sondern im Clubhaus mit dem roten Dach nebenan. Aber sie stehen in direktem Zusammenhang. Die Worte waren auch nicht besonders laut. Sven Mislintat hat sie mit Bedacht ausgewählt und nach dem 2:3 gegen Eintracht Frankfurt zu einer Rede angesetzt, die beim VfB eine Grundsatzdiskussion ausgelöst hat – und die lange nachhallen wird.

Stellt sich der Stuttgarter Weg als Irrweg heraus?

Der Sportdirektor forderte Zusammenhalt auf allen Ebenen ein und rief im Bundesliga-Abstiegskampf den „Lackmustest“ aus: „Bisher war nur Gerede über Kontinuität. Jetzt zeigt sich, wer rausgeht und Verantwortung übernimmt.“ Mislintat selbst hat sich zum VfB bekannt, obwohl sein Vertrag über eine Ausstiegsklausel verfügt. Er will den eingeschlagenen Weg mit dem Trainer Pellegrino Matarazzo bedingungslos weitergehen – auch im Falle eines Abstiegs. Es ist ein Pfad der Jugend, da er die Verpflichtung von Talenten, deren Entwicklung, Wertsteigerung und letztlich Verkauf beinhaltet. In der Bundesliga wohlgemerkt, um die Mannschaft und den Club wachsen zu lassen.

Nun aber, da der dritte Abstieg innerhalb von sechs Jahren näher rückt, stellt sich beim VfB zusehends die Frage, ob sich Mislintats Weg (so wird das immer stärker empfunden) am Ende nicht doch als Irrweg herausstellen könnte. Der Unmut bei einem Teil der Anhängerschaft wächst. Angesichts der akuten Absturzgefahr können sie mit den Zukunftsperspektiven eines jungen Teams gegenwärtig nichts anfangen. Ein paar Punkte mehr wären ihnen lieber.

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Das Geraune im Verein nimmt ebenfalls zu, da für viele Angestellte die erneute Zweitklassigkeit keinen Betriebsunfall darstellen würde, sondern eine Katastrophe. 20 Millionen Euro im Jahr kostet der Verwaltungsapparat den VfB, und der Sportdirektor hat – zumindest in der Wahrnehmung zahlreicher Vereinsmitarbeiter (380 insgesamt) – den Eindruck erweckt, als ob der Kernbereich diesen ganzen Ballast mitschleppen müsse, weil er ihn finanziert.

Das ist so, da in Pandemiezeiten dem VfB im Laufe einer Saison fast ohne Zuschauer mehr als 30 Millionen Euro allein durch Ticketeinnahmen entgehen. Schon jetzt ist klar, dass der Club in seinen mittelfristigen Planungen Transferüberschüsse eingerechnet hat. 25 Millionen netto jährlich, wie Mislintat sagt. Weshalb der Sportdirektor von Substanzverlust spricht, denn die besten und begehrtesten Spieler werden verkauft.

Thomas Hitzlsperger spricht Klartext

Notwendigkeiten sind das jedoch für den Vorstandsvorsitzenden Thomas Hitzlsperger und den Finanzchef Thomas Ignatzi. Um die VfB AG finanziell über Wasser zu halten. Dennoch weisen die Stuttgarter einen Personaletat von fast 50 Millionen Euro aus. Und setzt man die Budgettabelle zur Bundesliga-Tabelle ins Verhältnis, müsste der Vorletzte vor der SpVgg Greuther Fürth, dem VfL Bochum und Arminia Bielefeld liegen. Vielleicht sogar vor dem FC Augsburg, dem FSV Mainz 05 und Union Berlin.

„Keine Frage: Es gibt Mannschaften, die vor uns stehen und die wir schlagen müssten“, sagt Mislintat. Passiert jedoch nicht. Deshalb nimmt Hitzlsperger nach sechs Spielen ohne Sieg (fünf Niederlagen) die Spieler in die Pflicht. „Unser Job ist es nicht, die Mannschaft zu motivieren. Die Jungs haben sich selbst zu motivieren. Wenn sie das nicht schaffen, sind sie fehl am Platz, überhaupt in dem Beruf, den sie ausüben“, sagt der Vorstandschef im Club-TV.

Den Glauben an die eigene Elf hat Hitzlsperger jedoch noch nicht verloren. Wie der Vereinspräsident Claus Vogt hält er zudem zur Sportlichen Führung. Ruhe ist das oberste Gebot. Was sollen sie auch tun? Ein Trainerwechsel wäre genau der Reflex, den sie vermeiden wollen und der im Jahrzehnt zuvor zum Niedergang des schwäbischen Fußballstolzes beigetragen hat. Dagegen kämpft der Sportdirektor an. Mit allen Mitteln.

Mislintat oder nix, lautet daher die Wahl. Er ist der starke Mann, dem viele Fans folgen. Zumal Hitzlsperger den Club bald verlässt, Vogt sich beim Versuch, einen externen Sportvorstand zu installieren, verschätzt hat und der neue AG-Boss Alexander Wehrle (Köln) sein Büro in der Mercedesstraße noch nicht bezogen hat. Doch schon jetzt braut sich im Stuttgarter Kessel Unheil zusammen.