Der VfB Stuttgart zeigt eine seriöse Leistung, nimmt die Hürde SV Darmstadt 98 souverän. Als Lohn gab es die Tabellenführung für mindestens eine Nacht. Ein Moment zum Genießen. Aber die Verantwortlichen müssen nun in gewissem Maße gegensteuern, meint Philipp Maisel.
Sie hatten es tatsächlich mitgebracht. Rund zwei Jahrzehnte fristete das gute Stück ein Schattendasein, irgendwo in einer staubigen, muffigen Ecke der Räumlichkeit, in der die organisierte Fanszene ihre Materialien aufbewahrt. Zum Abpfiff wurde es präsentiert. „SPITZENREITER“ war auf dem Textil in großen Lettern zu lesen und untermalt von den passenden Gesängen wurde von Fans und Mannschaft angemessen zelebriert, dass der VfB Stuttgart zumindest für eine Nacht die Tabellenführung in Deutschlands höchster Spielklasse innehat.
Erstmals gezeigt wurde es nach dem phänomenalen Saisonstart 2003/2004, als der Club nach dem 7. Spieltag mit 17 Punkten und einem Torverhältnis von 9:0 Tabellenführer war. Wenige Tage später schlug die damalige Truppe in der Champions League die Weltstars von Manchester United mit 2:1 – dieses monumentale Ereignis, für viele Fans eines der größten Spiele des VfB überhaupt, jährt sich kommenden Sonntag, den 1. Oktober, zum 20. Mal.
Davor lagen etwas mehr als 90 Minuten, in denen man einen seriösen Auftritt hingelegt hatte. Abgesehen von zwei Phasen zu Beginn und gegen Ende des Spiels waren die Stuttgarter immer Herr der Lage, kontrollierten Ball und Gegner, siegten auch in der Höhe verdient mit 3:1 (2:1) und bewiesen erneut, dass man hinsichtlich Reifeprozess einen weiteren Schritt nach vorn gemacht hatte. „Der Sieg fühlt sich richtig, richtig gut an, weil er ein Stück Reife zeigt. Ich hoffe, dass wir diesen Reifegrad weiterentwickeln können“, bilanzierte Trainer Sebastian Hoeneß völlig zu Recht.
Dazu konnte man sich mal wieder auf den überragenden Torjäger Serhou Guirassy verlassen. „Ich weiß doch auch nicht, was mit dem nicht stimmt“, entfuhr es DAZN-Moderator Uli Hebel nach Guirassys erneuter Gala mit zwei Toren und einer Vorlage an diesem Freitagabend und dies drückt – mit einem gewissen Augenzwinkern – eigentlich perfekt das ungläubige Staunen aus, das der fast unwirkliche Lauf des Stürmers bei den Zuschauern auslöst. Es scheint ihm aktuell alles zu gelingen.
Diese Gemengelage darf man gebührend feiern. Einen besseren Start in ein langes Bundesliga-Wochenende kann man kaum hinlegen. Die Mannschaft, das Trainerteam, der Club und seine Fans dürfen diese Momentaufnahme genießen. Doch gerade jetzt gilt es, besonders wachsam zu sein. Nie ist ein Abschwung näher als im Moment des Höhepunkts. Und dazu gesellt sich der Umstand, dass einige Spieler im Brustringtrikot im Verlauf der zweiten Spielhälfte Anwandlungen zeigten, die als Alarmsignal gewertet werden sollten. Denn nur mit Hacke, Spitze, Trallala gewinnt man weder Fußballspiele, noch geziemt es sich, einen unterlegenen Gegner damit zu verhöhnen. Die Verantwortlichen müssen hier in einem gewissen Maße gegensteuern, damit die Truppe nicht überdreht.