Der VfB Stuttgart hat im Kampf gegen den Abstieg durch eine schwache Anfangsphase im Spiel bei Hertha BSC seine Trümpfe aus der Hand gegeben. Wie ist das zu erklären?
Die Szenen hatten schon etwas von Untergangsstimmung. Borna Sosa war auf dem Rasen des Olympiastadion in die Knie gegangen, sein Trikot hatte der Kroate vors Gesicht gezogen. Sasa Kalajdzic trottete wenige Minuten später mit den Kollegen in die Kurve, in der die Stuttgarter Fans standen – und weinte. Andere blickten einfach ins Leere. Weil sie fast alle im schlechtmöglichsten Moment ihre Leistung nicht hatten abrufen können. Die Folgen? Folgenschwer!
Drei Spieltage vor Saisonende hat der VfB Stuttgart das Duell bei Hertha BSC gegen den direkten Konkurrenten 0:2 verloren – und die Chancen auf den direkten Klassenverbleib schwinden. Die kommenden Gegner: VfL Wolfsburg, FC Bayern, 1. FC Köln. Der Rückstand auf Platz 15: vier Punkte. Und selbst der Relegationsrang ist noch längst nicht abgesichert. Der erneute Absturz in Liga zwei bleibt ein – für den Geschmack der VfB-Fans – viel zu heißes Thema.
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Die Malaise begann für den VfB in der Hauptstadt schon vor der Partie. Atakan Karazor war nach seiner Coronainfektion zwar freigetestet, aber nicht vollständig fit geworden. Und Omar Marmoush, der ägyptische Angreifer, meldete sich kurzfristig wegen muskulären Problemen ab. Ebenfalls nicht mit dabei in Berlin: Roberto Massimo, der unter der Woche krank gewesen war. Viel schlimmer als die personellen Probleme war dann aber das Auftreten der Mannschaft in den ersten Minuten der Partie.
Angst vor dem Versagen?
Als ob die Angst vor dem Versagen Beine und Gedanken gelähmt hätte, ließ sich der VfB von einer rustikalen Hertha geradezu überrumpeln. „Wir haben die erste Halbzeit völlig verschlafen“, sagte Abwehrspieler Waldemar Anton, der nach der Partie ratlos wirkte und ergänzte: „Schwer zu sagen, warum das passiert ist. Wir hätten von Anfang an da sein müssen.“ Eine Erklärung hatte auch Sven Mislintat nicht.
„Das waren nicht wir“, haderte der Sportdirektor des VfB mit den ersten 30 Minuten der Partie, „diese erste halbe Stunde hat mir nicht gefallen. Wir haben die Zweikämpfe nicht gewonnen.“ Anton vermisste gar den Willen, diese Duelle überhaupt zu führen. Und der Trainer Pellegrino Matarazzo meinte scharf: „Wir waren nicht da, das reicht nicht. Dafür gibt es keine Ausreden.“ Nur Nutznießer. Die Berliner jedenfalls konnten ihre starken ersten fünf Minuten mit einfachsten Mitteln krönen.
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Marvin Plattenhardt legte den Ball an Tiago Tomas vorbei, flankte in den Strafraum, wo Davie Selke in der vierten Minute nur den Fuß hinhalten musste. Der VfB lag hinten – und das war verhängnisvoll. „Die Führung war für Hertha der Schlüssel zum Sieg“, sagte Mislintat, der eine „knallharte“ Analyse ankündigte. Die Gastgeber konzentrierten sich fortan auf das Verteidigen. Und da der VfB schon zuletzt Schwierigkeiten hatte, aus dem Spiel heraus zu Toren zu kommen, wurde dieses Unterfangen nun noch viel schwieriger.
Es droht die Relegation
Zwar hatten sich die Stuttgarter irgendwann gefangen und traten vor allem nach der Pause dominant und druckvoll auf, hochkarätige Chancen erspielte sich das Team aber quasi keine einzige. „Im letzten Drittel hat uns die Präzision gefehlt“, klagte Anton – und so rettete die Hertha ihre knappe Führung mit viel Einsatz durch die Partie. Um in der Nachspielzeit dann letzte Zweifel zu beseitigen. Ishak Belfodil düpierte Hiroki Ito gleich zweimal und schob für die Berliner zum 2:0 ein. „Wir haben uns“, bilanzierte Sven Mislintat, „in eine deutlich schwierigere Ausgangsposition gebracht.“
Davon, dass der VfB die direkte Rettung noch in der eigenen Hand habe, kann nun keiner mehr reden. Der FC Augsburg (35 Punkte) ist nach dem Sieg gegen den VfL Bochum die meisten Sorgen los. Hertha BSC liegt nun vier Punkte vor den Stuttgartern, denen der erneute Gang in die Relegation droht – wie 2019, als der Abstieg folgte. Hinter dem VfB ist aber auch Arminia Bielefeld noch im Spiel. Sven Mislintat versuchte sich trotz der Misere in Zweckoptimismus.
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„Wir lagen auch schon einmal mit vier Punkten Rückstand auf Rang 17“, sagte er und ergänzte: „Aufgeben nützt nichts, wir müssen nach vorne schauen.“ Das erste von drei Endspielen steigt am kommenden Samstag (15.30 Uhr) gegen den VfL Wolfsburg, wenn es laut Mislintat auch darum geht, „die Fans zurückzuholen“. Die seien in Berlin zurecht sauer gewesen. Ob sie zu versöhnen sind? Werden die nächsten drei Partien zeigen. Oder erst die Relegationsspiele am 19. und 23. Mai.