Gute Erfahrungen in Manchester: Ex-VfB-Profi Maurizio Gaudino Foto: Baumann

Der VfB Stuttgart testet gegen Manchester City – dem Ex-Club von Maurizio Gaudino. Der ehemalige Mittelfeldspieler der Roten spricht im Interview über seine Erfahrungen auf der Insel.

Stuttgart – - Herr Gaudino, der VfB Stuttgart trifft an diesem Samstag auf Manchester City. Ein Club, an den Sie beste Erinnerungen haben, oder?
Ja, die Zeit bei Manchester City war zwar kurz, aber wirklich schön.
Sie wechselten in der Winterpause der Saison 1994/95 von Frankfurt nach England . . .
. . . und am Anfang kam ich mir vor wie ein Zuschauer beim Tennis.
Wie dürfen wir das verstehen?
Es wurde bei Manchester City damals typisches Kick and Rush gespielt, das heißt: Ich habe als Mittelfeldspieler nur den Ball über mich hinwegfliegen sehen.
Nicht schön für einen Mittelfeldspieler.
Überhaupt nicht, aber nachdem ich mit dem Trainer gesprochen hatte, war er zum Glück einverstanden damit, dass mich die Abwehrspieler auch flach anspielen dürfen. Ab diesem Zeitpunkt war es besser, und am Ende haben wir auch den Abstieg verhindert.
Nach einem halben Jahr haben Sie den Verein aber wieder verlassen.
Ich habe lange hin und her überlegt, da ich ein Angebot für zwei Jahre hatte. Aber Eintracht Frankfurt wollte mich zurück. Im Nachhinein hätte ich vielleicht bleiben sollen, aber auch so war es eine tolle Erfahrung.
Nicht nur rein fußballerisch, oder?
Nein, zum einen war es schön zu sehen, mit wie viel Leidenschaft die Menschen in England den Fußball verfolgen. Andererseits bot auch das Leben als Profi einige Unterschiede zu Deutschland.
Zum Beispiel?
Als wir mal ein spielfreies Wochenende hatten, hat uns der Präsident mitten in der Saison zum Golfspielen nach Portugal eingeladen. Morgens war Training, mittags ein Golfturnier, abends sind die meisten Spieler dann noch ausgiebig ausgegangen.
Sie nicht?
Ich bin auf meinem Zimmer geblieben. Der Hammer aber war: Genau die Spieler, die bis 4 Uhr morgens unterwegs waren, haben mich geweckt, damit ich nicht zu spät zum Training komme. Die haben gefeiert – und im Training trotzdem Gas gegeben.
Heute funktioniert der Profifußball anders.
Heute ist das Team von Manchester City eine Ansammlung internationaler Stars, der Fußball ist noch mehr zum Business geworden, jeder Verein ist eine große Firma – und England ist in Sachen Vermarktung in vielen Bereichen Vorreiter. Daher sage ich auch: Wenn die Bundesliga nicht Probleme bekommen will, muss sie sich weiter öffnen.
In Asien präsent sein . . .
. . . und – trotz aller Tradition – auch über andere Anstoßzeiten nachdenken, um die internationalen TV-Erlöse zu steigern.
Hat der englische Fußball nicht genau so einen Teil seiner Romantik verloren?
Das glaube ich nicht. Die Stadien sind noch immer voll, Familien fühlen sich dort wohl und sicher, die Topstars spielen in der Liga.
Nun misst sich der VfB mit Manchester City – in Ihren Augen ein echter Härtetest?
Diese Partie ist schön für Fans und Verein, ich denke aber, dass sie für Manchester City nicht den gleichen Stellenwert hat wie für den VfB. Von daher sollte man ein mögliches Erfolgserlebnis auch nicht überbewerten.
Was halten Sie von der neuen VfB-Strategie?
Ich habe noch kein Spiel gesehen, daher kann ich mir kein Urteil erlauben. Klar ist aber: Solch eine neue offensive Philosophie muss sich über Jahre verfestigen. Beim FC Barcelona etwa funktioniert sie, weil sie seit Jahrzehnten etabliert ist und jeder Spieler damit aufwächst. Der VfB musste diese Struktur erst erschaffen, nun braucht es Zeit. Der Gedanke, der dahintersteckt, ist aber der Richtige.
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