Torhüter Sven Ulreich beruhigt die treuen Fans in der Cannstatter Kurve nach dem 1:4 gegen Augsburg – noch stimmt die Harmonie zwischen Anhängern und Mannschat Foto: Baumann

Nach sieben Niederlagen aus acht Spielen gehen Fußballfans normalerweise auf die Barrikaden. Die Anhänger des VfB dagegen bleiben überraschend ruhig. Noch hat das Team seinen Kredit nicht vollends verspielt. An diesem Samstag gegen 1899 Hoffenheim sind die VfB-Profis aber in der Pflicht.

Stuttgart - Eigentlich könnten alle, die ihr Herz dem VfB geschenkt haben, wunschlos glücklich sein. Die Reizfiguren der vergangenen Jahre – Ex-Präsident Gerd Mäuser, Ex- Aufsichtsratschef Dieter Hundt und Ex-Trainer Bruno Labbadia – sind weg. Auf dem Rasen kicken Talente aus der eigenen Jugend. Coach, Manager und Präsident haben VfB-Vergangenheit. Dummerweise geht es im Fußball aber eben auch ums Sportliche. Und nach vier Niederlagen in diesem Jahr steckt der VfB mitten im Kampf gegen den Abstieg. In früheren Spielzeiten wären die VfB-Anhänger nach sieben Pleiten aus acht Spielen schon längst auf die Barrikaden gegangen, „Trainer raus“-Rufe inklusive.

Nicht so im Frühjahr 2014. Während es von der Haupttribüne zuletzt schon nach den ersten Quer- und Rückpässen Pfiffe gab, blieben die treuen Fans in der Cannstatter Kurve überraschend gelassen. Nach der passablen Leistung beim 1:2 gegen den FC Bayern gab’s Applaus, nach der schwachen Vorstellung beim 1:4 gegen den FC Augsburg zumindest keine Beschimpfungen. Zur Freude von Fredi Bobic. „Wir sind glücklich mit unserer Kurve. Die Fans haben ein sehr gutes Gespür, was auf dem Platz und im Verein läuft“, sagt der VfB-Sportdirektor. Und der Fanbeauftragte Christian Schmidt spürt bei den Anhängern „keine Wut auf, sondern vielmehr Sorge um den Verein.“

Die Voraussetzungen sind eben auch anders als in ähnlich heiklen Phasen in der jüngeren Vergangenheit. Auch weil zuletzt vieles von dem, was sich die Fans gewünscht haben, erfüllt wurde. „Es gab viele Vorschusslorbeeren – für den Präsidenten und für den Trainer. Die Mannschaft hat noch Kredit, die Fans stehen zum Nachwuchs und den jungen Spielern“, sagt Joachim Schmid, der Vorsitzende des Fanclubs RWS Berkheim, der sich persönlich allerdings deutlich mehr von der viel gepriesenen Wende versprochen hatte.

Für Oliver Schaal von der Ultra-Gruppierung Commando Cannstatt hängt die Ruhe im Fanblock auch mit einem „gewissen Realismus und der Erfahrung der Fans im Kampf gegen den Abstieg“ zusammen. Das Beispiel Hamburger SV zeige zudem, dass purer Aktionismus auch vonseiten der Fans nichts bringe – außer noch mehr Unruhe.

Und Oliver Schaal sieht auch das Positive. „Die Spiele gegen Bayern und Leverkusen waren abgesehen von individuellen Fehlern relativ gut“, sagt er, „man sieht positive Ansätze, umso mehr ärgert man sich beim Blick auf die Tabelle.“ Dass die Spieler nach der Pleite gegen Augsburg geschlossen in die Kurve gegangen sind, kam bei den Fans ebenfalls sehr gut an. „Das war eine sehr wichtige Geste, die unmittelbar nach dem Spiel ihre Wirkung gezeigt hat“, sagt der Fanbeauftragte Christian Schmidt, „während des Spiels war der Unmut groß. Dass die Spieler mit den Fans gesprochen haben, hat meiner Meinung nach dafür gesorgt, dass der Abend ruhig geblieben ist.“

Jetzt aber sind die VfB-Profis auf dem Rasen in der Pflicht. Im Spiel gegen 1899 Hoffenheim an diesem Samstag (15.30 Uhr/Sky) muss das Team von Thomas Schneider eine entsprechende Reaktion zeigen – nicht nur mit Blick auf die Tabelle. Oliver Schaal verspricht: „Solange die Einstellung stimmt, so lange wird die Mannschaft auch die Unterstützung aus der Kurve bekommen.“

Wenn dies nicht mehr der Fall ist, könnte die Stimmung aber auch ganz schnell kippen. Die Geduld von Fußball-Fans ist endlich. Eine weitere Niederlage mit entsprechender Leistung – noch dazu gegen den ungeliebten Rivalen aus dem Kraichgau – würde wohl reichen. „Wenn wir am Samstag in Hoffenheim verlieren oder das nächste Heimspiel gegen die Hertha – dann weiß ich nicht, was los ist“, sagt Joachim Schmid und vermutet: „Dann stehen schnell auch wieder der Manager und der Trainer im Fokus.“

Und dann wäre die Gelassenheit der Fans im Frühjahr 2014 nichts weiter gewesen als die Ruhe vor dem großen Sturm.

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