Der VfB Stuttgart tritt am Sonntag bei Hertha BSC an. Für beide Teams steht immens viel auf dem Spiel. Im Vorfeld blicken wir auf fünf Themenfelder vor dem Keller-Kracher, die zum berühmten Zünglein an der Waage werden können.
An diesem Sonntagabend (17.30 Uhr, Liveticker) steht im Berliner Westend ein möglicherweise wegweisendes Duell im Kampf um den Klassenverbleib an. Hertha BSC empfängt den VfB Stuttgart. Oder Charlottenburg den Prenzlauer Berg, wie manche spöttisch behaupten. Die direkten Tabellennachbarn trennt nur ein Punkt. Vor dem Kracher im Keller haben wir fünf Themenfelder identifiziert, die den Ausschlag geben könnten.
Der Trend – der VfB hat den Schwung nicht mitgenommen
Seit vier Spielen ist Felix Magath verantwortlich für die sportlichen Geschicke bei der Hertha. Auch wenn er das erste Spiel noch aufgrund einer Corona-Infektion verpasste – Co-Trainer und Ex-Celtic-Spieler Mark „Fozzy“ Fotheringham ersetzte ihn und holte einen 3:0-Sieg gegen Hoffenheim. So lautet die „Magath-Bilanz“ in Berlin bisher: Vier Spiele, zwei Siege, zwei Niederlagen. Der Routinier übernahm die Berliner nach dem 26. Spieltag auf Platz 17 mit 23 Punkten und zwei Punkten Abstand auf einen Nicht-Abstiegsrang. Aktuell sind die Berliner Fünfzehnter und haben einen Punkt Vorsprung auf den Relegationsrang.
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Der VfB stand am 26. Spieltag mit 23 Punkten auf den Relegationsrang – und da steht er auch jetzt noch mit nunmehr 28 Punkten auf der Habenseite. Die Ausbeute ist also fast gleichwertig mit der des direkten Konkurrenten aus Berlin. Stuttgart hat nur eins der letzten sechs Bundesliga-Spiele verloren und holte aus diesen sechs Partien gute neun Punkte – kein Team im unteren Tabellendrittel war seit Anfang März erfolgreicher. Schwerer wiegt hier jedoch der „gefühlte Trend“, der sich nicht nur in Zahlen niederschlägt. Der VfB hat im April noch nicht gewonnen und es nicht geschafft, den Schwung nach dem kapitalen Sieg gegen Augsburg mitzunehmen. Zudem hat man in den letzten drei Spielen nur ein Elfmetertor nach einem VAR-Entscheid erzielt. Der Euphorie rund um die Schwaben ist wieder Ernüchterung gewichen.
Fazit: Vorteil Hertha BSC
Die Erfahrung – jung und wild gegen abgezockt
Der Kader der Hertha umfasst 31 Spieler. Altersschnitt: 25,7 Jahre. Die Alte Dame stellt damit einen der ältesten Kader der Liga, man setzt auf Erfahrung in Berlin. Der ebenfalls erfahrene Trainer hat den Ball schnell aufgenommen. Zwar setzte er mit Julian Eitschberger (18) einen ganz jungen Kerl aus dem Nachwuchs ein, zahlte dafür aber im Derby Lehrgeld. Das Gerüst der Mannschaft stellen erfahrene Haudegen wie Dedryck Boyata, Peter Pekarik, Vladimir Darida und Stefan Jovetic. Letzte Woche holte Magath Kevin Prince Boateng aus der Versenkung. Der Routinier war maßgeblich für den 1:0-Erfolg in der Fuggerstadt verantwortlich, führte die Truppe als „Aggressive Leader“ zum Sieg. Das ist insofern bemerkenswert, als Magath noch vor der Partie auf die Reporterfrage nach Führungsspielern lapidar antwortete, dass Hertha diese eigentlich gar nicht habe.
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Das krasse Gegenteil stellt der VfB-Kader dar. Mit 22,7 Jahren im Schnitt stellt man nicht nur den jüngsten Kader der Liga, auch in den europäischen Topligen ist man damit in der Spitzengruppe unterwegs. Der VfB hat sich seiner DNA besonnen, setzt auf junge, entwicklungsfähige Spieler. Die entsprechenden Begleiterscheinungen sind eingepreist. So sind die Ausschläge in den Leistungen teils enorm, Entwicklungsschritte bei manchen Spielern bleiben aus oder setzen nicht in dem Maße ein, wie man sie sich erwünscht hatte. Dazu kommt, dass auch Trainer Pellegrino Matarazzo nicht über das Maß an Erfahrung verfügt wie sei Pendant an der Linie am Sonntag. Diese Kombination führte im Saisonverlauf immer wieder dazu, dass der VfB unnötig Punkte liegen ließ – beispielsweise in der Hinrunde in Dortmund oder vor einigen Wochen auswärts in Hoffenheim.
Fazit: Unentschieden
Die Fans – ein entscheidende Faktor?
Wenn es drauf ankommt, kann sich der VfB Stuttgart wie so oft auf seine Anhänger verlassen. Schon bevor die Corona-bedingten Beschränkungen nahezu vollends gefallen sind, pilgerten die weiß-roten Fans zahlreich zu den Spielen. Die Stimmung, die sie erzeugten, trugen die Mannschaft zum Erfolg gegen Mönchengladbach und waren maßgeblich für den Sieg im Schwabenduell gegen Augsburg. Die Ruhe, die die Stuttgarter Entscheider seit Monaten demonstrieren, übertrug sich auf die Fans. Alle ziehen an einem Strang. Am Wochenende waren 4000 Stuttgarter auf „Südamerika-Mottofahrt“ in Mainz. Und auch in Berlin wird unter dem Motto „Alle in Rot!“ der Gästebereich sehr gut gefüllt sein.
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Bei den Herthanern dagegen regiert Tristesse. Die Berliner und ihre Fans, das ist seit Jahren eine problematische Beziehung. In der Stadt hat man die Hoheit verloren, das Gros der Fans pilgert längst nach Köpenick. Die letzten Wochen mit den teils blutleeren Auftritten haben zudem ihre Spuren hinterlassen. Den negativen Höhepunkt stellte das Derby gegen eben jene Unioner dar. Aufgebrachte Anhänger enterten nach der 1:4-Heimklatsche den Innenraum und forderten die Spieler auf, ihre Trikots abzugeben. Am Wochenende blieb der Gästeblock in Augsburg halb leer. Die Verantwortlichen der Berliner reagieren auf die Abwendung der Fans mit speziellen Angeboten. So wurden die Tickets für das Spiel am Sonntag sogar via Discounter auf den Markt geworfen. Bei Netto, einem Sponsor der Hertha, gab es zwei Tickets zum Preis von einem.
Fazit: Vorteil VfB
Die Daten – so kann der VfB die Hertha knacken
Die Hertha hat den Abstiegskampf angenommen. Beim so wichtigen Sieg in Augsburg überzeugte Berlin vor allem kämpferisch; die Hertha-Spieler gewannen 53,6 Prozent der Zweikämpfe (einer der besten Werte in dieser Saison), begingen 17 Fouls am Gegenspieler (nur einmal in dieser Saison mehr), sahen vier Gelbe Karten (in keinem Spiel 2021/22 mehr) und liefen gut drei Kilometer mehr als der Gegner. Dieses Plus trifft allerdings auf eine große Stärke des VfB. Einzig der FC Bayern hat eine bessere Zweikampf-Bilanz als Stuttgart (52,7 Prozent) – und die Schwaben sind fleißig in Sachen direkte Duelle. 6370 Zweikämpfe bestritt der VfB bisher, Platz fünf im Ligavergleich, die Hertha ging nur in 5961 Zweikämpfe (Platz 15). Die 52,7 Prozent bedeuten nicht nur Platz zwei für den VfB, im Detail wird es noch klarer. 2688 gewonnene Zweikämpfe am Boden bedeuten ebenfalls Rang zwei in der Liga (Hertha 2369, Rang 14), in der Luft ist der VfB sogar Klassenprimus. 57,8 Prozent aller Luftzweikämpfe gewinnt der VfB, die Hertha ist hier mit 50,2 Prozent nur Achter in der Statistik.
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Standards könnten für den VfB der Schlüssel zum Erfolg werden. An den ersten 20 Spieltagen erzielte der VfB nur drei Tore nach Standards, an den letzten zehn Spieltagen waren es dann deren sieben – das wird in dieser Zeit nur vom FC Bayern übertroffen. Die letzten vier Treffer gelangen der Matarazzo-Elf allesamt nach ruhenden Bällen. Drei nach Freistößen gegen Augsburg (3:2) und eins per Strafstoß in Bielefeld (1:1). Die Hertha wurde in dieser Bundesliga-Saison schon 17-mal nach Standards bezwungen (nur Greuther Fürth kassiert öfter Standard-Gegentore), unter Felix Magath allerdings noch nicht. Dazu kommt: Keine andere Mannschaft der Liga ist unvorsichtiger im eigenen Strafraum als die Hertha. Die Berliner haben bereits sieben Strafstöße verursacht. Nur Fürth kassierte bisher mehr Gegentore als Berlin (66). Lediglich zwei Bundesliga-Mannschaften haben einen höheren gegnerischen xGoals-Wert als die Hertha (59,5) und einzig gegen Augsburg kamen die Gegner zu mehr Großchancen als gegen Berlin (52). Der VfB hat das offensive Potenzial, daraus großen Nutzen zu ziehen. Wenn seine Offensivspieler wieder mehr Effizienz an den Tag legen als zuletzt.
Fazit: Vorteil VfB
Das Restprogramm – Vorteil Hertha BSC?
Vier Spieltage hält die Bundesliga noch bereit bis zum 14. Mai. Findige Statistiker haben sich daher das Restprogramm aller Mannschaften im Tabellenkeller angesehen – und daraus einen Wert abgeleitet. Grundlegend dafür waren die Tabellenplatzierungen der jeweiligen Gegner, daraus wurde ein Durchschnittswert errechnet. Demzufolge haben die Berliner (11,0) das leichteste Restprogramm. Dahinter folgen der FC Augsburg (10,0), Arminia Bielefeld (9,25), der VfB (9,0) und die SpVgg Greuther Fürth (6,25).
Gesamtfazit: Der Trend ist nicht der Freund des VfB Stuttgart und auch in Sachen Restprogramm scheint Hertha BSC bessere Karten zu besitzen. Doch wie schon Adolf Preißler wusste: “Grau is´ im Leben alle Theorie – entscheidend is´auf´m Platz!“ Wenn es der VfB Stuttgart schafft, seine unbestrittenen Qualitäten am Sonntagabend in Berlin-Charlottenburg auf jenen zu bringen, sollte mindestens ein Punkt für die Schwaben drin sein.